Als Mein Kind Mir Die Zahnbürste An Den Kopf Warf: Eine Zahnputzgeschichte


Wer gesagt hat, Eltern sollen bitte zwei Mal täglich drei Minuten die Zähne ihrer Kinder putzen – Kauflächen-Außenflächen-Innenflächen, Hin und Her, Rundherum, Wische aus, der hatte mit ziemlicher Sicherheit KEINE Kinder. Anders kann ich mir diese utopischen Zahnputzempfehlungen nicht erklären, die schon in Zahnputzliedern für die Allerkleinsten fröhlich geträllert, den verzweifelten Eltern unter die Nase gerieben werden.

Hier klappt das nämlich SO mal überhaupt gar nicht!

Und ich beneide ehrlich alle Eltern, die wahrhaftig vom Zähneputzen sagen können, ihr Kind ist kooperativ genug da mitzumachen.

Es War Einmal!

Ich habe auf meiner Festplatte ein Video, da halte ich Nana auf meinem Arm, sie ist gerade ein paar Monate alt, und kauft fröhlich auf einer Zahnfleischmassagebürste für den Zahnputzeinstieg herum. Da hatte meine Tochter noch überhaupt keine Zähne, gab uns ihre ›Zahnbürste‹ gar nicht mehr wieder, so begeistert war sie davon; und naiv wie wir waren, dachten wir damals: So schwierig kann das mit dem Zähneputzen gar nicht werden.

Tatsächlich schien der Plan aufzugehen.

Die ersten Zähne bekam Nana mit rund sechs Monaten, und von da an putzten wir fleißig morgens und abends gemeinsam vor dem Badezimmerspiegel mit der ersten weichen Zahnbürste und Zahnpasta. Ich hielt Nana dabei auf dem Arm, nahm meine eigene Zahnbürste in den Mund. Sie konnte auch bei mir putzen, wenn sie wollte; und bald bekam sie eine eigene zweite Zahnbürste in die Hand, weil sie gerne helfen mochte.

Soweit, so Gut. Mehr Zähne brachen durch, bald putzte ich die kleinen Beißerchen schon gut eine Minute. Nana machte mit, putzte auch selber ein wenig -Und meistens klappte das alles völlig problemlos.

Doch dann passierte etwas Neues: Nana verweigerte die Zahnbürste, nahm sie mir aus der Hand, warf sie mir an den Kopf und machte partout den Mund nicht mehr auf.

Bäm!

Zu diesem Zeitpunkt war Nana gerade ein Jahr alt und hatte sechs Zähne.

Ich schob es auf das Zahnen, denn ihr Zahnfleisch war wieder gerötet.

Das Problem: In den nächsten Tagen änderte sich an der Verweigerung nichts mehr. Keine Chance. Ich durfte ihre Zähne nicht mehr putzen.

Zahnputzverweigerung: Eine Herausforderung Fürs Gewissen

Wir leben aus Überzeugung o h n e Erziehung und mit kindlicher Selbstbestimmung. Ihre Zähne gehören ganz klar zu Nanas Körper, und liegen damit im Rahmen ihrer eigenen Entscheidungsfreiheit.

Niemals sollte mein Kind verinnerlichen müssen, dass es auf irgendeine Weise n o r m a l sei, wenn jemand gegen ihren Willen etwas IN ihren Körper steckte; auch dann nicht, wenn es sich dabei um soetwas völlig gängiges wie eine Zahnbürste im Mund handelte. Gewalt kam und kommt schon alleine deswegen bei diesem Thema nicht für uns in Frage.

Nicht abzustreiten ist aber: Zähneputzen ist wichtig!

In alternativen Elterngruppen bin ich durchaus auch schon auf gegenteilige Ansichten gestoßen: Familien die plausibel erklären, dass Zähneputzen bei kleinen Kindern sogar schädlicher als nützlich sei, da die Borsten das noch weiche Zahnschmelz abtragen – Dieser Ansatz beruhig hier und da etwas meine Nerven. Im Grunde denke ich persönlich aber doch, das Zähneputzen eines dieser Übel ist, denen wir uns stellen ›müssen‹, so wie Windelwechseln, Waschen und Anziehen auch. Wir kommen da nicht drumrum!

Zähneputzen muss also. Soll also, weil ICH es für notwendig empfinde. Irgendwie. Nur wie?

Seit kurz nach ihrem ersten Geburtstag verweigert Nana die Zahnbürste, und daran hat sich bis heute nichts verändert.

Das heißt, hinter uns liegt heute ziemlich genau ein Jahr voller Ausprobieren, Lösungen suchen, die Nerven verlieren und Zweifeln, aber auch voller wachsendem Vertrauen und der Annäherung an alternative Wege. Puh!

Nach wie vor ist das Zahnputzthema hier schwierig, und ich kann euch KEINEN ultimativen Tipp geben, wenn ihr in einer ähnlichen Situation seid. Im Gegenteil -Ich kann euch viel mehr davon berichten, wie es nicht geht. Und was wir dann getan haben.

Trotzdem: Wir haben einen Weg gefunden, mit dem es UNS gut geht. Und DAS ist, was wirklich zählt.

Eine Zahnputz Odyssee In Drölfzig Akten

Fragst du in Elterngruppen nach Tipps, wie du den Nachwuchs vom Zähneputzen überzeigen kannst, kriegst du mit ziemlicher Sicherheit nebst zahlreichen ›hier ist es genauso‹ Einstimmungen, immer mindestens einmal den Ratschlag ›das Kind festzuhalten und zu putzen, denn das muss nun mal sein!‹ Nun finde ich zwar auch, dass Zähneputzen wichtig ist, und kann und will dem nicht widersprechen, ABER ›einfach festhalten‹ ist zum einen überhaupt nicht einfach und außerdem grobe Gewalt am Kind.

Wenn das Kind wirklich verweigert, so wie Nana es tut, dann ist es mit einem ›jetzt mach schon den Mund auf‹ und Bürste rein nunmal auch nicht getan – Natürlich habe ich in meiner Ratlosigkeit, der Angst um ihre Zahngesundheit, und dem Wissen um MEINE Verantwortung, ja auch schon versucht, die Zahnbürste irgendwie mal kurz an den Zahn zu bekommen. Mit Bitten und Ablenken und allem, was einem so dazu einfällt.

Ihr ‚Nein‘ anzunehmen, das fiel mir gerade in den ersten Wochen überhaupt nicht leicht.

Ich kenne also den Punkt, an dem sie aktiv verweigert. Den Moment, in dem ich ‚einfach festhalten‘ solle.

Aber in diesem Moment, in dem sie den Kopf wegdrehte, sich aus meinem Arm windete, laut ›Nein‹ rief (oder schrie) oder nach mir und der Zahnbürste schlug, da stoppte ich, denn der eine Schritt weiter, egal wie wichtig ich es empfand, wäre körperliche Gewalt gewesen. Ich hätte sie grob festhalten müssen an diesem Punkt, ihre Arme halten, ihren Kopf fixieren, den Mund aufdrücken, und bei alledem irgendwie auch noch die Zähne putzen. Schon der Gedanke! Mich schaudert es, dass es Eltern gibt, die das tatsächlich tun!

Ganz abgesehen davon, dass das regelmäßige Brechen der körperlichen Grenzen (!), zwangsläufig dazu führt, dass mit dem Zähneputzen nachhaltige negative Emotionen verbunden werden (auch dann, wenn es ‚irgendwann verstanden wird‘),  kann ich mir ehrlich gesagt,  nicht einmal vorstellen, dass das Putzen SO tatsächlich gründlicher wäre.

Auf keinen Fall will ich einen Kampf mit meinem Kind. Wir putzen, weil das Zähneputzen dazu gehört, aber wir lassen uns davon nicht zu Gegnern, zu Peiniger und Opfer machen.

Statt dass ich mich in eine Machtposition über mein Kind stelle, sitzen wir im selben lästigen Boot: Also putzen wir unsere Zähne und Nana putzt ihre Zähne. Und das meine ich genauso, wie ich es schreibe: Nana putzt ihre Zähne inzwischen überwiegend alleine.

Geplant war das nicht. Und einfach war diese Einsicht noch viel weniger. Aber unser Kind hat uns gezeigt, dass es anders nicht funktioniert, wenn wir auf Gewalt verzichten wollen.

Wir haben so ziemlich ALLES durch. Drölfzigtausendundeine Idee. Mindestens.

  • Die eigene Zahnbürste sucht Nana sich selbstverständlich schon beim Kaufen aus, und dann nochmal vor jedem Putzen. Ihre Lieblingszahnpasta kennen wir inzwischen unter allen durchprobierten auch. Half aber alles nicht, sobald es ums Putzen ging, verneinte Nana.
  • Vor der elektrischen Zahnbürste hat sie Angst.
  • Der eigene Spiegel in Kinderhöhe und auch ein zeitweilig angebrachtes Kinderwaschbecken an der Badewanne, wurden zwar freudig angenommen, allerdings nur zum Planschen und Spielen, aber niemals nie zum Zähneputzen.
  • Eine zweite Zahnbürste hatte sie schon lange in der Hand, aber die wollte sie inzwischen schon gar nicht mehr haben. Selber putzen funktionierte zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht zufriedenstellend. Erst später verstand ich, warum.
  • Weder Stofftiere, noch Tierwaschlappen konnten ihr das Zähneputzen schöner machen. Keiner durfte ran, auch nicht der Kuschelbär. Und zwar half sie fleißig mit, alles und jedem ANDEREN die Zähne zu putzen, nur bei sich selbst nicht.
  • Zähne zeigen, Tiergeräusche machen. Lustige Grimassen schneiden und Geschichten Erzählen von den Essensresten, die ich auf ihren Zähnen jagen wollte, nichts begeisterte das Kind ausreichend. Mein Gesang verschreckte nur.
  • Auch thematische Bücher brachten nichts, weder zum Nachahmen, noch als Ablenkung beim Putzen.
  • Genauso wenig halfen Zahnputzlieder- und Videos. Selbst die Lieblingsserie im Tv, bei der sie sich manchmal noch die Nägel schneiden ließ, lenkten sie nicht ab, wenn die Zahnbürste kam. Egal ob beim Spielen oder Lesen, die Zahnbürste durfte nicht dabei sein. Maximal berührten die Borsten zwei Zähne.
  • Der Moment, in dem wir uns zunehmend vom Badezimmer und der morgendlichen und abendlichen Routine lösten, half UNS, die ganze Sache in einem ersten Schritt ungezwungener zu betrachten, Nanas Meinung zur Zahnpflege, änderte das aber auch nicht. Egal in welchem Raum, und egal zu welcher Uhrzeit, Nana mochte nicht. Der Mund blieb fast immer zu. Eine Zeitlang klappte es  in der Badewanne, aber auch die Begeisterung blieb nur kurz.
  • Gemeinsam putzen oder gegenseitig putzen, egal in welcher Variation, ob singend oder erzählend, nichts zeigte Wirkung. Nur manchmal machte Nana unerwartet mit, und jedes Mal hofften wir auf den BreakEven, aber nichts half uns nachhaltig weiter. Und nur selten kamen wir beim Putzen über eine halbe Minute.
  • Einige Male ließ Nana es zu beim Spielen und Toben ihre Zähne zu putzen. Sie lief, kam zurück und ich durfte dann fix einmal drüber wischen, dann rannte sie wieder los. Wirklich zum Putzen kam ich so aber auch kaum, und bald machte ihr das Spiel keinen Spaß mehr.

Jeder Versuch scheiterte. Wenn nicht beim ersten Mal, dann spätestens nach ein paar Tagen. Und ihr Blick sagte dann deutlich: ›Ich lasse mich doch nicht verarschen!‹. Recht hatte sie.

Mein Mann und ich wurden frustrierter. Verzweifelter. Ideenloser. Einige Zeit machte mir das Zahnputzthema wahnsinnig zu schaffen.

Und so fiel auch der Satz ›Das MUSS jetzt. Nun mach doch bitte mal den Mund auf.‹ Aber sobald Nana sich wehrte, stoppten wir. Jedes Mal. Ich weiß wirklich nicht, wie man es übers Herz bringen kann, an diesem Punkt weiterzumachen. Grenzen zu übergehen.

Grenzen. Dieses Ding von denen Eltern doch ständig sprechen und erwarten, dass ihre Kinder sie nicht überschreiten; und es doch selbst tun, ohne sich damit im Unrecht zu sehen.

Vom Fremdbestimmen Zur Selbstbestimmung

Die Male, wenn das Zähneputzen (Ja manchmal sogar ein paar Tage in Folge!) doch klappte, zeugten von keiner aufgehenden Strategie unsererseits, auch wenn wir uns das manchmal einredeten. Das Zähneputzen gelang nur dann, wenn Nana es wollte; wenn unser Kind es zuließ, aus welcher Laune heraus das auch immer sein mochte.

Der Moment, in dem mir DAS klar wurde, war einer dieser Schlüsselmomente: Ich hatte -wenn ich sie mir nicht nahm!- NICHT die Macht, zu entscheiden, wann sie sich von mir die Zähne putzen ließ.

Es war IHRE Entscheidung.

Es lag an mir, das wahrzunehmen und anzunehmen, und einen Weg zu finden, der nicht mehr versuchte meine Tochter auf die ein oder andere Weise FREMDzubestimmen. Auf Fremdbestimmung reagiert mein Kind nämlich -wie die meisten Kinder- uneinsichtig.

Klar. Druck erzeugt Gegendruck. In dieser Sache wurde mir das das erste Mal bewusst vor Augen geführt.

Je mehr wir versuchten einen Weg zu finden, Nana zu regulieren, desto mehr verschloss sie sich. Es KONNTE überhaupt nicht funktionieren, weil WIR ein ZIEL hatten.

Wir arbeiteten an ihr, arbeiteten fieberhaft auf einen -für uns- guten Zustand hin, aber ließen unser Kind , ihr Bedürfnis ihre Grenzen zu wahren, dabei aus den Augen.

So schwer es uns fiel, so sehr in den ersten Tagen und Wochen mein Gewissen echt nagte, denn JA Zähneputzen ist SO VERDAMMT WICHTIG (!), wir ließen los und fingen an zu vertrauen. Wir fingen an, einen Weg zu gehen, der unsere Tochter WIRKLICH mit einbezog, so wie sie war und ist, als ein kleiner Mensch, der NICHT WOLLTE, dass irgendjemand mit einer Zahnbürste in ihrem Mund werkte; so gut die Absichten auch sein mochten.

Nana versteht unsere Absicht nicht.

Sie sieht die Bilder in Büchern und Videos, hört wie wir davon erzählen und singen, aber wirklich verstehen, dass IHR Zahn kaputt gehen könnte, das KANN sie einfach nicht. Dafür fehlt ihr die Übertragungsleistung.

Nana wollte nicht. Aber das Zähneputzen klappte nur, wenn sie doch wollte. Ein Dilemma.

Wir hörten auf, ihr die Zähne zu putzen. Oder besser gesagt: Wir hörten auf, penetrant zu versuchen, ihr die Zähne zu putzen.

Stattdessen gewöhnten wir uns an, UNSERE Zähne in der gemeinsamen Zeit am Morgen und am Abend zu putzen. Also abends schon dann, wenn Nana noch wach war, und morgens nicht mehr fix nach dem Duschen im verschlossenen Badezimmer, sondern mit der Zahnbürste im Mund auf der Couch, oder beim Spielen und Rumwuseln. BEIM KIND.

Wir begannen, ihr das Zähneputzen als Teil UNSERES Alltags vorzuleben, und boten IHR nur noch an, mitzumachen. Ich fragte sie einfach, ob sie ihre Zahnbürste haben wollte.

Tatsächlich verweigerte Nana diese Frage nur ein paar Mal ganz am Anfang. Natürlich – Schließlich musste sie sicher gehen, dass Verneinen nun eine ECHTE Option war. Ansonsten nahm sie ihre Zahnbürste immer entgegen, heute fragt sie manchmal sogar schon selber danach. Und noch viel wichtiger: Sie machte mit! Nana putzt ihre Zähne selber

Nach dem Nana selber putzt, frage ich sie regelmäßig, ob ich nachputzen kann, aber das verneint sie meistens. Das ist okay. Anfang des vergangenen Jahres hätte ich nicht gedacht, dass ich das einmal so entspannt und überzeugt sagen kann, aber seit nun ein paar Monaten ist es tatsächlich okay für mich. Und: Es fühlt sich nicht falsch an.

Im Gegenteil. Seit Nana selber putzt, ist unser Familienleben wieder ein Stück entspannter und verbundener geworden. Zähneputzen ist nicht mehr länger dieser von uns allen UNGELIEBTE Punkt auf der ToDo Liste, es ist Teil unseres Alltags geworden.

Genau das hatte gefehlt!

Mindestens einer von uns putzt mit unsere Kind. Wir singen häufig dabei, manchmal tanzt Nana. Wir sagen ihr hin und wieder an, wo sie noch putzen sollte. Fragen nach, ob sie schon hinten geputzt hat, und erinnern sie daran, auch oben nochmal zu putzen.

Wenn sie fertig ist, akzeptieren wir das. Nana bringt dann meistens ihre Zahnbürste ins Badezimmer und legt sie ins Waschbecken.

Ganz wichtig, wenn wir fertig sind: Ich bedanke mich bei ihr.

Es ist längst nicht so selbstverständlich, wie wir Eltern manchmal glauben, wenn unsere Kinder kooperieren. Und genau das tut sie: Sie putzt sich die Zähne, für uns. Nicht für sich.

Verantwortung Richtig Übernehmen

Nana putzt ihre Zähne also alleine.

So einfach -und unbefriedigend!- das klingt, so schwierig war der Weg dorthin. Und so befreiend ist diese Lösung heute für uns alle. Sie nimmt uns allen einen riesigen Druck, nämlich das Gefühl zu Versagen.

Der wichtigste, und schwierigste Schritt dorthin: Das ändern der eigenen Perspektive. Früher hätte ich den Kopf darüber nämlich auch nur schütteln können.

Die Schwierigkeit liegt, wie fast immer, im Bereich des Verständnis von Verantwortung. Mein Kind versteht nicht, warum Zähne putzen wichtig ist, also trage ICH die Verantwortung für ihre Zahngesundheit. -Und so wenig das auf den ERSTEN BLICK mit unserer Lösung konform zu gehen scheint, so sehr stimme ich diesem Grundgedanken zu!

Die Sache ist nur eben diese: Verantwortung kann NIEMALS mit dauerhafter (!) Gewalt umgesetzt werden.

Wenn ich im Affekt mein auf die Straße rennendes Kind festhalte, oder im Krankenhaus meinem Kind gegen seinen Willen einen Gips anlegen lasse, dann sind das im besten Fall EINMALIGE oder sehr SELTENE Anwendungen SCHÜTZENDER GEWALT in einer akuten Situation. – Regelmäßig zwei Mal am Tag vorsätzlich Gewalt anzuwenden, kann NICHT darunter fallen. Dann nämlich könnte ich wieder fast jede Gewalt am Kind legitimieren.

Im Bereich meiner Verantwortung kann es also nicht liegen, meiner Tochter gewaltsam die Zähne zu putzen.

Statt meine Verantwortung darin zu sehen, Nana die Zähne a k t i v zu putzen, weil es mir von außen (!) so als einzige Möglichkeit suggeriert wird, sehen WIR nunmehr unsere Verantwortung darin, Nana zu zeigen, wie SIE sich selber die Zähne richtig putzt. Wir erklären es ihr. Lesen nach wie vor Bücher und schauen Videos dazu. Ich sage ihr, wenn sie weniger putzt, welche Bedenken ich habe. Und ich zeige meinem Kind immer wieder, wie es geht.

Unsere wichtigste Verantwortung liegt darin, Vorbild zu sein. Orientierungspunkt. Und Erklärbär.

Ich weiß, es gibt diese und jene Faustregeln, dass Kinder selber erst ab einem gewissen Alter ausreichend gründlich Zähneputzen könnten. Das wird wohl auch alles stimmen. Diese Faustregeln bedenken aber nunmal keine kleinen Zahnputzverweigerer!

Tatsächlich putzt Nana schon altersentsprechend ziemlich gründlich, finde ich.

Das war nicht von Anfang an so, natürlich nicht, aber sie hat ganz viel beobachtet und abgeguckt. Nur die Zahnpasta ablutschen, das tut sie längst nicht mehr. Sie bewegt die Bürste deutlich hin und her. Sagt auch selber, dass die Zähne so geputzt werden. Und die Schneidezähne könnte ich kaum besser putzen, als sie selbst es schon tut, da erübrigt sich Nachputzen ohnehin. Hinten wird es auch immer gründlicher. Und: Oft putzt Nana gute ein bis zwei Minuten, manchmal  länger – Würde ICH ihr die Zähne putzen, wäre das undenkbar.

Natürlich es ist nicht perfekt, wie sie putzt, da mache ich mir nichts vor.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, VIEL gründlicher könnte ich ihr die Zähne unter Schreien und Wehren auch nicht putzen! Im Gegenteil: Vorher konnte ich oft GAR NICHT putzen.

Der Moment, in dem Nana die Gegenwehr aufgegeben und brav den Mund offen gehalten hätte, während ich in Ruhe Nachputzen könnte, wäre derselbe Moment gewesen, in dem ich ihren Willen GEBROCHEN, mein Kind in ihrem Wesen VERBOGEN hätte. Dann hätte sie vielleicht gründlicher geputzte Zähne. Aber zu welchem irrsinnigen Preis?

Alle Eltern müssen am Ende für sich selber abwägen, welches mögliche Leid ihnen schwerwiegender erscheint: Das der Zähne oder das der Seele. Dieses Entweder-Oder klingt radikal, ist es ja auch, aber wenn das Kind nicht freiwillig kooperiert -Und das ist bei Nana einfach nicht der Fall!- dann gelingt das Nachputzen der Zähne eben NUR, zum in Kauf genommenen Leidwesen der kindlichen Seele. DAS kommt hier niemals in Frage.

Nicht für die Zähne.

Schon gar nicht für die Milchzähne.

Ob wir es bereuen werden? Ob Nana uns irgendwann Vorwürfe machen wird? Vielleicht -Aber DAS nehme dann eben ich in Kauf.

So wie eine Mutter, die ihr Kind festhält, weil sie DAS als den einzigen richtigen Weg sieht, so empfinde ICH es als richtig, Nana übers Zähneputzen SELBSTbestimmen zu lassen.

Ich denke, es ist völlig klar, dass diese zwei Positionen sich niemals einig werden können.

So wirklich WISSEN, was richtig ist, dass können wir alle nicht.

Zumal Karies nicht zwangsläufig abhängig ist vom Zahnputzverhalten. Vielleicht wird das eine Kind gequält und schreiend zum Zähneputzen fixiert, das genetisch gar nie zu Karies geneigt hätte – und der Erfolg des Putzens ist quasi nichtig – Vielleicht wird mein Kind zu Karies neigen. Wir können immer nur das bestmögliche machen aus dem, was wir gegenwärtig sehen und fühlen. Und gerade fühlt es sich völlig richtig an, Nana selber putzen zu lassen.

Meine Verantwortung gebe ich an mein Kind durch die Selbstbestimmung nicht ab. Ich sehe, wie sie putzt, halte sie dazu an, noch ein drittes Mal am Tag zu putzen, wenn es die Zahnbürste morgens nur kurz in den Mund schaffte, und abends nach dem Zähneputzen lenken wir auf möglichst zuckerfreie Alternativen zum Knabbern um, wenn sie noch was zu Naschen will. Wir erklären, zeigen und leben ihr vor, und thematisieren das Zahnputzthema immer wieder. Aber viel verbundener und ungezwungener als vorher.

Um Nanas Zahnhygiene zu unterstützen, bekommt Nana fast jeden Morgen ergänzend einen Teelöffel mit einem Xylit/Kokosöl Gemisch (und eine Zahnbürste dazu).  Xylit und Kokosöl ergeben eine Paste, die antibakteriell und antikariogen wirkt, und die wir teilweise morgens auch ganz als Zahnpasta Ersatz verwenden. Nana mag das Gemisch. Im Vergleich zur industriellen Zahnpasta putzt sie damit am gründlichsten.

Außerdem haben wir seit knapp zwei Monaten ein Miswak Zahnputzholz hier liegen. Auf der FEBuB hatte ich im November die Möglichkeit mich darüber zu informieren. Nana ist noch nicht richtig warm damit, der Geschmack ist ihr vermutlich etwas zu streng, hin und wieder kaut sie aber darauf herum, weswegen ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgebe, dass sie diese Alternative vielleicht doch irgendwann annimmt.

Es ist also definitiv nicht so, dass wir uns keine Gedanken um Nanas Zähne machen.

Wir überlegen ständig, wie wir ihre Zahnhygiene unterstützen können. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich in den nächsten Monaten und Jahren auch das Zähneputzen wieder verändern wird. Vielleicht kommt der Tag, an dem wir doch DEN Weg finden, ihr die Zähne wieder Nachzuputzen. Ich gebe das nicht auf. Ich vertraue meinem Kind. Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

4 Kommentare zu „Als Mein Kind Mir Die Zahnbürste An Den Kopf Warf: Eine Zahnputzgeschichte“

  1. Das hört sich fies an. Bei unserem Großen ging es eigentlich recht gut. Nur die kleine Mistmatz war mit dem Grenzen austesten schon immer etwas heftiger. Ich habe sie tatsächlich irgendwann mal festgehalten und ihr die Zöhne geputzt, während sie geweint hat. Allerdings weiß ich, dass sie deswegen geweint hatte, dass es nicht nach ihrem Willen ging. Es war purer Trotz. Und da reicht es irgendwann. Das habe ich zweimal gemacht und dann hat sie gewusst, dass die Mama nicht nachgibt. Und gut war’s. Dann hat sie sich die Zähne auch putzen lassen. Zwar nicht gerne, aber es gab keinen Aufstand mehr. Es gibt Sachen, da kann ich einfach nicht nachgeben. Wenn sie im Winter ohne Jacke raus will zum Beispiel. Das geht einfach nicht. Und da bringt bei ihr dann leider auch kein Zureden etwas. Hier geht es um’s Kindeswohl. Da muss sie dann durch. Ich mache das nicht gerne. Aber grundsätzlich finde ich Grenzen für Kinder nicht schlecht, denn auch als Erwachsener muss ich Grenzen einhalten. Und sie würde es dann immer wieder versuchen. Aber das hast du wahrscheinlich schon oft genug gehört.
    Die Playbrush haben wir übrigens. Sie war auch eine zeitlang in Gebrauch. Vor 3 Jahren macht das aber meiner Meinung nach keinen Sinn.
    LG, Tina

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    1. Hallo Tina.
      Danke für deinen Kommentar. Ich kann deine Sichtweise nachvollziehen, aber für mich geht es beim Kindswohl auch um die Kinderpsyche und kindliche Integrität, die ICH beim Festhalten und Zwingen gefährdet sehe. Dass unsere Eistellungen da unterschiedlich ist, muss ich nicht ausführen. Jeder von geht seinen Weg.
      Vielen Dank für den Altershinweis für die Zahputzapp, So etwas auf das Alter hatte ich die Anwendung auch eingeschätzt.
      Lieben Gruß, Fiona

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  2. Mit meiner großen Tochter hatte ich diese Problematik nie, sie hat sich eigentlich immer die Zähne ohne Stress putzen lassen. Meine kleine Tochter dagegen… da läuft es genau so wie bei Dir beschrieben. Ab und zu darf ich ihr die Zähne putzen während sie meine putzt, aber meistens verweigert sie ihre Kooperation sobald ich nach ihrer Zahnbürste frage (sie „putzt“ selber während ich bei ihrer großen Schwester nachputze). Sie beobachtet jeden Tag, dass ich ihrer großen Schwester die Zähne putze, aber das beeindruckt sie kein Stück. Eine Geduldsprobe für uns beide.
    Meine Maus ist erst knapp 18 Monate alt, weshalb ich denke, dass das noch nicht das richtige für sie ist, aber Nana ist ja schon ein bisschen älter und vielleicht könnte die PlayBrush Euch dabei unterstützen, dass sie ihre Zähne gründlicher putzt? Habe das wie gesagt selber noch nicht getestet, aber an einigen Stellen positive Berichte gelesen. Das System zielt darauf ab, die Kinder dabei zu unterstützen, selber alle Zähne gründlich zu putzen. Es kommt natürlich auch immer der Hinweis, dass trotzdem nachgeputzt werden muss, aber wenn das außer Frage steht, wäre das nächstbeste ja, dass das Kind selber so gründlich wie möglich putzt.

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    1. Hallo Annie.
      Das sehe ich wie du. Von dieser App habe ich auch schon öfter gehört, und wir wollen es in Zukunft auch ausprobieren, wenn sich an der Situation nicht mehr ändert.
      Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob Nana diese Übertragungsleistung „auf dem Display passiert etwas im Spiel, wenn ich mit der Zahnbürste putze“ hinbekommt.
      Das führt aktuell denke ich eher noch zu Frust, deswegen warten wir noch. Wenn wir es ausprobieren, werde ich bestimmt davon berichten 🙂
      lg, Fiona

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