Vom Stillen Zur Vollkost: Essensrhythmen Aus Dem Bauch Heraus (Selbstbestimmt Essen Teil I)


Hunger und Durst sind natürliche Bedürfnisse des Menschen, neben Schlaf, Wärme und Sicherheit, welche keine äußere Einflussnahme benötigen. Der zuverlässigste Hunger und das sicherste Sättigungsgefühl sind solche, die Frei von Manipulation geblieben sind, die von Innen, wortwörtlich aus dem Bauch heraus kommen. Gleich nach der Geburt suchen Neugeborene die Brust der Mutter, wo sie Nähe, Sicherheit, Wärme und ihre e r s t e Mahlzeit bekommen: Das Kolostrum, die besonders nahrhafte Vormilch. Nahrungsaufnahme ist ein Urinstinkt. Gleich nach dem ersten Atemzug, ist es die erste und wichtigste eigenmächtige Handlung, die unsere Babys wahrnehmen.

Angesichts dieser Tatsache erscheint es mir geradezu unmöglich, meinem Kind abzusprechen, dass es selbst am besten Entscheiden, ja selbst Bestimmen kann, wann/ wie viel/ und was, es essen mag. Ein Leben lang, angefangen beim ersten Anlegen an die Brust.

Im ersten Teil der Reihe Selbstbestimmt Essen möchte ich dir von unserem Weg vom Stillen zum Essen vom Tisch erzählen, von selbstbestimmten Essensrhythmen, und darüber wie wir mit Beikost anfingen und weitermachten und unsere Entscheidungen heute nicht bereuen, obwohl wir auch anders hätten abbiegen können.

Stillwunder Gibt Es Doch!

Ich werde niemals den Moment vergessen, als meine Tochter in meinen Arm gelegt wurde, und sie zielsicher mit halb geschlossenen Augen nach meiner Brust suchte. Wir brachten keine Hilfe, keine Beratung. Es funktionierte vom ersten Moment an perfekt. Meine Hebamme bezeichnete uns gerne als Stillwunder. Schon am dritten Tag stillte ich Zwergnase, wenn sie die Brust verlangte, lässig auf einem Arm im Stehen. Es gab kein Gewühle, keine Unklarheiten zwischen uns, keine Schmerzen. Es war, als hätte ich niemals etwas anderes getan, als diesen kleinen Menschen zu stillen. Es war wunderbar. Und manchmal vermisse ich diese Leichtigkeit heute.

Ich stillte meine Tochter nach Bedarf. Das war mir von Anfang an instinktiv klar, da ließ ich mir auch nicht reinreden. Ich ließ meine Tochter schlafen, wenn sie schlief, und gab ihr die Brust, wenn sie danach suchte. So kamen wir tagsüber auf moderate zwei bis dreistündige Stillabstände, abends oft aufs stündliche Stillen.

Meine Hebamme sagte mir niemals, dass ich etwas ändern sollte, sondern klärte mich übers Clusterfeeding (phasenweises Dauerstillen) auf. Dafür bin ich ihr wahnsinnig dankbar.

Zwergnase clusterte die ersten Monate am Abend extrem, ich brauchte sie kaum ablegen, dafür hatte sie nachts schon nach weniger als eine Woche einen akkuraten vier Stunden Rhythmus eingeführt. Mit zehn Wochen schlief meine Tochter sechs bis acht Stunden durch, mit sechs Monaten schaffet sie die ganze Nacht. Ein absoluter Glücksfall, das ist mir klar, und gleichzeitig ein Beispiel dafür, dass Babys keine fremdregulierten Essenszeiten benötigen, um etwa durchzuschlafen.

Ich lese oft darüber in Elterngruppen und werde wirklich niemals nachvollziehen können, wie Ärzte und Hebammen Müttern erzählen können, dass ihr Neugeborenes einen festen Stillrhythmus bräuchte, um anzukommen. Wer besser als dieser kleine Mensch in deinem Arm, kann wissen, wie groß und wie oft sein Hunger/Durst ist? Die Hebamme ganz sicher nicht. Es ist völlig gegen meine Intuition, meinem Baby in irgendeiner Weise vorzuschreiben, wann es Hunger/Durst hat (Dasselbe gilt für mein (Klein)Kind). Zumal Stillen soviel mehr ist, als Nahrungsaufnahme: Es ist Geborgenheit. Für Mutter und Kind.

Ein weiterer Rat, den Ärzte und Hebammen mMn in vielen Fällen deutlich zu früh geben, ist der zum Zufüttern. Ehrlich, wenn DU wirklich stillen WILLST, wenn dir daran etwas liegt, dann tu es nicht!

Ich lese immer wieder von Müttern, die beklagen, ihr Baby werde nicht satt, was sie daran festmachen, dass das Baby oft an die Brust will – öfter als selber erwartet – und beim Abpumpen kaum Milch kommt. Viele füttern zu. Und bald darauf beklagen dieselben Mütter dann, dass das Stillen nun gar nicht mehr funktioniert. Ein Teufelskreis.

Vorab: Abpumpen sagt niemals (!) etwas über die tatsächliche Milchmenge aus. Ich konnte selten mehr als 50ml abpumpen, hatte aber mehr als genügend Milch. Eine Pumpe löst den Milchspendereflex einfach nicht genauso aus, wie es dein Baby tut. Da spielen Hormone mit und diese wundervoll nicht nachahmbare Saugtechnik deines Kindes. – Aber muss nicht etwas mit der Milch im argen sein, wenn das Baby immer wieder stillen will, wenn es nicht ruhig zu kriegen ist, obwohl doch die Brust immer beruhigte? Nein! Ehrlich nicht! Babys clustern, Babys schuben, Babys verarbeiten jeden Tag so viel Neues aus ihrer Umwelt. In diesen Phasen brauchen sie mehr Nahrung, mehr Nähe, sind unruhig und schreien auch mal an der Brust, weil der kleine Kopf einfach nicht weiß, wohin mit all den Eindrücken. Das ist ganz normal.

Wir hatten auch so einen Einbruch. Mit acht Wochen ungefähr kam Zwergnase in eine frühe Brustschimpfphase. Das Stillen war in diesen Tagen wahnsinnig anstrengend. Meine Tochter nahm kaum zu und nach einiger Zeit sogar etwas ab. Meine Hebamme war wieder ein Goldschatz, denn sie riet mir nicht zum Zufüttern, sondern dazu, Ruhe zu bewahren. Weiterzumachen. Meinem Kind zu vertrauen. Weiterschauen könnten wir dann, wenn ein Bergauf nicht in Sicht kommt. In der Woche darauf hatte Zwergnase ihr Gewicht wieder eingeholt.

Ich möchte nicht so weit aus dem Fenster lehnen, zu behaupten, dass es nicht den medizinisch notwendigen Fall gibt, in dem ein Kind zugefüttert werden MUSS. Aber es ist mir wichtig zumindest darauf aufmerksam zu machen, dass OFT voreilig zum Zufüttern geraten wird. Und Zufüttern ist meistens der Anfang vom Ende, da die Brust sich nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage reguliert. Wenn du also stillen WILLST, dann wende dich im Zweifel bitte an einen zertifizierten Stillberater. Und wenn dir das Stillen gar nicht so wichtig ist, dass du darum kämpfen wolltest? Dann ist das natürlich auch okay! Gerade heute, wo die Milchnahrung (Pre) so weit wie eben möglich, an die Muttermilch angepasst ist, ist es kein Unding, nicht zu stillen. Ich selber war mir während der Schwangerschaft noch überhaupt nicht mit mir einig, ob ich überhaupt stillen wollte; Ich stellte mir vor, dadurch wahnsinnig eingeschränkt zu sein. Aber dann war meine Tochter da, suchte meine Brust und es funktionierte. In diesem Moment war meine Entscheidung fürs Stillen gefallen. Diese Entscheidung ist eine Intime, und jede Mutter sollte sie selbstbestimmt treffen. Letztendlich wird dein Kind kein Glücklicheres, wenn du dich beim Stillen nicht auch selbst wohlfühlst.

Beikost: Von BLW, Babybrei Und Selbstbestimmtem Abstillen

Ich bin ein riesen Baby Led Weaning (BLW) Befürworter. Ich finde das klasse und absolut einleuchtend, mein Kind intuitiv sein Essen untersuchen und begreifen zu lassen, es schrittweise auf seinem selbstbestimmten Weg zu begleiten, von den ersten Möhrchen zur vollwertigen Mahlzeit. In der Theorie.

In der Praxis muss ich an dieser Stelle Beichte ablegen: Wir haben den Beikoststart mit Brei mit dem vollendeten vierten Lebensmonat gestartet. Und ich habe den Brei nicht mal selbst gekocht. Grund war in erster Linie mein Stundenplan. Ich ging wieder zur Uni, mein Kind musste vier Stunden zur Mittagszeit überbrücken. Die wohl portioniert eingefrorene, abgepumpte Muttermilch akzeptierte Zwergnase nicht, warum weiß nur sie selbst, und ein Plan B musste her. Da es zeitlich passte, unsere Tochter sich ohnehin schon nach unserem Essen umsah, und sie auch ansonsten alle wesentlichen Beikostreifezeichen, bis auf das eigenständige Sitzen, zeigte (Selbstständiges Halten des Kopfes, gute Auge Mund Hand Koordination, Kaubewegungen und kein erkennbarer Zungenstreckreflex!), legten wir uns einen hübschen Hochstuhl zu und starteten mit den ersten Löffeln Kürbisbrei mit genau 17 Wochen.

BLW kam zu diesem Zeitpunkt für mich nicht in Frage, da Zwergnase nicht selbstständig saß, und ICH noch zu große Angst davor hatte, dass sie sich verschlucken würde.

Im Rückblick war unser Beikoststart nicht optimal, zugegeben, aber ich verrate dir, warum ich es trotzdem nicht bereue: Es war ein Versuch. Wir hatten auch eine Packung Anfangsmilch im Schrank stehen, die hätten wir ihr stattdessen angeboten, wenn ich in der Uni war, oder ich wäre im Zweifel noch ein Semester länger zuhause geblieben oder hätte das Kind mit in die Vorlesung genommen. Möglichkeiten gab es. Und Beikost war eben auch eine davon. Ein Ausprobieren angereichert mit hibbeliger elterlicher Vorfreude, Erwartungen und Spaß. Wir freuten uns über die ersten Happen und haben den Beikoststart als Familie wahnsinnig genossen, auch wenn es in mancher Augen früh war. Es war ein Versuch, den Zwergnase angenommen hat. Niemals hätte ich sie zu Essen gezwungen! Nach nur zwei Wochen verputzte sie aber ein gutes Gläschen, ersetzte sich so die Mittagsmahlzeit und verlangte die Brust/Flasche (wenn ich nicht da war) danach nicht mehr. Nochmal zwei Wochen später boten wir ihr auch einen Abendbrei an, mit dem sie sich nach wenigen Tagen ebenfalls die Stillmahlzeit vollständig ersetzte. Unfassbar. Ich stillte nun effektiv noch drei bis viermal am Tag: Morgens, ein bis zwei Mal nachmittags und vor dem Einschlafen. Nachts brauchte sie die Brust nicht mehr, auch wenn sie aufwachte, wollte sie nicht trinken, sondern nur kuscheln. Die Nachmittagsmahlzeit ersetzte sie sich schließlich schrittweise selbst. Mit sechs Monaten gaben wir ihr allmählich Brötchen und andere Knabbereien in die Hand, Obst in Stücken zum Lutschen und Probieren. Irgendwann dann auch ein Gläschen als festes Angebot am Nachmittag.

Mit auf den Tag genau sieben Monaten stillte meine Tochter sich ab. Auch diesen Moment werde ich nie vergessen: Sie nahm meine Brust nicht, drehte sich weg und plapperte. Den ganzen Morgen. Irgendwann gaben wir ihr Zwieback in Milch, den sie zufrieden probierte. Am Abend verweigerte sie die Brust wieder. Mein Mann gab ihr eine Flasche, die sie ebenfalls nach ein paar Schlucken ablehnte und einschlief. Nächster Tag, selbes Schauspiel. Die Brustschimpfphase kannte ich ja bereits, aber das hier war anders. Es fühlte sich anders an. ich kann dir das schwierig erklären, ich wusste einfach, dass es vorbei war. Am dritten Tag entschied ich mich schweren Herzens, das Ende der Stillzeit zu akzeptieren. Wir boten ihr nun morgens und abends zum Ausgleich die Flasche, da sie anderweitig noch kaum etwas trank, was sie mit der Zeit auch annahm und so das Fläschchen zu ihrem neuen Begleiter in den Tageststart und in den Schlaf machte. Solange ich noch Milch hatte, legte ich mich immer wieder bewusst nackt zu meiner Tochter, einen kleinen Funken Hoffnung in mir, dass sie doch nochmal stillte, aber sie interessierte sich nie wieder für meine Brust. Heute, mit zwanzig Monaten hat meine Tochter auch die Milchflasche hinter sich gelassen, sie hat irgendwann immer weniger danach verlangt. Nur der morgendliche Kakao darf nicht fehlen.

Essen vom Tisch und (Wieder) Loslassen von Rhythmen

Wir praktizierten noch einige Wochen eine Mischung aus Brei und Fingerfood, wobei das Interesse an festem Essen deutlich zunahm. Zwergnase wollte nun immer mehr von dem probieren, was wir aßen, verweigerte immer öfter den Brei, und so stellten wir mit rund zehn Monaten von Brei komplett aufs Essen vom Tisch um.

Durch die Beikost hatte sich ein Rhythmus eingeschlichen, den wir so nie bewusst angestrebt hatten: Wir frühstückten Brot bald nach dem Aufstehen, aßen Mittag gegen 12Uhr, nachmittags Obst und Snacks und das Abendessen gegen 18Uhr. Der Rhythmus blieb noch eine ganze Weile erhalten, obwohl er, wenn ich ehrlich sein soll, nicht zu dem passte, wie mein Mann und ich vorher aßen, nämlich oft erst warm am Abend. Mittags kehrten wir oft nur irgendwo ein, damit das Kind etwas essen konnte, weil es eben IHR Rhythmus geworden war. Ein gewohnter Rhythmus, den WIR gemacht hatten.

Durch das Mitessen vom Tisch, Zwergnases zunehmender Mobilität und der Fähigkeit, uns immer deutlicher selbst mitzuteilen, dass sie essen will, mehr essen will oder eben gar nicht essen will, haben sich die künstlichen Rhythmen, die sich eingeschlichen haben, nach und nach wieder aufgelöst.

Heute halten wir uns nicht mehr an feste Essenszeiten.

Wir essen, wenn wir Hunger haben. Das gilt für uns alle. Wenn mein Mann und ich essen wollen, muss meine Tochter nicht mitessen, wenn sie noch gar keinen Hunger hat. Sie kann dann später etwas haben. Meistens isst sie zwar gleich mit uns mit, aber das ist ihre Entscheidung. Es gibt keinen Zwang. Ich kann ihre Portion aufwärmen, das macht mich nicht arm. Unterwegs gibt es einen Räuberteller, wenn sie nicht gezielt selbst nachfragt, so sparen wir unnötige Ausgaben. Wenn Zwergnase umgekehrt essen will, dann bekommt sie auch etwas. Ich verweise sie nicht auf einen anderen Zeitpunkt, oder die versäumte Mittagsmahlzeit, höchstens ab und zu einmal darauf, dass wir erst etwas kaufen müssen.

Wir haben nun also wieder einen Zustand erreicht, in dem meine Tochter selbstbestimmt, nach ihrem Bedarf und ihrem Rhythmus isst. Ich fühle mich damit wohler. Ich empfinde es als deutlich entspannter, für mich und für mein Kind und uns als Familie.

Bei einem zweiten Kind möchte ich gerne BLW versuchen. Nicht weil der Weg, den wir mit Zwergnase eingeschlagen haben, im Nachhinein falsch wäre. Ich bereue nicht, dass wir den Breistart früh angegangen sind. Ich denke aber, dass der künstliche Rhythmus, den wir zwischenzeitlich hatten, einfach weil Brei füttern, so einen Rhythmus irgendwie musterhaft vorgibt, umgehbar ist, wenn ein Kind einfach probieren und im eigenen Tempo mitessen kann, einzelne Lebensmittel verlangt, ablehnt, matscht und entdeckt. – Außerdem nehme ich an, dass ein BLW Kind im Durchschnitt länger stillt, weil das Stillen weniger getrennt vom Essen betrachtet werden muss. Ich muss zugeben, manchmal vermisse ich das Stillen nämlich. Aus heutiger Sicht wäre ich nicht abgeneigt mein Kind mit anderthalb noch stillend in den Schlaf zu begleiten. Aber das kommt am Ende eben auch aufs Kind an. Niemals nur auf uns Mütter. Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

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