Warum Wir Unsere Kinder nicht Zur Höflichkeit Erziehen Müssen


Höflichkeit ist ein hochgeschätzter Wert in unserer Gesellschaft. Ich selbst kann mich von der Beurteilung des Einzelnen anhand seiner Art der Begrüßung, seines Auftreten und Benehmen nicht freisprechen. Die ständige Bewertung des Verhaltens anderer ist uns anerzogen. Umso wichtiger finde ich es, aus der Spirale auszusteigen, die uns leider oft dazu bringt, unsere Kinder in vorgeformte Muster pressen zu wollen und sie zu verurteilen, statt auf die Gründe hinter einem ›unerwünschten‹ Verhalten zu blicken.

Der Grundstein für einen (vor)urteilsfreieren, dafür reflektierten Blick auf das Benehmen Anderer und insbesondere unserer Kinder, ist mMn das Loslassen einer gezielten Höflichkeitserziehung UND unserer Erwartungen.

Wie immer gilt aber: Das hier ist MEIN Weg.

Es muss nicht dein Weg sein oder werden. Und ich kann auch verstehen, wenn du den Kopf über mich schüttelst. Viele Dinge und Muster sind so festgesetzt in unseren Köpfen, dass es uns schwer fällt, sie anders zu denken. Ich kann mir vorstellen, dass Höflichkeit eines dieser Themen ist, das schwierig umzudenken ist.

Deswegen möchte ich dir erklären, warum ICH darauf Verzichte, unsere Tochter zu Höflichkeitsfloskeln anzuhalten, welche Überzeugungen MICH dazu veranlassen, genauso zu handeln. Damit du sehen kannst, dass es sich dabei nicht etwa um eine Entscheidung aus Bequemlichkeit handelt.

Höflichkeit: Ein Gesellschaftlicher Maßstab

Versteht mich nicht falsch: Ich schätze höfliche Menschen. Ich gehe automatisch offener und froher mit ihnen um, fühle mich in ihrer Umgebung wohl und bemühe mich selbst, stets höflich zu sein, weil ich ebenso einen positiven Eindruck hinterlassen will.

Ich sehe aber auch die Menschen, die wegen einem ›falschen‹ Benehmen aufstoßen und nie richtig ankommen, keine Chance bekommen, obwohl sie es verdient hätten. Besonders Kinder, die unsere Höflichkeitskonventionen ja erst noch begreifen und annehmen lernen, leiden darunter, wenn sie dauernd missverstanden werden; wenn ein aus der Sicht ihrer Umwelt unangebrachtes Verhalten permanent korrigiert oder sogar geschimpft wird.

Was ist das Problem?

Unhöflichkeit fällt auf, denn sie verstößt gegen die gesellschaftliche Konvention, der wir alle stumm zustimmen, wenn wir uns dazu entscheiden, kein Einsiedlerleben zu führen. Ein unhöflicher Mensch fällt aus der konformen Masse heraus und zieht auf Dauer nicht selten den Ausschluss aus der moralischen Gutschätzung seiner Umwelt mit sich. Wer nicht höflich ist, oder es zumindest beherrscht in Situationen, die solches Erfordern, höflich nach Norm zu handeln, der eckt an, der hat es schwieriger im Leben.

Zwar ist Höflichkeit nicht das einzige Mittel Anerkennung und Akzeptanz zu gewinnen, es gibt durchaus auch konträre Methoden, aber doch ist es ein wichtiges Tool im sozialen Zusammenleben.

Das ist erstmal einfach so. Dagegen können wir wenig unternehmen.

So wichtig Höflichkeit im Leben ist, umso logischer erscheint es also offenbar, Höflichkeit beizubringen, anerziehen zu müssen. Logisch ist das vielleicht, aber mMn unnötig. Und im schlimmsten Fall sogar eher kontraproduktiv. Aber fangen wir vorne an.

Verzicht Auf (Höflichkeits-)Erziehung: Vorleben Statt Erziehen

Natürlich wünsche ich mir, dass mein Kind Höflichkeit genauso schätzen wird, wie ich es tue und danach gewissenhaft handelt. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass es mich nicht piesackt, wenn Zwergnase der freundlich winkenden Bäckersfrau, die ihr gerade noch ein Brezel geschenkt hat, nicht zum Abschied dankend zurück winkt. Schließlich gehört sich das so. So habe ICH es gelernt.

Die Erwartungen sind da, dabei ist mein Kind noch keine zwei Jahre alt, und mit unseren gesellschaftlichen Konventionen maximal oberflächlich vertraut.

Um ehrlich zu sein finde ich es erschreckend, was wir schon alles automatisch von einem so kleinen Menschen verlangen, der gerade noch damit beschäftigt ist, die eigenen Gefühle und die nächste Umgebung zu begreifen und überhaupt unsere Kommunikation zu entschlüsseln. Da gehört so viel dazu. Jeden Tag wird neues gesehen und verstanden. Höflichkeitsfloskeln hingegen stehen in der persönlichen Prioritätsliste meiner Tochter vermutlich ziemlich weit hinten an. Besonders dann, wenn es sich um Interaktion mit FREMDEN handelt.

Ich habe keine Angst davor, dass meine Tochter, weil ich sie nicht dazu erziehe, ein unhöflicher Mensch wird. Ich empfinde höchstens Scham wegen der Reaktionen der meisten Anderen, wenn meine Tochter nicht so handelt, wie eben jene es gerne hätten, obwohl ich das selber eigentlich total verständlich von meinem Kind finde. Aber das ist MEIN (anerzogenes!) Problem, nicht das meines Kindes.

Mein Kind ist einfach noch nicht so weit.

Die Sache ist diese: Ich bin mir sicher, dass Höflichkeit überhaupt nicht anerzogen werden muss; geschweige denn tatsächlich erzogen werden kann, ist es doch ein Wert, eine Einstellung, die in der Persönlichkeit verankert ist.

Was wir wohl anerziehen können, und was die meisten Eltern eben auch tun, ist lediglich die Verwendung von Höflichkeitskonventionen. Floskeln, die nach außen hin Höflichkeit repräsentieren, unabhängig von der tatsächlichen inneren Haltung: Bei Kindern zählen hierzu insbesondere Bitten/Danken, Teilen, Erlaubnis Erfragen, nicht dazwischen Sprechen und eine ›altersgemäße‹ Begrüßung/Verabschiedung. Um einige Beispiele zu nennen.

Ich verzichte darauf, mein Kind in ihrem sozialen Verhalten DIREKT zu beeinflussen, sie gezielt zur Höflichkeit anzuhalten und also zu erziehen (maßregeln). Ich verzichte auf eine gewaltsame Formung ihres Verhaltens, indem ich sie eben nicht auffordere, Dinge zu sagen oder zu tun, die sie nicht sagen oder tun will, keinen Druck ausübe, sie besonders lobe, oder andersrum gar bestrafe, wenn sie nicht nach Konvention handelt.

Das heißt nicht, dass ich sie nicht, wenn die Verkäuferin voller Erwartungen winkt, durchaus frage, ob sie zurückwinken m a g, aber ich übe keinen Druck auf sie aus, nehme nicht ihre Hand und winke mit ihr, um ihr zu zeigen, was sie tun soll. ICH erwarte ihr Winken nicht. Ich lasse meiner Tochter die Wahl.

Wenn Zwergnase sich bei der Oma für das Geschenk also nicht bedanken will, dann muss sie das auch einfach nicht tun. Ich nehme es ihr deswegen das Geschenk nicht wieder weg. Und ich werde vermutlich an das Verständnis ihrer Oma plädieren, dies ebenfalls nicht zu tun. Warum? Weil ich statt nach Konvention zu erziehen,  statt von einem Kleinkind Konventionen zu erwarten, hinschaue. Ist mein Kind vielleicht einfach noch zu jung, um die Dankeskonvention aus eigenem Antrieb (!) anzuwenden? Oder ist sie schon so in das neue Spielzeug vertieft, freut sich und will losspielen, dass das bloße Aussprechen der floskelhaften Worte für sie zur Nebensache wird, um ihre Dankbarkeit auszudrücken? Und seien wir doch mal ehrlich: Ist Freude in vielen Fällen nicht schon Danke genug?! Warum reicht uns DAS bei unseren Kindern oft nicht aus? Vielleicht ist meine Tochter auch einfach abgelenkt, von ganz anderen Dingen und Eindrücken. Vielleicht ist sie mit der Oma im Konflikt? Oder ihr gefällt das Geschenk nicht, es zerschlägt eine andere Hoffnung, und eine Danksagung wäre bloß Lüge. Viele mögliche Gründe. Dort kann ich hinschauen, wenn nötig, auch das Gespräch suchen, auf Augenhöhe, frei von Erwartungen.

Aber ich werde mein Kind nicht erziehen.

Statt mein Kind erzieherisch dazu anzuhalten, Konventionen ohne echtes Verständnis dafür auszuführen, kaum, dass sie überhaupt ihre ersten Worte sprechen kann, beschränke ich meinen Handlungsspielraum ganz aufs Vorleben, und lasse Zwergnase dadurch das Tempo, das sie braucht, um Höflichkeitsfloskeln zu erkennen, zu verstehen und irgendwann selber nach ihrem eigenen Ermessen anzuwenden.

Einen klaren Vorteil, den ich darin sehe: Meine Tochter plappert nicht inhaltsleer nach, weil ICH es ihr auftrage, sondern sie wendet an, was sie wahrnimmt, weil SIE es WILL.

Ich möchte an dieser Stelle nochmal erwähnen, weil ich dies nicht oft genug tun kann, dass der Verzicht auf Erziehung sich gegen einen eindeutig definierten Erziehungsbegriff wendet – Vorleben, Kommunizieren und Begleiten, gehören nicht dazu! Dass ich Zwergnase nicht zur Höflichkeit erziehe, heißt also NICHT, dass ich ihr nicht vorlebe höflich mit Anderen in Kontakt zu treten, oder ihr natürlich erkläre, warum jemand etwas sagt oder sich in einer bestimmten Weise verhält. Natürlich werde ich meiner Tochter beizeiten Nahe bringen, dass es üblich ist, sich die Hand zu geben, Erwachsene zu Siezen und älteren Menschen einen Sitzplatz anzubieten. Aber das mache ich eben durchs Vorleben, einfach weil es für mich selbstverständlich ist.

Ihre Neugier und ihr Wille zur Kooperation und Zugehörigkeit, werden Antrieb genug sein, unsere Konventionen zu erlernen.

Menschen nämlich sind soziale Lebewesen. Wir streben es jederzeit an, dazuzugehören, miteinander zu interagieren, und passen uns beinahe automatisch an soziale Gruppen an. Aus diesem natürlichen sozialen Instinkt heraus sind Kleinkinder tatsächlich hochgradig kooperativ. Sie WOLLEN dazugehören, mehr als ein Mensch in jedem anderen Alter, denn das Dazugehören sichert ihr Überleben – und die Liebe ihrer Bezugspersonen.

Da Höflichkeit im Prinzip nichts anderes ist als eine gelungene Interaktion, die auf der Erfüllung von gegenseitigen Erwartungen basiert, ist das ständige Bestreben, höflich miteinander umzugehen, also quasi von Grundauf in uns angelegt. Ein Kleinkind denkt (noch) nicht in einem gut/böse – höflich/unhöflich Schema, sondern handelt immer mit dem reinen Bestreben nach einer gelingenden Interaktion. Wobei das Gelingen natürlich durchaus auch über die rein kindlichen Erwartungen definiert sein kann, und nicht primär unsere Erwachsenen-Konventionen anstrebt. Diese müssen eben erst begriffen werden.

Ich vertraue in die wachsende soziale Kompetenz, den Nachahmungseifer und den intrinsische Lernwillen meines Kindes. Ich fordere sie nicht auf, ich übe keinen Zwang aus, weil ICH beides als Gewalt, als Ausübung von Macht empfinde. Gemäß dem literarischen Motto ›show, dont tell‹, sage ich Zwergnase also nicht, was sie tun soll, ich zeige ihr einfach, wie ICH es gut fände, indem Ich es ihr jeden Tag, bei jeder Interaktion authentisch vorlebe. Es ist dann natürlich ihre Entscheidung, was sie daraus macht.

Vom Bitten, Danken und Verabschieden

Zwei Beispiele.

Bitten und Danken sind so ziemlich die wichtigsten Höflichkeitspraktik, die Kinder in unserer Gesellschaft möglichst früh beherrschen sollen. Schon Kleinkinder werden gefragt ›Was sagt man da?‹, kaum dass sie anfangen, erste Worte und Sätze zu sprechen. Ich habe diese Floskel meinem Kind gegenüber tatsächlich noch NIE verwendet, ebenso wenig wie die berühmte Frage nach dem Zauberwort (Abrakadabra nicht wahr?).

Wenn ich meiner Tochter etwas gebe, erwarte ich kein Danke. Es ist okay, dass sie es nicht sagt. Zumal sie das auch einfach noch gar nicht richtig kann. Zumindest kam bisher erst ein paar Mal ein ›data‹ über ihre Lippen, wenn überhaupt, und ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt Dank meinte, auch wenn es in der Situation jeweils gepasst hätte. Ich selber bedanke mich, wenn mein Kind mir etwas bringt, ihren Keks mit mir teilt, oder beim Tisch decken hilft. Nicht, weil ich sie dadurch gezielt manipulieren will, sondern einfach, weil ich dankbar bin. Ich zeige ihr meine Dankbarkeit.

Genauso mache ich es, wenn meine Tochter etwas von Dritten bekommt. ICH bedanke mich. Nicht anstelle meines Kindes, um ihre ›Unfähigkeit‹ zu Überblenden oder ihr aktiv VORZUMACHEN wie es richtig geht, als eine implizite Aufforderung, DAMIT sie es mir nachplappert, sondern aus Dankbarkeit, denn wenn mein Kind etwas bekommt, dann ist das auch für mich eine Freude. Meistens nehme ohnehin noch zuerst ich die Geschenke von Fremden an. – Ich LEBE meiner Tochter Dankbarkeit vor. Ich MACHE ihr die Floskel NICHT vor, um sie zum Nachmachen aufzufordern. Da Kinder feine Antennen haben, die ihnen beim Verstehen dieser Welt helfen, bin ich mir auch ziemlich sicher, dass Zwergnase durchaus bemerkt, dass es verschieden euphorische Formen von Dankbarkeit gibt, dass manchmal auch nur eine Floskel aus normativer Höflichkeit Mamas Lippen verlässt. Daraus kann sie ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Analog dazu bitte ich mein Kind, wenn ich etwas von ihr möchte. Oder ich verbalisiere ihre eigene Bitte für Andere, wenn sie auf etwas zeigt; ›können wir bitte auch einen Keks haben?‹. Auch hier die feine Nuance: Ich bitte nicht, mit der ABSICHT, dass meine Tochter mir nachplappert. Ich frage höflich nach und bitte, einfach weil ICH es so mache, weil es eben die Wortwahl ist, mit der ICH für gewöhnlich kommuniziere. Kein Verstellen. Nur Vorleben.

Wenn ich selber nicht bitten und danken würde, könnte ich dies unmöglich von meinem Kind verlangen. Warum sollte meine Tochter etwas tun und für gut befinden, was ich nicht tue und auch wirklich so meine?

Bitte sagt Zwergnase übrigens manchmal schon. Allerdings nicht zu fremden, und bisher nur, wenn sie mir etwas gibt, noch nicht um eine Bitte auszusprechen.

Ähnlich wie mit Bitte und Danke verhält es sich mit Begrüßung und Verabschiedung. Zwergnase ist nun in einem Alter, indem die Verwandten, ebenso wie die Nachbarn und wildfremde Rentner erwarten, dass sie ihnen zuwinkt. Vor allem bei Fremden nervt mich das schon sehr; vermutlich sogar mehr als meinem Kind, die das penetrante Winken und Necken der Nachbarin einfach ignoriert, während sie sich an meine Schulter schmiegt. Zwergnase fremdelt nämlich, und die Wenigsten haben dafür so richtig Verständnis. – Generell ist das mit dem Winken nämlich gar kein Problem, das hat sie sich längst abgeguckt, weil doch alle ihr immer zuwinken, wenn sie kommen oder gehen. Zwergnase winkt sogar dem Spielplatz und den Bäumen und den Steinen und sagt ›düüü‹, wenn wir nach Hause gehen. Ganz von sich aus. Ich winke dann oft mit. Das ist zu einem schönen Ritual geworden, wenn wir einen Ort verlassen wollen.

Es liegt also gar nicht daran, dass mein Kind nicht in der Lage wäre, sich von der Bäckersfrau zu Verabschieden, sie WILL es einfach nicht. Sie hat keinen Bezug zu dieser Person. Und das ist nun mal voll okay für ein noch nicht mal zwei Jahre altes Kind. DAS wiederum, so meine Erfahrung, wollen nur viele lieber gar nicht erst gesagt bekommen, dann heißt es gleich, ich hätte versäumt, dem Kind etwas wichtiges beizubringen. Unsinn.

Sie kann das ganz von selbst. Sie Will nur nicht, und sieht gar keinen Grund dafür, mit der Bäckersfrau oder der Nachbarin oder dem fremden Rentnerpaar zu kooperieren. Vermutlich sind ihr manche davon auch gar nicht sympathisch. Beizeiten, dann wenn sie kognitiv so weit ist, wird sich das ändern. Sie wird mehr von den Erwartungen und den Höflichkeitshandlungen unserer sozialen Welt begreifen. Bisher handelt sie aber ausschließlich nach ihrem eigenem Gefühl, aus kindlichen Mustern heraus, die für uns Erwachsenen nicht immer begreiflich sind.

Der netten Dame am Arbeitslatz ihres Opas hat sie vor ein paar Tagen zum Abschied völlig unerwartet die Hand gegeben, als sie ihr diese hinhielt. Einfach so, aus dem Bauch heraus, weil es für Zwergnase in diesem Moment okay war.

Weg Von Der Verurteilung, Hin Zur Beziehungsarbeit

Das kommt alles von alleine, ganz bestimmt, aber eben erst dann, wenn meine Tochter selber so weit ist. Und dann sind ihre Dankesworte und ist ihr Winken und Händeschütteln keine leere, auf meine Anweisung gefolgte, ja durch ständiges erinnern oder gar ermahnen, antrainierte Floskel, sondern eine erlernte Kompetenz, die mit einem echten Verständnis einhergeht. Ihr Handeln ist dann ehrlich, nicht erzieherisch geformt.

Aber was ist, wenn ein älteres Kind dann doch nicht Danke sagt, nicht die Hand geben will, und dazwischen redet, obwohl es kognitiv mittlerweile weit genug sein sollte, soziale Erwartungen wahrzunehmen und umzusetzen?

Ich glaube fest daran, dass es dafür immer Gründe gibt. Und diese Gründe haben nichts mit der fehlenden Erziehung zu tun. Dass wir Menschen sozial sind, bestrebt dazuzugehören, betrifft nicht nur unsere Allerkleinsten. Wir alle wollen Kooperieren – Wenn wir es nicht tun, wenn wir in Erwägung ziehen anders zu handeln, als erwartet, dann bedeutet das etwas. Dann drücken wir Menschen damit etwas aus: Frust, Enttäuschung, Wut. Es gibt einen auslösenden Moment für bewusstes Fehlverhalten. Und dort müssen wir hinsehen, gerade bei älteren Kindern, um dort zu reparieren, wo etwas in ihren Köpfen und ihrer Gefühlswelt im argen ist, statt zu kritisieren, zu verpönen und zu strafen.

Bewusst fehlende Höflichkeit, ein gar rebellisches Verhalten sind aus diesem Blickwinkel vor allem Eins: Ein ehrlicher Ausdruck für die Innenwelt.

Wenn mein Kind sich also später, obwohl es um die Floskeln weiß, und wohl einschätzen kann, dass die Oma ein Danke erwartet (selbst wenn das Geschenk nicht der Brüller ist), sich trotzdem nicht bedankt, dann ist das eine vollkommen ehrliche Handlung. Dann liegt da vielleicht etwas im Dunkel zwischen der Oma und dem Kind; oder das Problem hat überhaupt nichts mit der geliebten Oma zu tun, findet aber hier gerade seinen Ausdruck.

Vielleicht als Hilferuf. Vielleicht aus kindlicher Rache. Vielleicht eine große Enttäuschung. Es können viele Gründe sein.

Die Gründe für solch ein Fehlverhalten herausfinden, durch vertraute Gespräche, können aber oft nur die Eltern und enge Bezugspersonen, was wieder zeigt, wie wichtig eine gute BEZiehung zueinander ist. Eine solche strebe ich an: Eine Bindung zueinander, die den Anderen annimmt, so wie er ist, und keinen Zwang ausübt, auch dann nicht, wenn es um so etwas wie Höflichkeit geht. Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

8 Kommentare zu „Warum Wir Unsere Kinder nicht Zur Höflichkeit Erziehen Müssen“

  1. Hallo Fiona,
    ich habe bei meinen beiden Kindern (4 und 6) eher die Erfahrung gemacht, dass ich diejenige war, die Erwartungen hatte … die Bäckersfrau oder unser Metzger sahen das immer ganz entspannt. Gerade als sie eben noch wirklich Kleinkinder waren. Ich denke, jeder weiß, dass kleine Kinder einfach nur tun, worauf sie Lust haben. Das ändert sich dann aber mit der Zeit.
    Mein Großer ist jetzt 6, da sehen die Erwartungen schon anders aus. Er ist aber ein liebes und verständiges Kerlchen. Den musste ich nie ermahnen, hier genügte reines Vorleben. Wahrscheinlich wäre er das ideale Objekt zum Experiment Unerzogen.
    Denn meiner Meinung nach kommt alles auch auf den Charakter des Kindes an.
    Bei der kleinen Mistmatz – und hier sagt der Spitzname wahrscheinlich schon alles – sieht das nämlich ganz anders aus. Sie ist ungeduldig, launisch und macht meistens ein ziemlich grimmiges Gesicht. Den Befehlston hat sie ganz hervorragend drauf und wenn sie etwas bekommt, ist das für sie selbstverständlich. Bei ihr muss ich ganz anders durchgreifen, denn Vorleben allein zieht hier nicht. Und auch wenn ich ihre Mutter bin, und ich natürlich alles für sie tue, möchte ich doch, dass das irgendwo geschätzt wird. Denn immer nur „MAMAAA, du musst …!“, „MAMAAA, ich hab‘ Durst!“, „MAMAAA, ich will Süßigkeiten!“, … Sie ist jetzt 4,5 Jahre alt. Es nervt. Sie muss nicht „bitte“ und „danke“ sagen. Denn wenn sie es sagen würde, dann nur weil sie es muss. Der Ton macht die Musik. Also reagiere ich auf unhöflich vorgetragene Wünsche in pampigem Tonfall nicht mehr. Die Stimmung wird in der jeweiligen Situation nicht besser, aber ich hoffe auf Einsicht. Irgendwann mal. Und meine Beweggrund dafür ist nicht die gesellschaftliche Erwartung, sondern dass ich selbst das Gefühl haben möchte, nicht nur Personal zu sein.
    LG, Tina

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    1. Hallo Tina
      Danke für deine Gedanken 🙂
      Ich sehe unerzogen nicht als ein Experiment, dass Charakteranhängig ist. Ich lebe so mit meinem Kind, egal wie es sich verhält und darauf reagiert. Unerzogen ist nichts was funktioniert oder nicht funktioniert, sondern eine innerer Haltung.
      Aber: ich verstehe sehr gut deine Gedanken dazu, was dein jüngeres Kind betrifft. Auch wir als Eltern möchten wertgeschätzt werden. Ich weiß ehrlich noch nicht, wie es mir gehen wird, falls meine Tochter einen ‚Befehlston‘ haben wird. Das werden dann neue Herausforderungen auf unserem Weg. ❤
      liebe Grüße, Fiona

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  2. Hi, ich muss sagen, ich habe etwas Probleme mit der Wortwahl, einerseits sagst Du, dass jeder seine Wege hat, gleichzeitig urteilst Du aber, dass diejenigen, die Deinen Weg nicht teilen möchten, dies eben tun, weil sie gegen die festen Strukturen im Kopf nicht angehen. Dass man bewusst anders handelt und das für sich reflektiert, gibts aber auch 😉 Genauso ist es nicht so schwarz-weiß. Mein Kleinkind muss niemandem zurück winken, nicht mit fremden Leuten reden. Von meinem Schulkind erwarte ich das eben schon. Jeder hat seinen eigenen Weg, aber vielleicht sollte man eben gegenseitig nicht urteilen? Also weder dass Leute urteilen, weil Ihr Dinge anders handhabt, noch, dass Du implizit anderen verurteilst? Alleine das „unverbogen“ ist doch schon so wertend? Ich glaube auch, dass Vorbild sein und ein positives Umfeld vieles bewirken. Trotzdem wird ein Kind nicht „verbogen“, wenn man erzieht und auch da gibts unendlich viele Nuancen. Liebe Grüße

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    1. Hallo
      Ich versuche schwarz weiß Denken so gut es geht zu minimieren,aber natürlich hat jede Meinung eine gegen Meinung -das lässt sich überhaupt nicht vermeiden. Es ist okay, wenn du dich entscheidest dein Kind zu erziehen, aber dass ich mich dagegen entschieden habe resultiert natürlich aus meiner Perspektive auf Erziehung. Und diese möchte ich ua. in meinem Blog erklären. Erziehung in meinen Augen ist eine gewaltsame Formung -dass das nicht jeder so sieht, ist mir klar. Mit meinem Blog möchte ich mich aber natürlich auch positionieren, vondemher tätige ich Gegenüberstellungen und erkläre meine Gedanken dazu. In einem ganzen Buch würde die Toleranz und die Farbenfrohheit der Wege sicher deutlicher werden. Hier beschränke ich mich auf einzelne Beiträge, und die bilden natürlich immer nur einen fokussierten Teil des ganzen ab. Ich lade dich aber gerne ein, dich weiter umzuschauen, einzulesen, um vielleicht meine Sichtweise nachvollziehen zu können. Genauso leben muss aber niemand. Und das meine ich wirklich so. ❤
      Grüße, Fiona

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  3. Vorne weg: Übertriebene und „falsche“ Höflichkeit mag ich auch nicht und erwarte diese auch nicht von meinen Kindern. Sie sollen authentisch sein und sich so verhalten dürfen, wie sie sich fühlen.
    Trotzdem hätte ich ein „aber“, basierend auf eigener Erfahrung:
    Ich glaube, meine Eltern hatten einen ziemlich ähnlichen Erziehungsansatz wie du. Insbesondere meine Mutter musste früher teilweise noch einen „Bückling“ machen und fand das so furchtbar, dass sie bei uns gesagt hat, wie müssen nichts tun, sondern eben abgucken, was wir selbst für richtig erachten.
    Aus Sicht des (inzwischen erwachsenen) Kindes kann ich sagen, dass ich mir manchmal (oder oft?) gewünscht habe, meine Eltern hätten mir mehr „Manieren beigebracht“. Einfach aus dem Grund, dass es mit dem nur abgucken oft nicht getan ist, weil viele Menschen vieles unterschiedlich machen. Und so habe ich mich im Umgang mit Fremden (aus „bügerlichen Kreisen“), gerade bei den Eltern von Freunden, oft sehr unwohl gefühlt, weil ich nicht wusste, „was sich gehört“ – und deswegen oft unabsichtlich angegeckt bin.
    Wenn man weiß, was von einem erwartet wird, dann kann man selbst entscheiden, ob man diese Erwartungen erfüllen will. Wenn man es nicht weiß, dann fühlt man sich oft unsicher.
    Das geht mir übrigens bis heute so. Ich bin unsicher beim Leute begrüßen, bei gesittetem Essen, beim Tisch decken oder abdecken oder sonstigen Hilfestellungen, wenn ich irgendwo zu Besuch bin.
    Viel davon gebe ich automatisch weiter an meine Kinder. Denn was ich nicht richtig gelernt habe, das fällt mir schwer selbst richtig beizubringen. Wo es mir bewusst wird, achte ich darauf. Und ich erkläre meinen Kindern (4 und 6) immer sehr genau, warum ich etwas von ihnen erwarte oder warum es netter wäre, z.B. anders zu reagieren, um jemand anderem ein besseres Gefühl zu machen. Das verstehen und akzeptieren die Kinder meist sehr gut.

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    1. Danke für deinen Kommentar und das Zusteuern deiner Erfahrung. Ich denke, dass Vorleben und ggf Erklären ausreichen, um Erwartungen weiterzugeben. Gelegentlich sage ich zB zu meinem Kind ‚die Frau freut sich, wenn du winkst‘, aber ich lasse ihr die Wahl, fordere sie nicht gezielt auf und nehme zB nicht ihre Hand, um mit ihr zusammen zu winken. Ich denke schon, dass das ausreicht. Ob es das tatsächlich tun wird, wird aber wohl nur meine Tochter beantworten können, wenn sie erwachsen ist. Lg, Fiona

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  4. Hallo, also ich bin in Sachen Floskeln wie Bitte/Danke/Entschuldigung/
    GutenTag/Aufwiedersehen total auf der gleichen Welle wie du.
    Meine eigenen Eltern haben mich niemals dazu angehalten und aus mir ist ein sehr höflicher Mensch geworden, würde ich behaupten. Ob ich auch ein höfliches Kind war bezweifle ich retrospektiv schon eher.
    Mein Lütte fing so mit etwa 2 Jahren an Begrüßung und Verabschiedung nachzuahmen und etwas später auch mit Bitte und Danke (sporadisch). Und wenn er mich oder andere heute (mit 4) um etwas bittet oder sich für etwas bedankt, was er bekommen hat oder erleben durfte, geht mein Herz total auf. Es ist einfach echt.
    Entschuldigung sagt er nicht wirklich von sich aus, da übernehme ich noch, wenn durch ihn ein anderes Kind irgendwie beeinträchtigt wird, was ich nicht ok fand.
    Und seit er drei ist „erinnere“ bzw. frage ich ihn, wenn er was geschenkt bekommt von anderen, ob er sich bedanken mag. Was er dann meist auch tut, aber es fühlt sich für mich nicht wie Zwang an, sondern so, als ob er von selbst nicht drauf kommt, es dann aber gerne tut.
    Wenn er mir zu fordernd im Ton („Du musst!“) ist, sage ich ihm, ich möchte, dass er mir das nochmal freundlicher / liebevoller sagt, weil ich ihm dann viel lieber helfe. Fühlt sich so ganz gut ausgewogen an, was mein Bedürfnis nach Respekt /Wertschätzung angeht und klappt auch ziemlich gut meist.
    Soviel zu Floskeln und Umgangston bei uns.
    Erziehen, also mehr als nur Vorleben allein, setze ich eher beim Verhalten ein: wie z.B. erst Fragen, bevor man sich etwas nimmt, was einem nicht gehört. Oder dass Hauen nicht in Ordnung ist (Die Wut natürlich schon…). Darauf achte ich schon, weil ich es meinem Kind ja nicht unnötig schwer machen will, indem ich unangemessenes Handeln nicht in gesellschaftlich akzeptablere Bahnen lenke. „Unverbogen“ hin oder her, ich entscheide mich da für mein Kind auf jeden Fall für „gesehen und wertgeschätzt“ aber gleichzeitig auch begleitet, um nicht total anzuecken oder unnötig den Unmut Fremder auf sich zu ziehen.
    VLG Jitka

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    1. Hallo Jitka,
      ‚du muss‘ oder ‚ich will’habe ich bewusst nicht in den Beitrag mit aufgenommen, weil ich da bei Zeiten nochmal differenzierter draufschauen mag, und der ‚Umgangston des Kindes‘ in dieser Hinsicht noch überhaupt nicht relevant für uns ist. Zwergnase äußert so etwas noch gar nicht. Ich denke, dass es nicht falsch ist, zu sagen, wenn ich mich durch eine Ansprache unwohl fühle, und dies auch nicht dem unerzogen Gedanken widersprechen muss. Es geht ja im Grunde immer um das WIE. Unsere Kinder orientieren sich an uns, also müssen wir ihnen da auch authentisch begegnen. Genauso greife ich natürlich bei unangemessene m Verhalten, wie etwa Hauen ein. Da bin ich ganz bei dir. Grüße, Fiona.

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