Bedürfnisse Kommunizieren Jenseits Von Erlauben Und Verbieten


Wen ich erzähle, dass ich nicht erziehe, dann ist die erste Frage typischerweise, ob mein Kind alles tun darf, was es will. Ich kann dich beruhigen: Nein, natürlich nicht. Eine ausführliche Antwort darauf zu geben, ist aber tatsächlich schwieriger. Ich betrachte mich nämlich überhaupt nicht als erziehende Instanz, die erlaubt und verbietet. Was ich dir aber versichern kann, ist, dass mein Kind nicht alles tun KANN, was es will.

Eine Unerzogene Perspektive

Der Unterschied zwischen dürfen und können erscheint ziemlich subtil. Zugegeben aus erzieherischer Perspektive ist er das wohl auch. Es ist nur ein ausgetauschtes Wort.

Für mich, mit der unerzogen Haltung, so wie ich mittlerweile unerzogen begreife und lebe, ist es jedoch einer der wohl wichtigsten Eingeständnisse, die ich mir jemals gemacht habe: Ich bin keine Instanz, die über mein Kind bestimmt. 

Ich frage nicht, ob meine Tochter beim Essen auf dem Tisch sitzen, oder ob sie nach Acht noch Fernsehgucken und Baden darf. Ich überlege, ob sie es gerade tun kann. Ob es einen Grund gibt, der Gesundheit, Sicherheit, Wohl oder persönliche Grenzen berührt  -und wie ich den Konflikt löse.

Ich frage also nicht, ob mein Kind generell etwa darf oder nicht darf, sondern ob ICH (oder ggf. Dritte) dem, was sie tun will, gerade zustimmen kann. Ob etwas wirklich dagegen spricht; ein echter Grund, den ich klar und authentisch vertreten und ausdrücken kann. Ich frage mich, ob ich verantworten kann, was passieren würde. Wenn meine Tochter etwas tun will, das mir eigentlich absolut widerstrebt, dann schaue ich in mich, ob ich es trotzdem aushalten kann oder nicht -und warum. Ich reflektiere. Und wenn es nicht geht? Dann frage ich mich, was ICH tun kann, um unseren Konflikt unerzogen zu lösen.

Manchmal handle ich im Affekt, bekomme erst hinterher Zeit, nachzudenken. Fürs nächste Mal in einer ähnlichen Situation habe ich dann aber eine bessere Lösung.

Als ich mich entschieden habe auf Erziehung zu verzichten, habe ich mich auch dafür entschieden, erzieherische Denkmuster loszulassen.

Ich kann nicht unerzogen leben, aber erzieherisch denken. Wenn ich nicht erziehe, dreht mein Handlungsspielraum als Mutter sich nicht mehr ums Erlauben und Verbieten.

Erlauben und Verbieten sind Instruktionen, die NUR eine Person ausüben kann, die sich (vorübergehend oder anhaltend) ÜBER eine andere Person stellt; also etwa eine Mutter, die sich erziehend über ihr Kind stellt -Oder ein Chef, der ÜBER seinen Mitarbeitern steht. Das mag in manchen zwischenmenschlichen Verhältnissen seine Berechtigung haben, aber genau um das Schaffen solch eines Machtgefälles geht es bei unerzogen ja eben nicht. Ich will mich nicht erziehend über und gegen mein Kind stellen.

Das heißt nicht, dass es keine Instanzen GIBT, die durchaus über mir UND meinem Kind stehen, etwa Gesetze oder Ordnungen, die uns gegenüber Gebote und Verbote regeln, die ich in mancher Art und Weise meinem Kind natürlich vermittele. Das heißt lediglich, dass ICH, ich als Person und als Mutter, mich nicht mit willkürlichen (!) Machtmechanismen über mein Kind stelle, weil ich MIR Macht zuspreche und diese als Selbstverständlich und Unumstößlich betrachte. Ich bestimme nicht. Ich begleite. Ich erkläre. Ich schütze.

Beim Verzicht auf Erziehung geht es überhaupt nicht ums Kind und sein Benehmen. Mein Kind ist, wie es ist. Es geht um Mich! Darum mein Handeln, mein Denken zu Überdenken. Um die Art, wie wir als Eltern mit unseren Kindern umgehen.

Wenn du aufhörst, dich als jemanden mit einem Erziehungsauftrag zu betrachten, dann stellen sich erzieherische Fragen und Sorgen nämlich überhaupt nicht mehr, weil du die Haltung angenommen hast und danach lebst. Manchmal wirst du freilich trotzdem in alte Muster rutschen (aber diese erkennen!), manchmal wirst du auch einen Rat oder Denkanstoß für eine konkrete Situation brauchen, aber du wirst nicht mehr grundsätzlich darüber nachdenken, ob dein Kind etwas darf oder nicht darf. Weil sich diese Frage überhaupt nicht stellt.

Vom Erlaubten und Verbotenen

Verbote leiten sich im Allgemeinen von unserem Kollektivbewusstsein ab. Wir kennen die (ungeschriebenen) Gesetze, Regeln, Ansprüche und Erwartungen der Gesellschaft und handeln üblicherweise danach. Wir wissen, weil wir es selber so erfahren und gelernt haben, dass es nicht erwünscht ist, im Museum auf Skulpturen zu klettern und in der Kirche auf den Bänken zu turnen, auch wenn nirgendwo ein Schild uns darauf hinweist.

Im Prinzip ist erstmal nichts daran falsch, unser Wissen an unsere Kinder weiterzugeben. Es gibt sie ja schließlich, diese Regeln und Erwartungen. Die kann ich natürlich nicht von Zwergnase fernhalten. Will ich auch überhaupt nicht. Die Frage, die sich stellt, ist halt immer die nach dem WIE.

Das Problem sehe ich persönlich darin, dass Erziehung (Die unerzogen Definition des Erziehungsbegriffs findest du zB. hier und hier!) Kindern ‚Benehmen‘ normalerweise durch zahlreiches willkürliches, statt tatsächlich sinnvolles (!) Verbieten und Erlauben ‚beibringt‘. Gleichzeitig herrscht die Erwartung, dass schon Kleinkinder diese Regeln begreifen und diesen folgen. Gebote und Verbote, so mein Eindruck, bestimmen dann den Familienalltag. Ein Kind, dass stets um Erlaubnis fragt, und der Entscheidung der Eltern widerstandslos zustimmt, scheint in diesem erzieherischen Idealbild das perfekte Kind zu sein. Ich persönlich finde diese Vorstellung eher traurig. Teilweise beobachte ich außerdem, dass Eltern dazu neigen, das große Ganze in kleine Situationen hineinzudenken, statt eine konkrete Situation für sich alleine realistisch zu betrachten. Wenn einem Kind erlaubt wird, im Elternbett zu schlafen, wird es dann in zwei Jahren immer noch nicht im eigenen Zimmer liegen? Wenn einem Kind nicht verboten wird, die Rutsche hochzulaufen, wird es dann auf andere Kinder automatisch keine Rücksicht nehmen? Wenn ein Kind nach dem Essen  länger als gewohnt fernsehen schauen dürfte, wird es dann wirklich zukünftig nur noch vor der Flimmerkiste sitzen wollen?

Etliche typische Verbote resultieren aus gesellschaftlichen Befürchtungen und Erwartungen, statt auf die Situation, auf das Kind als Individuum zu schauen.

Natürlich, sehr viele Regeln und Gesetze kommen nicht von Innen heraus, sondern müssen erfahren, erlernt und begriffen werden. Dafür brauchen Kinder Orientierung. Aber: Dafür muss ich nicht verbieten und erlauben. Genauer: Es reicht mMn aus, Kinder zu begleiten, ihnen zu erklären und vorzuleben.

Vor diesem Hintergrund verzichte ich also darauf, die Beziehung zwischen mir und meiner Tochter in einer Art und Weise zu denken, die mich ÜBER ihr positioniert. Es geht nicht ums Dürfen, ums Erlauben und Verbieten. Es geht ums Können, oder eben nicht Können aus gegenwärtig konkreten, plausiblen Gründen, und ums Schützen.

Das soll nicht heißen, dass ein Verbot aus erzieherischer Perspektive (!) nicht sinnvoll sein und genauso einen plausiblen Grund haben kann. Natürlich ist es sinnvoll, wenn du sagst, dass dein Kind nicht auf die Straße laufen darf. Zwergnase kann das auch nicht tun. Viel zu gefährlich.

Es geht mir um die Metaebene, um die Denkweise. Um das was hinter der Wortwahl steckt.

Ein Verbot oder eine Erlaubnis zu erteilen, hebt mich prinzipiell in eine übergeordnete,  allgemeingültige, ja unumstößliche Machtposition: Ich erlaube oder verbiete etwas und lasse keine Option außer dieser gelten.

Das ist nicht das, was unerzogen will. Vom Machtgedanken will unerzogen sich lösen. Ich kann unerzogen nichts erlauben oder verbieten. Ich glaube, dass dies einer der wichtigsten Denkweisen ist, von denen wir uns lösen müssen, wenn wir auf Erziehung verzichten wollen. Unerzogen geht einfach überhaupt nicht, wenn ich mich (noch) als Jemand sehe, der das Recht (und die Pflicht) hat, über mein Kind zu bestimmen.

Wenn ich aber eingreife, weil ich sehe, dass mein Kind etwas gerade nicht tun KANN, aus  gegenwärtigen Gründen, dann handle ich auf Augenhöhe. Ich versuche dann Lösungen zu finden, Bedürfnisse zu unden, Probleme zu benennen und Alternativen zu bieten, wenn gar nichts geht, aber ich bleibe dabei immer in Beziehung zu meiner Tochter, statt mich erzieherisch über oder gegen sie zu stellen, indem ich ein Verbot ausspreche. Auch wenn eine Entscheidung gegen Zwergnase ausfällt, gebe ich meiner Tochter dabei nicht das Gefühl, dass ich PRINZIPIELL über ihr stehe. Ich lasse ihren Frust Raum und entschuldige mich, dass ich meine Macht benutzt habe. Und: Beim nächsten Mal in einer ähnlichen Situation, fällt die Entscheidung vielleicht anders aus. Ich muss nicht konsequent sein.

Bedürfnisse Sehen

Der Punkt ist also dieser: Ich schaue auf uns, auf mein Kind und mich und Dritte, schaue auf die Situation, durchaus auch auf den gesellschaftlichen Kontext, aber eben vor allem auf unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche und Empfindungen in einer KONKRETEN Situation. Statt zu überlegen, was ich und mein Kind generell dürfen und daraus willkürliche oder angeblich allgemeingültige Verbote abzuleiten, die so immer (oder fast immer) gelten, bleibe ich im Hier und Jetzt bei UNS und dem, was wir gerade wirklich WOLLEN.

Klingt doch simpel.

Als ich vor Kurzem in der Küche stand, ist meine Tochter auf den Lernturm geklettert, hat sich am Obstkorb bedient und angefangen Weintrauben durch die Küche zu werfen. Ich habe nicht geschimpft oder es verboten, sondern sie gefragt, warum sie das tut, die Weintrauben beiläufig wieder aufgehoben und zurückgelegt. Im Moment bekomme ich darauf natürlich noch keine richtige Antwort, aber es gehört für mich dazu, meine Tochter zu fragen. Auf diese Weise erinnere ich mich daran, ihr Verhalten zu hinterfragen, bevor ich reagiere. Zwergnase hat Spaß am Werfen und oft will sie mit solchen Aktionen Aufmerksamkeit einfordern. Bei der nächsten Weintraube, die sie warf, sagte ich ihr, dass ich das nicht so toll finde. Ich habe kein Problem damit, wenn Zwergnase mit ihrem Essen matscht und spielt, aber wenn sie gezielt Lebensmittel nimmt und wirft, ohne dass es ums Essen und Entdecken dabei geht, gefällt mir das nicht. Ich WOLLTE das nicht. Und meine Tochter WOLLTE eigentlich auch überhaupt nicht Weintrauben werfen, sondern eigentlich nur meine Aufmerksamkeit bekommen, die an diesem Tag irgendwie kurz gekommen war. Sie warf noch eine Weintraube und grinste. Ich hob sie auf, steckte sie mir in den Mund und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. ›Weintraube werfen, finde ich doof. Lass uns was anderes werfen. Wollen wir in deinem Zimmer mit dem Ball spielen?‹ Zwergnase nickte.

Wenn ICH etwas will oder nicht will, dann muss ICH für dieses Bedürfnis die Verantwortung übernehmen. Ich muss mich fragen, was ich tun kann, um dieses Bedürfnis zu erfüllen.

Für unsere Kinder müssen wir überlegen, wie wir ihnen eventuell helfen können ihr Bedürfnis zu erfüllen. Wenn meine Tochter Weintrauben wirft, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen, dann hilft es ihr nicht (!), wenn ich sie machen lasse und sie nach den Trauben noch drei Äpfel und eine Packung Nektarinen durch die Küche pfeffert. Viel mehr helfe ich ihr, wenn ich ihr Bedürfnis sehe und versuche, es zu erfüllen; in diesem Fall jenes nach Zuneigung und Spielzeit, indem ich mit ihr ins Kinderzimmer gegangen bin und wir ausgelassen Ball spielten und tobten, bevor ich Essen machte.

Konflikte Lösen

Wenn es zum Konflikt kommt, überlege ich, was wir tun können, OHNE mich dabei in eine Machtposition zu setzen, die ich mir aufgrund meiner Mutterrolle per se zuschreiben würde. Ich erlaube oder verbiete also nicht, sondern bleibe auf einer Höhe, in BEZiehung mit meiner Tochter. 

Das wichtigste dabei ist unsere Kommunikation.

Mancher Konflikt lässt sich schnell lösen, wie im Weintraubenbeispiel, ein anderer erfordert mehr Kreativität.

Manchmal finden wir leider keinen anderen Ausweg, als ein wohlüberlegtes Stop zu setzen, gerade dann wenn Gefahr in Vollzug ist und schnelles Eingreifen vorgeht. Das gehört dazu, lässt sich nicht vermeiden. Ist aber auch nicht tragisch.

Am schönsten ist es natürlich, wenn wir es schaffen Bedürfnisse zu unden. Das bedeutet zwei eigentlich kollidierende Bedürfnisse oder Wünsche zusammenzubringen, statt einen gegen den anderen aufzuwerten. Wenn ich Ruhe brauche, aber mein Kind raus auf die Wiese zum spielen will, dann kann ich mir überlegen, Decke und Tee mit raus zu nehmen, oder Jemanden bitten, mit meinem Kind an meiner Statt raus zu gehen. Wenn Zwergnase frühs auf dem Balkon in der Sandkiste buddeln will, aber ich noch frühstücke, und sie alleine noch nicht auf den Balkon kann, dann kann ich mein Frühstücksbrett und den Kaffee mit raus an den Tisch nehmen. Und falls mir dort zu kalt ist, kann ich auch innen vor der Balkontür sitzen. Ich muss nicht zu meinem Gunsten ein Verbot aussprechen, damit mein Kind lernt, auf mich zu hören. Das will ich auch überhaupt nicht.

Ich muss kein Bedürfnis abwerten.

Es gibt Konflikte, die sich nicht (oder nicht spontan) durch unden lösen lassen.

Meine Tochter schmiert sich ihr Brötchen mit dem Messer selber, sie räumt es auch mit ab und bringt es in die Küche, ich möchte aber nicht, dass sie mit dem Messer herumturnt und es mitnimmt, wenn sie spielt. Das ist gefährlich; sie kann die Gefahr noch überhaupt nicht einschätzen, was sich regelmäßig darin zeigt, dass sie  noch nach der (stumpfen!) Klinge greift, und ich sie daran erinnere, das Messer am Griff festzuhalten. Diese Verantwortung kann ich nicht von mir wegschieben, indem ich mein Kind machen lasse. Also greife ich in akuten Situationen natürlich ein, nehme ihr das Messer ab, situationsabhängig, statt konsequent.

Dabei ist es mir wichtig, auf die eigene Klarheit und die eigene Wortwahl zu achten. ›Ich möchte, dass du mir das Messer gibst. Ich finde es gefährlich, wenn du damit auf der Couch tobst‹. Ich Botschaften, statt Anklagen.

Wenn wir ins Auto steigen wollen, Zwergnase aber nicht will, wir ihr schon Zeit eingeräumt haben und nun wirklich nach Hause müssen, dann sage ich ihr das auch so: ›Ich werde dich jetzt ins Auto setzen. Ich weiß, dass du lieber hier bleiben willst, aber wir wollen jetzt wirklich los‹. Ich verbiete ihr nicht das Weiterspielen und Verweilen an sich, nein, ich hebe noch zwei besonders schöne Blätter mit ihr zusammen auf, bedauere dass wir nicht bleiben können, und gebe sie ihr unsere Fundstücke im Auto, damit sie sie weiter erkunden kann. Zuhause biete ich ihr an, noch ein paar Blätter zu sammeln, bevor wir in unsere Wohnung hochgehen.

Es liegt mir nichts daran, Zwergnase zu verbieten, was sie gerne machen möchte, weil ich in einer Position stehe, in der ich das durchaus tun könnte. Ich ermögliche ihr, was immer möglich ist, mische mich in viele ihrer Ideen auch gar nicht weiter als kommentierend ein, aber manche Dinge funktionieren einfach nicht. Meinem Kind fehlt der Weitblick dafür, zu erfassen, dass sie sich beim Spielen mit dem Messer verletzen kann, oder wir noch eine Stunde Autofahrt vor uns haben. In solchen Situationen habe ich die Verantwortung für mein Kind und für mich, meine Bedürfnisse und meine Wünsche. Diese Verantwortung kann ich nicht von mir schieben. Dazu gehört es auch, Entscheidungen zu treffen und entstehenden Frust auszuhalten.

Wenn ich meinem Kind meine Bedürfnisse und Wünsche zeige, mit ehrlichen, klaren Worten ausdrücke, was mich bewegt, meinem Kind authentisch gegenübertrete und für meine Bedürfnisse Verantwortung übernehme, dann bewege ich mich jenseits von Erlauben und Verbieten, weil das überhaupt nicht mehr die Dimension ist, in der ICH denke und handle. Ich stelle mich nicht ÜBER mein Kind, ich bleibe auf Augenhöhe, finde (gemeinsam) Lösungen, erkläre mich und, ja, setze auch manchmal ein Stop, aber nicht von oben herab aus Prinzip, sondern aus echter Not. Weil es dann wirklich nicht anders geht.

Oder ICH zumindest gerade keine andere Lösung sehe. Auch das ist ein Eingeständnis, was ich regelmäßig mache: ’Es tut mir Leid, ich weiß gerade keine bessere Lösung‹.

Ich bin überzeugt davon, dass die Unterscheidung zwischen ›nicht dürfen‹ und ›nicht können‹, wenn auch aus erzieherischer Sicht nichtig, Zwergnase zu Gute kommt, weil ich eben nicht willkürlich verbiete und erlaube, weil ich mich nicht als eine Instanz sehe, die ÜBER mein Kind entscheidet, sondern immer versuche gleichwertig unsere Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen. Genau das bedeutet nämlich unerzogen für mich.

Ich frage mich nicht, ob mein Kind darf oder nicht darf, ich frage mich, ob sie kann – Oder ob ein ehrlicher, akuter Grund dagegen spricht, für den ich gerade jetzt die Verantwortung tragen muss. Wenn es gar nicht anders geht, wenn Schutz, Rücksicht und Sicherheit überwiegen, dann greife ich natürlich ein (!), aber nicht aus einem generellen Machtprinzip heraus, das Gehorsam erwartet, sondern aus Verantwortung. Aus echten Gründen, die Zwergnase als solche auch selber wahrnehmen kann, die ich ihr klar ausdrücken kann, statt ihr ein ›es ist halt so‹ oder ›weil ich es sage‹ als Antwort geben zu müssen. Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

9 Kommentare zu „Bedürfnisse Kommunizieren Jenseits Von Erlauben Und Verbieten“

  1. Ein toller Artikel. Ich habe 4 Kinder, die schon größer sind 27 ,25, 17 und 13. Mich begleitet schon lange Thomas Gordon und seine Familienkonferenz. Besonders schon finde ich hier deinen Begriff unden. Bei größeren Kindern ist es ganz toll zu sehen welche Möglichkeiten sich da bieten. Wenn es einen Konflikt gibt und man gemeinsam eine Lösung sucht die allen gerecht wird und keinen verlieren lässt. Alle werden mit der Zeit sehr kreativ und oft bieten sich noch viel mehr Lösungen als anfangs gedacht. Ich wünsche mir, dass die unerzogene Einstellung mehr Verbreitung findet. Danke für den Artikel.

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  2. Hallo Fiona,

    Vielen Dank für diesen tollen Text, der einen sehr guten Einblick in deine Umsetzung von unerzogen gibt.

    Wir leben in keinster Weise unerzogen, trotzdem versuchen wir für unsere Kinder eine Ja-Umgebung zu schaffen und somit ihren Bedürfnissen Raum zu geben.
    Das klappt nicht immer, entspannt unser Zusammenleben jedoch enorm.

    Viele Grüße
    Mama Maus

    Gefällt 1 Person

  3. ich finde ganz viele der gedanken total richtig und wichtig – eigentlich fast alle…ich kann das weitestgehend so unterschreiben, wie du es hier darstellst und begründest.

    ich setze mich mit unerzogen nun einige zeit auseinander und habe einges gelesen. ich finde vieles klug und wichtig, auch wenn ich als Erziehungswissenschaftler den Begriff „unerzogen“ tatsächlich ablehne. Und ich möchte gerne sagen, warum.

    Die Machtposition, in die du nicht willst, ist einfach da. Und sie verschwindet auch nicht. Sie bleibt weiterhin existent. In dem Moment, wo du eingreifst (auch zum Schutz, aus Not…die Gründe sind ja vielfältig und gut), übst du diese Macht aus. Für mich ist ganz wichtig dabei, dass man nicht aus den Augen verlieren darf, dass man in einem Machtverhältnis steht. Und dieses auch immer wieder einfordert, immer wieder seine Macht nutzt. Dieses Machtverhältnis ist ausgesprochen stark ausgeprägt im Verhältnis von Kindern und Erwachsenen. Im Gegensatz zu anderen Menschen sind Kinder nahezu dauerhaft unter Beobachtung der Erwachsenen und durch die emotionale Bindung auch auf die Erwachsenen angewiesen.

    So wichtig ich es finde, dass man Bedürfnisse sieht, dass man miteinander Entscheidungen trifft und möglichst gute Gründe hat, um seine Macht auszuüben, darf man dieses Machtverhältnis nie leugnen. Gerade wenn man das tut, dann sieht man nicht mehr, wo man Macht ausübt ohne es zu wollen. In der Sprache der „unerzogen“-Gemeinschaft wäre das vielleicht der Punkt, wo man „erzieht“ ohne es zu wollen oder zu merken.

    Dieses besondere Machtverhältnis ist konstitutiv für Erziehungsprozesse und liegt ihnen zugrunde. Daher kann man in einem solchen Machtverhältnis nicht Nicht-erziehen. Auch wenn ich zugleich Erziehung anders begreife, als das die unerzogen-Gemeinschaft mit den oben verlinkten Begriffen tut. Also eher in dem Sinne, dass „unerzogen“ eben auch Erziehung ist.

    Du reflektierst diese Machtposition ja sehr stark in deinem Handeln und deinen Texten, daher versteh das bitte nicht als Vorwurf gegen dich oder deine (Nicht-)Erziehung. 😉 Es ist eher meine Erklärung, warum ich mit dem Begriff ein Problem habe.

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    1. “ Für mich ist ganz wichtig dabei, dass man nicht aus den Augen verlieren darf, dass man in einem Machtverhältnis steht. Und dieses auch immer wieder einfordert, immer wieder seine Macht nutzt. “ Das klingt für mich so, als ob es auch um die Macht an sich geht? Warum sollte ich die Macht, die ich sowieso habe, einfordern? Warum sollte ich Angst haben, sie zu verlieren? Wenn ich eine gleichwürdige Beziehung eingehe, dann sollte Macht, finde ich, nur in Ausnahmesituationen eine Rolle spielen, um da Kind zu schützen. Und dann geht es nicht um die Macht, sondern um meine Verantwortung, die ich für das Kind trage.
      Aber ja stimmt, es ist wichtig, sich seiner Macht immer wieder bewusst zu sein. Eben damit man sie nicht missbraucht. Und ich glaube, das passiert schneller, als man es in der Regel merkt…

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    2. Genau diese Situation meine ich… Ich Schütze mit meiner Macht. Und zwar wir über das hinaus, was ich bei anderen Menschen an Verantwortung übernehme und als Schutz leiste.

      Es gibt Dinge, die lasse ich nicht zu. Vielleicht ist das Beispiel nicht das beste, aber es kommt mir gerade in den Sinn.

      Ich lasse mein Kind keinen Alkohol trinken. Alkoholkranke Erwachsene Ass meinem nächsten Umfeld schon. Auch wenn ich eine große Verantwortung fühle und mich Sorge und es am liebsten auch „verhindern“ würde.

      Ich kann es aber nicht, ich habe die Macht nicht. Bei meinem Kind ist das anders. Dort würde ich auch den millionsten Versuch verhindern. Dort nutze ich meine Macht.

      Macht zu nutzen ist auch gar nicht dass Problem. Aber man muss um die Macht wissen und die immer wieder reflektieren.

      Wie Spidermans Onkel sagt: Mit großer macht kommt große Verantwortung.;-)

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  4. und noch ein kleiner Hinweis, der bitte als Spaß zu verstehen ist:
    Du schreibst „Das heißt nicht, dass es keine Instanzen GIBT, die durchaus über mir UND meinem Kind stehen, etwa Gesetze oder Ordnungen, die uns gegenüber Gebote und Verbote regeln, die ich in mancher Art und Weise meinem Kind natürlich vermittele.“
    Eines dieser Gesetze bzw. ein Artikel des Grundgesetzes sagt, dass Kinder ein Recht auf Erziehung haben und Eltern die Pflicht dazu 😉
    Ich glaube tatsächlich, dass man um Erziehung nicht drum herum kommt.
    Wie in meinem anderen Kommentar schon geschrieben: Ich versuche auch so zu handeln, wie du es beschreibst und ich finde auch ganz viel richtig und wichtig, was du schreibst. nur der Begriff….nur der Begriff 😉

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