Mit Kindern Kommunizieren


Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig mir Kommunikation im Umgang mit meinem Kind ist. Nicht nur für den Spracherwerb, ganz besonders für das Verstehen der Welt und das Begreifen des Ich sind Worte unverzichtbar.

Der Mensch hat ein alphabetisiertes Wesen. Unser Denken funktioniert überwiegend mit Hilfe von Wörtern. Sehen wir Buchstaben, kommen wir nicht umhin sie zu lesen, denn unser Gehirn reagiert auf sprachliche Impulse stärker, als auf sonstige visuelle Reize. Sprache ist nicht nur zur Verständigung unerlässlich, sie ist auch der Schlüssel zum Begreifen und Verstehen. Beim Entschlüsseln ihrer Welt helfen wir unseren Kindern also am meisten, wenn wir ihnen Zugang zur Sprache verschaffen und mit ihnen angemessen kommunizieren.

Achtsam Und Kindgerecht

Unsere Kinder sind darauf angewiesen, dass wir achtsam mit ihnen sind, so auch bei der Kommunikation. Hinzuschauen, wie dein Kind auf dich reagiert, wenn du mit ihm redest und eine einfache, kindgerechte Sprache zu wählen, sollte selbstverständlich sein.

Wenn ich mit meiner Tochter spreche, insbesondere wenn ich ihren Frust begleite oder ihr etwas richtig Wichtiges erklären will, achte ich darauf, dass meine Worte ›mit mir selbst übereinstimmen‹. Äußerungen, die dein Inneres wiedergeben, die mit deinem Empfinden übereinstimmen, haben automatisch eine ganz andere Ausdruckskraft, als die herunterzitierten Floskeln, auf die klassische Erziehung normalerweise zurückgreift. Und das spüren auch unsere Kinder. Statt zu schimpfen und Formeln wiederzugeben, die schon meine Familie auswendig aufsagte, erzähle ich meinem Kind, was mich bedrückt, was mir gerade Sorgen macht und was ich möchte. Das kostet mich ein paar mehr Worte, verschafft aber ein besseres Gefühl. Für alle.

Viele Eltern vergessen, beim Sprechen auf ihre Kinder zu achten, hinzuschauen und sich in ihre (noch) spracharme Wirklichkeitswahrnehmung einzufinden. Wenn ich spreche, schaue ich, wie mein Kind reagiert. Ist sie aufmerksam für mehr Worte, mehr Erklärungen? Oder wendet sie sich ab?

Gerade in Konfliktsituationen ist es wichtig, zu reflektieren, wie viel unsere Kinder verstehen und wie der Spracherwerb eigentlich funktioniert, um die richtigen Worte zu wählen. Das ist nämlich gar nicht immer einfach, und sehr oft korrigiere ich das, was ich im ersten Impuls zu meiner Tochter sage.

Hilf Mir Verstehen: Verbalisieren und (Be-)Greifbar Machen

Stell dir vor du kommst an einen Ort, dessen Sprache du nicht verstehst. Du weißt nicht, dass die Töne, die du hörst einen Sinn ergeben. Du hast kein Gefühl für die Sprachmelodie, nicht mal eine leise Ahnung, wie Sprache funktioniert. Alles was du hast und bist, sind Bilder vor deinen Augen, wechselnde Empfindungen in deinem Herzen und diese unbekannten Töne in deinen Ohren. Für nichts davon hast du Worte. Du kannst dich nicht ausdrücken, du weißt selber nicht, wie du die Dinge und das Gefühl in deinem Bauch bezeichnen kannst; du weißt nicht einmal, das es Bezeichnungen dafür gibt. Aber du merkst bald, dass du irgendwie nicht richtig verstanden wirst, obwohl du das Bedürfnis hast, verstanden zu werden. Du merkst, dass die Töne sich wiederholen und ändern und kein Zufall sein können. Du merkst, dass die Menschen um dich rum, irgendwie durch alle die Töne miteinander in Kontakt stehen, und nur du schaffst es scheinbar nicht, mitzusprechen. Seltsame Vorstellung, nicht wahr? Genaugenommen, schaffen wir es überhaupt nicht, uns so eine Situation vorzustellen, denn wir können uns unmöglich von unserer Sprache lösen. Haben wir einmal Sprechen gelernt, ist sie so tief in unserem Bewusstsein verankert, dass wir eine Wirklichkeit ohne Sprache nicht mehr ausleben können.

Für unsere Kinder ist es keine Vorstellung, Es ist ihre Realität.

Wenn wir unseren Kindern Dinge, Gefühle und Situationen benennen, dann geben wir ihnen Worte an die Hand, die ihnen auf lange Sicht nicht nur helfen, sich zu verständigen, sondern auch zu begreifen. Alleine in Bildern gelingt unser Verstehen nicht. Wir brauchen passende Worte zu den Bildern.

Ist es für den Aufbau des kindlichen Wortschatzes einerseits wichtig, Personen, Dinge und Tätigkeiten benennen zu können, so ist es für das Verstehen und Kontrollieren des Ich andererseits besonders wertvoll Emotionen kennenzulernen. Das Gefühl, wenn der Bauch grummelt, nennt sich Hunger. Wenn dir das Knie wehtut, hast du Schmerzen. Wenn dir nach weinen ist, dann bist du traurig, und wenn du schreien und aufstampfen willst, bist du so richtig doll wütend. Hast du erst einmal Worte für deine Gefühle, weißt also, was gerade in dir vor sich geht, dann kannst du auch nach und nach lernen, damit umzugehen. Solange dein Gefühl aber in einer Wortlosigkeit verschwimmt, ungreifbar für dein Verständnis ist, kannst du nichts anderes damit anfangen, als affektuell darauf zu reagieren, was sich bei Kindern meistens im Herausschreien äußert.

Statt auf das ungestüme Verhalten unserer Kinder also bewertend zu reagieren, hilft es ihnen in Stresssituationen viel nachhaltiger, wenn wir ihre Gefühle, die Situation und ihr Handeln begleitend verbalisieren. Dabei ist es gerade in Frustsituationen, in denen das logische Denken unsere Kinder blockiert, wichtig zunächst auf einer emotionalen Ebene zu bleiben. ›Du magst nicht nach Hause gehen, dass macht dich traurig und wütend. Bist du wütend? Willst du mit dem Fuß aufstampfen? Wird die Wut dann ein Bisschen weniger?‹ Erklärungen können dann in einem zweiten Schritt folgen, wenn du dein Kind bei seiner Emotion abgeholt hast und es sich allmählich wieder beruhigt. ›Mama will jetzt wirklich nach Hause, ich muss noch kochen und du hast doch bestimmt schon langsam Hunger.‹

Kindgerechte Wortwahl

Einfache Wörter gehen ins Ohr und halten sich im Kopf fest, dort wo das Sprachzentrum liegt. Bei meiner Tochter, die gerade anfängt zu sprechen, merke ich, dass sie gezielt Wörter mit ein oder zwei Silben aus meinen Sätzen filtert und nachspricht. Bei mehrsilbigen Wörtern beschränkt sich ihr Plappern auf die Doppelung einzelner Silben, so ist die Banane derzeit noch eine ›Nana‹. Das heißt nicht, dass auf schwierige oder lange Wörter verzichtet werden soll. Überhaupt nicht. Wenn es  aber ein einfaches (trotzdem richtiges!) Wort gibt, dann benutze ich es vorrangig, denn ziemlich wahrscheinlich wird mein Kind es schneller lernen und so schneller ein Wort haben, mit dem es sich ausdrücken kann.

Davon abgesehen soll es aber auch nicht zu einfach sein, schließlich sind unsere Kinder in ihren ersten Lebensjahren so begabt wie nie wieder darin, Sprache zu lernen. Ich bin eine dieser Mütter, die nicht sonderlich auf Lautmalerei steht, also Wauwau für den Hund, Brumm fürs Auto und Lala für jegliche Musik.

Sprechen funktioniert in etwa wie ein Logistiksystem. Jedes Wort kannst du dir als ein Päckchen vorstellen, dass auf einem Regalbrett im obersten Fach abgestellt wird. Jedes Regal hat mehrere Fächer, in denen weitere Pakete mit ähnlichen oder verwandten, eben mit dem Hauptwort zusammenhängenden Wörtern (mit wieder eigenen Unterwörtern) stehen. In den Päckchen stecken die Konzepte: Bilder, Wissen und Gefühle, die wir mit den Wörtern verbinden. Die Regale werden größer und vollgepackter und verknüpfen sich zu gigantischen Regalbauten: Unserem semantischen System. Das Problem: Wenn ein Päckchen einmal in einem Fach steht, dann braucht es einiges an Aufwand, das Päckchen gegen ein anderes Auszutauschen und die Struktur des Regals zu aktualisieren. Das Gehirn muss im wahrsten Sinne des Wortes aufräumen. Lernt mein Kind in den ersten zwei Jahren also konsequent Wauwau anstelle von Hund, dann muss der erlernte Begriff ausgetauscht, und die Bezeichnung Wauwau als der Laut des Tieres im Begriffskonzept neu kodiert werden. Das kostet deutlich mehr Aufwand, als wenn von Anfang an der Hund als Begriff ganz oben im Regal steht, und Wauwau als Synonym für Bellen kategorisiert wird.

Du kannst das natürlich trotzdem machen. Wirklich tragisch ist Lautmalerei nicht. Es ist nur eben ein Umweg.

Zwergnase kommt seit Kurzem selber auf die Idee Brumm zu artikulieren, wenn sie mit ihrem Spielzeugauto übers Laminat brettert. Das ist natürlich auch okay. Ich kann mein Kind unmöglich von jeglichen äußeren sprachlichen Einflüssen abschotten. ›Fährst du mit dem Auto? Der Motor brummt‹, sage ich. Zwergnase nickt und spielt weiter. Ich greife auf subtile Weise ihre eigene Bezeichnung auf, sehe und wertschätze ihr Sprechen, lenke ihre Wortwahl aber in sprachfördernde Bahnen um. Eine direkte Korrektur sollte mMn beim Spracherwerb prinzipiell möglichst vermieden werden. Besser sind Aufgriffe der ›falschen‹ Wörter in deinen eigenen Äußerungen. Damit zeigst du deinem Kind, ›Ich habe dich verstanden‹, und sprichst ihm trotzdem das Wort (oder den Bedeutungskontext) noch einmal korrekt vor.

Eine weitere sprachliche Baustelle, die in Elterngruppen viel diskutiert wird, ist das Sprechen von sich selbst in der dritten Person. Ich mache das auch. Ich lese häufig das Argument, dass die dritte Person uns Verdinglicht und von unseren Kindern entfernt. Im unerzogen Kontext liest sich teilweise, dass das Bezeichnen in der dritten Person uns als Eltern in eine überblickende Machtposition über unsere Kinder stellt. Die Gedankengänge sind nachvollziehbar. Ich selber kann mich damit allerdings nicht identifizieren, vielleicht weil die Sprachwissenschaftlerin in mir durchschimmert. Ich empfinde es nicht unpersönlich, wenn ich sage ›Mama hat dich lieb‹. Die Intention ist dieselbe. Für mein Kind bin ich Mama. Demgegenüber ist Ich ein wahnsinnig abstraktes Wortkonzept, welches Kinder erst zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr für sich selbst entdecken. Das Ich ferner auf andere Personen zu Übertragen, zu verstehen, dass also jeder ein Ich sein kann, ist eine unglaubliche kognitive Leistung. Das Sprechen von mir selber in der dritten Person sehe ich daher vor allem als eine Verständniserleichterung. Etwas, was die meisten Eltern ganz automatisch machen.

Mein Kind Versteht Das Schon. Oder Etwa Nicht?

Ein weiteres Phänomen in Elterngruppen ist die Behauptung, dass schon die kleinsten Kinder ein Nein VERSTEHEN. Ich schlage regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich davon lese.

Nein ist ein hochgradig komplexer konzeptueller Begriff und nimmt viel Platz in unserem sprachlichen Logistiksystem ein. Einerseits erscheint uns die Bedeutung dieses vierbuchstabigen Wörtchens ziemlich simpel: Das Nein als Antwort auf konkrete Fragen dient als ein Ausdruck der Ablehnung. Ein Nein negiert die vorangegangene Aussage. Soweit, So gut. Das schwierige: Das ist in der Regel nicht die Form, in der Eltern das ausgerufene Nein verwenden. Beim panischen, wütenden oder strengen Ausruf der vier Buchstaben fehlt die konkrete vorangestellte Äußerung, stattdessen bezieht sich der Ausruf auf eine Handlung, die im Begriff ist zu geschehen (oder schwieriger noch: von der angenommen wird, dass sie geschehen wird). Die Bedeutung, also das, WOGEGEN der Ausruf sich stellt, muss vom Kind abstrakt aus dem jeweiligen Kontext abgeleitet werden. Immer wieder aufs Neue. Einfach ist anders. Gerade wenn du erst am Anfang des Spracherwerbs und Zum Weltverstehens stehst.

Auch einem Erwachsenen gelingt diese kognitive Leistung nicht in jedem Fall.

Ein Beispiel: Du stehst in einem Raum mit einem großen Tisch, darauf stehen hochaufgetürmte Gläser. In den Gläsern sind unterschiedlich farbige Flüssigkeiten, die süß duften. Davor liegen Papiere. Du gehst näher auf die Tische zu und streckst deine Hand danach aus. Hinter dir ertönt ein Nein – Du hältst aus langjähriger Erfahrung inne. Aber weißt du auch, worauf sich das Nein bezieht? Sollst du stehen bleiben? Sollst du die Gläser nicht anfassen? Sollst du die Flüssigkeit darin nicht trinken? Sollst du die Papiere nicht betrachten? Und warum? Und was passiert, wenn du es trotzdem tust? Du würdest nachfragen, Antworten bekommen und dann darüber abwägen, o du das Nein akzeptierst oder dich darüber hinwegsetzt.

Unsere Kinder, gerade die ganz kleinen, denen fälschlicherweise unterstellt wird ein Nein schon zu verstehen – können noch nicht nachfragen, geschweige denn dezidiert über die Situation reflektieren, wie ein Erwachsener. Der einzige Weg, um herauszufinden, was das Nein also bedeutet, ist ausprobieren, weitermachen und herausfinden, an welchem Punkt Mama und Papa eingreifen, und wie sie eigentlich genau darauf reagieren, wenn ich weitermache, mit was auch immer ich lassen soll. Wenn dein Kind gezielt mit dem Kopfschüttelt (Damit meine ich nicht die Imitation der Allerkleinsten) und gelernt hat, dir mit einem Nein mitzuteilen, dass es die Kartoffeln nicht mag, dann hat es zwar einen wichtigen Teil des Konzeptes NEIN verstanden, aber es wird weiterhin auf deinen Ausruf wenig bis gar nicht mit dem gewünschten Verhalten reagieren, denn es muss erst ausprobieren, um herauszufinden, was du ihm eigentlich sagen möchtest. Hinzu kommen dann noch Neugier, Forscherdrang und ein kleiner Schalk im Nacken, der das Kleinkindalter für uns Eltern so wunderschön und anstrengend gleichzeitig macht.

Das beliebte elterliche Nein in tausendundein Tonlagen bringt in einer kindgerechten Kommunikation mMn also herzlich wenig. Der ständige Ausruf KANN auf Dauer natürlich zum Erfolg führen, ähnlich wie der Stromschlag bei einem konditionierten Tier, wenn nach dem Nein, dem Einhalt oder dem Übertreten entsprechende Belohnungen/Strafen erfolgen (Erziehung eben), aber der Effekt ist weniger ein Verstehen, als ein Dressieren. Das Kind stoppt, weil es das Nein als Signalwort nimmt, nicht weil es die Intention hinter dem Konzept NEIN in seiner Gänze begriffen und auf die konkrete Situation angewendet hat. Du könntest dein Kind genauso gut auf das Wort Stop, Achtung oder auf Spaghettisauce konditionieren. Zugegeben, Konditionierung ist eine (durchaus funktionierende) Möglichkeit mit unseren Kindern umzugehen. Es ist aber nicht das, was ich im Umgang mit meiner Tochter anstrebe.

Abgesehen davon, dass wir das Nein in unserem normalen Sprachgebrauch als Antwort auf Fragen natürlich ständig verwenden, verzichte ich in den meisten Situationen auf den typischen Elternausruf. Stattdessen versuche ich, meinem Kind konkretere Worte an die Hand zu geben, mit denen sie die Situation erfassen kann. Sätze wie: ›Das ist gefährlich. Setz dich wieder hin.‹, ›Spuck das aus. Ich habe Angst, dass du dich daran verschluckst.‹, oder ›Gib mir das bitte. Das gehört Mama.‹ fallen hier täglich und zeigen meistens einen positiven Effekt. Spätestens seit meine Tochter im Spracherwerb riesen Sprünge macht, reagiert sie in 90% der Fälle auf meine Aufforderungen. Ein Nein brauche ich überhaupt nicht. Und wenn ich es doch sage, dann lasse ich es nicht alleine stehen, sondern erkläre meinen Ausruf; beantworte meiner Tochter die Fragen, die sie noch nicht stellen kann, anstatt davon auszugehen, dass sie mein Nein verstehen muss.

Im Übrigen empfinde ich diese Art und Weise, mit meinem Kind zu sprechen, auch viel mehr auf Augenhöhe. Wie vielen Erwachsenen schmetterst du ein kommentarloses Nein entgegen und erwartest dann auch noch, dass sie es verstehen und ohne zu hinterfragen danach handeln?

Um im sonstigen Sprachgebrauch zu verstehen, dass ein Nein Ablehnung und Widerwillen ausdrückt und einen wichtigen Stellenwert hat, um eigene Grenzen aufzuzeigen, finde ich es übrigens unerlässlich auch das Nein meines Kindes zu akzeptieren. Wenn Zwergnase also den Kopf schüttelt, dann verbalisiere ich ihre Ablehnung ›Nein? Magst du das nicht Essen.‹ und nehme diese Ablehnung ihrerseits an. Nur so kann mein Kind auf lange Sicht begreifen, dass ihr Nein nicht ohne einen wirklich triftigen Grund übergehbar ist. Eine mMn wichtige Erfahrung für die Zukunft.

Auch weit verbreitet ist die falsche Annahme, dass schon kleine Kinder Aua als Ausdruck für Schmerz begreifen. Ich sage wirklich oft Aua, wenn mein Kind beißt oder mir an den Haaren zieht, dann wenn es eben weh tut. Zwergnase sagt inzwischen selber Aua, wenn sie Stellen entdeckt, die kaputt aussehen. Allerdings sind das nicht nur Wunden, es sind auch Muttermale oder ihr mit Buntstift bemalter Handrücken. Diese Beobachtung macht mir im Moment mehr als deutlich, wie unterschiedlich ihr Denken im Vergleich zu meinem Erwachsenen Denken noch funktioniert. Denn: Zwergnase verbindet Aua mit einem visuellen Reiz, (noch) nicht mit einer Empfindung.

Aua kann ähnlich wie Nein, wenn es konsequent verwendet und dabei an Verhaltenswertung gekoppelt wird zu einem Signalwort werden, bei dem kleine Kinder aufschrecken oder sich zurücknehmen. Mit Verstehen hat das aber mMn nicht viel zu tun. Wenn Zwergnase im Überschwang haut und trotz Umlenkung auf zB. ein Spielzeug nicht aufhört, sage ich zwar durchaus auch Aua, schütze mich oder stehe auf, erwarte aber (noch) nicht, dass sie meinen Ausruf versteht und auf ihre Handlung zurückführt. Ich zeige ihr: Hier ist eine Grenze erreicht. Ich möchte das nicht. Das tut mir weh. Aber ich setze diese Grenze FÜR MICH, übernehme die Verantwortung für MEIN Wohl, ohne Verantwortung und Verständnis auf mein Kind zu übertragen.

Mehr als die Wahrnehmung meiner Reaktion kann ich von meinem Kind mit anderthalb nicht erwarten.

Die tatsächliche Verknüpfung des Lautes Aua mit Schmerzen kann ein Kleinkind vorerst noch überhaupt nicht in einem Erwachsenen Sinn herstellen, genauso wenig wie das Verständnis dafür einer anderen Person wehzutun. Zuerst wird es den Zusammenhang eines Schmerzensausrufes mit echtem Schmerz bei sich selbst feststellen. Die zuverlässige (!) Übertragung, dass Mama Aua ruft, weil ihr das Ziehen an den Haarsträhnen im Spiel weh getan hat, gelingt jedoch in den ersten Lebensjahren noch nicht. Notwendig sind hierfür insbesondere die Entwicklung von Empathie und die Möglichkeit einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Beides sind Fähigkeiten, die sich idR. erst um das vierte Lebensjahr herum bei unseren Kindern entwickeln. Ein jüngeres Kind nimmt zwar den Ausruf und die Reaktion wahr, reagiert möglicherweise auch mit Pusten oder ähnlichen Tröstemechanismen (Nachahmung), kann die Tragweite der Empfindung des Anderen aber nicht vollständig nachvollziehen. Dazu muss es erst begreifen, dass jedes Individuum ein eigenes Ich hat, das eigene Empfindungen unabhängig von seinen Empfindungen haben kann. Klingt kompliziert. Ist es auch. Und ist irgendwie auch wieder wahnsinnig schwierig vorstellbar. Eines kannst du dir aber hoffentlich daraus mitnehmen: Wenn dein Kleinkind auf dein Aua nicht mit Betroffenheit reagiert, womöglich weiter macht (um die Reaktion nochmals zu erfahren und zu begreifen!), und vielleicht sogar lacht (Beschwichtigungsstrategie!), dann sei ihm nicht böse. Es weiß es wirklich nicht besser. – Es versteht dich eben noch nicht.

Wie Unser Gehirn Negative Aussagen Boykottiert

Stell dir mal bitte keinen Apfel vor. Und jetzt stell dir nicht vor, wie du in den Apfel beißt. – Na woran hast du gerade gedacht?

Unser Gehirn nimmt die sprachlich negativ formulierten Ausdrücke zwar wahr, kann sie reflektieren und in konkreten Handlungen umsetzen, aber muss zur Negierung der Aussage, auch die Aussage selber in unserem semantischen System Abrufen. Die Aussage ist also präsent. Wenn ich dich also auffordere ›nicht in den Apfel zu beißen‹, dann wirst du dem problemlos Folge leisten können, aber das Bild ›Apfel beißen‹ ist trotzdem in deiner Vorstellung aktiv. Deine Impulskontrolle hilft dir, die Handlung in der konkreten Situation zu unterbinden.

Noch ein Beispiel: Wenn ich dich frage, ›Schmeckt dir der Apfel nicht?‹ (und er schmeckt dir tatsächlich nicht), wirst du als Antwort nicken oder den Kopf schütteln? Erwachsene straucheln bei dieser Frage oft. Beides ist möglich. Meine Tochter schüttelt ohne zu zögern den Kopf. Sie reagiert auf die positive Grundlage des Fragesatzes ›schmeckt der Apfel‹ mit einem Nein.

Der Grund: Insbesondere Kinder vor ihrem zweiten Lebensjahr stehen noch ganz am Anfang des Spracherwerbs und müssen die Bedeutung der Worte erst nach und nach lernen (und später dann lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, auch wenn sie den sprachlichen Input verstehen). Aus Sicht des Spracherwerbs liegt der Schwerpunkt dabei zunächst auf dem Verständnis von Hauptworten: Nomen, Verben, Adjektive. Deswegen benennen wir ganz automatisch unseren Kindern Dinge und Tätigkeiten, Farben und Formen. Erst später werden Präpositionen, Bezugswörter und Negationen wichtig, die sich aus dem Kontext mit bereits bekannten Wörtern ergeben. Meine Tochter filtert das ›nicht‹ aus meiner Frage also einfach heraus.

Die Beispiele zeigen dir, dass unser Gehirn seinen Fokus auch später noch prinzipiell auf das Erfassen von positiven Aussagen anspringt. Die Negation ist so gesehen eine zusätzliche Informationsquelle, die erst in einem zweiten Schritt reflektiert wird. Oder anders gesagt: Um eine Negation zu verstehen, MUSS ich zuerst die positive Aussage aus dem Satz herausfiltern, um diese dann in einem zweiten Schritt ins Negative zu setzen.

Sagst du deinem Kind also, dass es ›nicht auf der Couch springen‹ soll, dann versteh es je nach Stand des Wortschatzes im besten Falle erst einmal ›Couch springen‹. Macht es dann auch.  Aber damit will dein Kind dich nicht ärgern. Es setzt einfach das um, was es versteht. Nur so kann es aus dem Kontext die weiteren Wörter erschließen und den Sinn der Negation beizeiten verstehen.

Es ist also von Vorteil in der Kommunikation mit unseren Kindern auf POSITIVE AUSSAGEN zurückzugreifen.

Statt ›Spring nicht auf der Couch‹, besser ›Setz dich hin‹. Das vermeidet viel Wut und Tränen. Natürlich dauert es auch erst, bis dein Kind deine Aufforderung versteht. Und manchmal wird dein Kind einfach nicht darauf hören WOLLEN, was du sagst. Das ist okay. Dein Kind hat eben einen eigenen Kopf und kann Gefahren zB. noch überhaupt nicht abschätzen. Dann musst du entscheiden, ob du weiter laufen lässt oder unterbindest. Je nach Situation halt. Rein aus sprachlicher Sicht sind positive Aussagen aber der entspanntere Weg. Nicht nur im Umgang mit Kindern.

Ich halte es so, dass ich in gefährlichen/wichtig empfundenen Situationen positive Aussagen verwende. In weniger wichtigen Situationen benutze ich auch negative Aussagen, die mein Kind dadurch kennenlernen und verarbeiten lernen kann. Es ist dann aber auch nicht tragisch, wenn sie weitermacht, weil sie das ›nicht‹ noch überhaupt nicht versteht. Die einzige negativ formulierte Aussage, die ich wirklich häufig verwende, ist ein Klares ›Ich möchte/will das nicht.‹ Ein Satz, der meine persönlichen GRENZEN aufzeigt. Ich empfinde es wahnsinnig wichtig, meine Grenzen, wenn ich denn auf sie stoße, auszudrücken, unabhängig davon, ob meine Tochter den Satz verstehen kann. Natürlich begleite ich durch Erklärungen.

Mit Kindern Sprechen: Ehrlichkeit, Offenheit Und Ein Bisschen ›Weiß Ich Nicht‹

Wenn ich mit meiner Tochter spreche, dann ist es mir wichtig, ehrlich zu sein. Ich verzichte auf leere Floskeln, gerade in Konfliktsituationen, und sage ihr stattdessen, was mich bedrückt, wovor ich Angst habe, wo ich meine Verantwortung sehe. Manchmal sage ich ihr auch ganz offen, dass ich gar nicht weiß, warum ich gerade ein ungutes Gefühl habe. Dabei bin ich bei mir und strahle, davon gehe ich zumindest aus, deutlich mehr Klarheit aus, als mit heruntergebrochenen Zitaten. Genauso will ich es auch halten, wenn Zwergnase älter ist und bewusst MIT mir spricht.

Wenn ich in Elterngruppen von Konflikten oder Sorgen rund um ältere/sprachlich fortgeschrittene Kinder lese, dann ist meine erste Gegenfrage in der Regel, ob die Eltern denn schon mit dem Kind darüber gesprochen haben. Eigentlich simpel. Überraschend oft ist die Antwort Nein. Dabei sind Kinder wahnsinnig kreative und kooperative Köpfe und sprechen aus dem Bauch heraus die Wahrheit. Sprich mit deinem Kind. Frag doch einfach mal nach, warum es tut, was es tut und was ihr machen könnt, um euer Problem zu lösen. Nicht nur, dass die Antworten möglicherweise wahnsinnig bereichernd sind, dein Kind fühlt sich gesehen und ernstgenommen. Beides wahnsinnig wichtige Erfahrungen. Vermutlich versteht dein Kind dich auch viel besser, wenn du ruhig mit ihm sprichst, anstatt Verbote und Gebote abzuspielen. Und vielleicht findest du die Sache auch plötzlich gar nicht mehr so schlimm, wenn dein Kind die Chance bekommt, sich und seine Perspektive zu erklären.

›Das Problem ist, wenn ich frage, dann kommen Antworten wie weiß ich nicht und weil ich das will.

Wir reden hier von kleinen Menschen, Kindern im KiTa Alter, die in den meisten Fällen weder hochgradig reflektiert ihre Antworten wählen, noch ihrem Verhalten eine Bedeutung im großen Ganzen der Welt zukommen lassen. WIR wollen, dass ein plausibler Grund hinter dem (unerwünschten) Verhalten unserer Kinder steckt, damit WIR gezielt eingreifen können. Das ist wieder so ein Erwachsenen Denken. Es muss kein wahnsinnig gewichtiger Grund dahinter stecken, wenn Kind A Kind B beim Vorbeigehen schubst. Ein weiß ich nicht, kann heißen: Dein Kind handelt impulsiv und braucht Hilfe, sich zu regulieren. Und wenn dein Kind gerade die gewaltige Erfahrung macht, dass es seinen Willen durchsetzen kann, dass es etwas bewirkt, dann kann weil ich das will, durchaus Grund genug sein, diese Erfahrung auszuleben. Mehr gibt es da erstmal gar nicht zu sagen. – Aber genau da kannst du anpacken und weitersprechen und dein Kind in die Lösungsfindung einbinden. ›Wie fühlt es sich an, wenn du das tust? Wie können wir die Situation ändern?‹

Nicht immer werden die Gespräche mit deinem Kind die perfekte Lösung liefern. Aber wenn du gar nicht erst anfängst dein Kind in die Problemlösung einzubeziehen, wirst du auch nie erfahren, ob nicht was Gutes dabei raus gekommen wäre.

Gewaltfreie Kommunikation

Und wenn es Kracht? Wie spreche ich mit meinem Kind (und mit Menschen generell) eigentlich am besten in Konfliktsituationen, ohne die Eskalation geradezu zu provozieren? Gerade im Konflikt neigen wir oft dazu, uns in eine Machtposition zu versetzen. Ich lege dir die Gewaltfreie Kommunikation (Rosenberg) ans Herz, bei der es im Vordergrund steht, im Gespräch in Beziehung zu bleiben und kooperativ miteinander zu leben, anstatt dein Kind von deiner Verhaltensanweisung überzeugen zu wollen.

Grundbaustein der GFK ist der Verzicht auf Forderungen und Anklage. Stattdessen bleibe ich bei MIR, spreche von mir, meiner Wahrnehmung und meinen Wünschen in ICH BOTSCHAFTEN.

Das passiert in vier Schritten:

  • Die Beobachtung der Situation ohne Wertung oder Anklage. Es geht an dieser Stelle um die Wahrnehmung.
  • Die Beschreibung des Gefühls, welches die Situation in DIR auslöst.
  • Das Benennen/Erklären des unerfüllten Bedürfnisses, das hinter dem Gefühl steckt.
  • Die Formulierung einer Bitte oder eines Wunsches, ggf. die Nachfrage, nach einem geeigneten Lösungsvorschlag.

Wenn dein Kind ein Besuchskind also wiederholt schubst und ihm das Spielzeug wegnimmt, bis es anfängt zu weinen, dann kannst du ihm Vorwürfe machen und mit einer Strafe drohen, oder du gehst den Weg der gewaltfreien Kommunikation. ›Ich habe gesehen, dass du Kind B jetzt schon das dritte Mal geschubst hast. Das macht mich traurig, weil es mir wichtig ist, dass Kind B sich bei uns wohl fühlt. Ich wünsche mir, dass du Kind B nicht mehr schubst. Vielleicht möchtest du mir erzählen, warum du das tust?‹ So in etwa. Natürlich nicht ganz so pathetisch.

Ich orientiere mich an der GFK schon bei Zwergnase. Mit Erwachsenen fällt mir dieser Umgangston noch deutlich schwieriger. In Akutsituationen fällt es mir nicht leicht, die Theorie umzusetzen, dann verfalle ich in Vorwürfe und Standpauken, aber ich übe. Bis Zwergnase in dem Alter ist, in dem wir Situationen aktiv ausdiskutieren, habe ich den Vierschritt der GFK hoffentlich verinnerlicht. Und wenn ich doch mal den Faden der friedlichen Konfliktlösung aus dem Blick verliere, dann bleibt mir immer noch die Entschuldigung.

Mich bei meinem Kind entschuldigen zu können, ist eine der wohl wichtigsten Tugenden in der Kommunikation mit meinem Kind. Fehler passieren uns allen. Wichtig ist, sie zu erkennen, sie einzusehen und auch gegenüber unseren Kindern einzugestehen. Es ist nicht selbstverständlich ein Kind zu schimpfen – Wenn es passieren sollte, und das wird es gewiss, ich bin auch nur ein Mensch mit Gefühlen und Nerven und einer Impulskontrolle, die irgendwann aussetzt, dann gehe ich zu meiner Tochter, nehme sie in den Arm und sage ihr, dass es mir Leid tut.

Vom Sehen Und Verstehen

Wenn ich meiner Tochter einen Kurzroman an die Backe rede, ihr von meinen Ängsten und Bedürfnissen erzähle und sie frage, was wir tun können, versteht sie das eigentlich? Mal mehr, mal weniger. Die ersten zwei Jahre vermutlich weniger. Der Rest kommt mit der Zeit. Wie ich eingangs bereits erläutert habe, ist es mir wichtig, stets achtsam mit meinem Kind umzugehen. Wenn ich sehe, dass sie unaufmerksam ist und sie statt Worte, gerade Ruhe braucht, um zu wüten oder zu trauern, dann gebe ihr diese und schweige. Wenn sie mir zuhört, dann spreche ich. Und ich bin mir im Klaren, dass sie (noch) nicht alles versteht, was ich sage. Macht das dann überhaupt Sinn, was ich da tue? Wäre eine klare Ansage nicht sinnvoller?

Gegenfrage. Versteht dein Kind, warum du schimpfst, es auf den Boden setzt und die nächsten zehn Minuten ignorierst? Die Antwort ist dieselbe. Mal mehr, mal weniger. Die ersten zwei Jahre vermutlich weniger. Du machst es trotzdem. Denn darum, ob es das gerade jetzt versteht, geht es überhaupt nicht.

Verständnis kommt durch Erfahrung. Mein Kind wächst mit der Erfahrung auf, dass mit ihr gesprochen wird. Beizeiten wird sie antworten, MIT mir sprechen und einen achtsamen Umgang mit Worten, Bedürfnissen und Gefühlen lernen. Weil ich es ihr vorlebe. Jeden Tag. Xx Fiona

 

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

1 Kommentar zu „Mit Kindern Kommunizieren“

  1. Toller Artikel! Für mich vielleicht besonders nachvollziehbar, da ich selbst aus dem sprachwissenschaftlichen Bereich komme. Besonders interessant finde ich die Ich-Botschaften, die gebraucht werden sollen. Im Management wird genau dasselbe „unterrichtet“ (Stichtwort: „Feedbackregeln“) und es funktioniert ganz klar bei ALLEN Gesprächspartnern. Sowohl die positive Formulierung, als auch die Botschaft „Ich empfinde gerade, dass…) spricht einfach offen die Situation an und führt dazu, dass sich das Gegenüber nicht herabgesetzt fühlt – egal ob Erwachsener oder Kind. Viel zu selten stellen sich Eltern oder generell Menschen die Frage „Was löst meine Aussage eigentlich in meinem Gegenüber aus? Möchte ich, dass mit mir jemand so redet?“ Sich diese beiden Fragen VOR dem Gesagten zu stellen, hilft unwahrscheinlich, aus meiner Sicht. Klar, geht das nicht immer… Wir sind ja auch alle nur Menschen 😉

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