Kindliche Ängste Überwinden


Stell dir vor, um dich herum ist es dunkel und warm. Du hörst ein rhythmisches Pochen und Grummeln, dass dir ein Gefühl von Vertrautheit gibt. Alle anderen Geräusche sind dumpf. Du fühlst keinen Hunger, keinen Durst. Du empfindest keinen Schmerz. Du bist da. Schwerelos. Glücklich.

Plötzlich wird es ungemütlich. Etwas passiert. Du schnapst nach Luft. Es ist hell und laut. Dein Magen knurrt. Dein Körper fühlt sich schwer an. Etwas wird dir über den Kopf gezogen und zwickt auf deiner Haut, aber du weiß nicht, wofür das gut sein soll. Um dich herum Gesichter und Farben und Dinge. Stimmen, die du nicht verstehst. Beängstigend.

So ungefähr geht es wohl unseren Kindern, wenn sie geboren werden.

Auf einmal verändert sich ALLES. Und die Welt, in der dein Kind sich von nun an wiederfindet, wird von Tag zu Tag größer und komplizierter. Immer neue Orte kommen hinzu. Neue Gesichter. Neue Dinge passieren, andere Dinge verschwinden wieder. Und dann sind da auch noch die vielen lauten Geräusche, die sich dauernd verändern und aus tausenden Richtungen zu kommen scheinen. Neue Gerüche. Neue Geschmäcker. Du entdeckst gerade erst, dass diese lästigen Arme und Beine zu dir gehören.

Ein riesen Durcheinander.

Und während alle anderen um dich herum scheinbar ganz genau verstehen, was vor sich geht, bist du einfach nur verschüchtert, verängstigt und fühlst dich unheimlich klein.

Keine Angst Ist Unbegründet

Wir sind Erwachsen. Wir können uns überhaupt nicht mehr vorstellen, wie beängstigend diese Welt einmal für uns gewesen sein muss. Wir vergessen die ersten Jahre unseres Lebens. Wenn wir aber zumindest versuchen, unsere Kinder zu verstehen, die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten, dann ist klar, dass wir ihre Ängste jederzeit Ernst nehmen sollten.

Keine Angst ist lächerlich. Keine Angst besteht grundlos. Keine Angst hat es verdient kleingemacht und belächelt zu werden.

Ängste sind nicht rational und lassen sich oft nicht vernunftgemäß erklären, trotzdem sind sie für denjenigen, der sie spürt reale Empfindungen. Selbst wenn der Betroffene weiß, dass die Angst unnötig ist, lässt das beklemmende Gefühl sich nicht abschalten. Es ist da. Herzklopfen, Unwohlsein und Übelkeit begleiten die Angst. Du fühlst dich schlecht. Egal, ob andere über die Situation lächeln. Du hast Angst. Es geht um Dich. Oder eben um dein Kind.

Auch Erwachsene leiden unter Ängsten und Phobien.

Ich möchte behaupten, dass es keinen Menschen gibt, der nicht irgendeine Angst hat. Und das, obwohl wir uns in dieser Welt zurechtfinden.

Und nun stell dir nochmal vor, wie es deinem Kind gehen muss: Es kann nicht rational abwägen, sich nicht gut zureden, und überhaupt weiß es nicht, wie dieses bunte Treiben eigentlich funktioniert, in das es da hineingeschleudert wurde.

Kein Wunder also, dass unsere Kinder Angst haben.

Mit Den Augen Der Kinder Sehen: Warum Es Doch Schlimm Ist

Kindliche Angst ist eine instinktive Abwehrreaktion, um sich vor möglichen GEFAHREN zu schützen. Die Ängste unserer Kinder resultieren in der Regel aus ihrer Unwissenheit. Ihnen fehlt die ERFAHRUNG, die wir über viele Jahre gesammelt haben, und die uns hilft, Situationen einzuschätzen.

Ein älteres Geschwisterkind wird die Angst deines Kleinkindes vermutlich besser nachvollziehen können als du.

Unsere Erfahrungen helfen uns Ängste zu überwinden oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, insofern keine krankhafte Angststörung oder Phobie zugrunde liegt. Wir können einschätzen, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein Monster aus dem Kleiderschrank klettert, weil wir über Jahre Nacht für Nacht die Erfahrung gemacht haben, dass es nicht passiert. Unseren Kindern fehlt dieser Erfahrungswert. Sie können sich nur auf unser Wort verlassen.

›Das ist gar nicht schlimm. Du brauchst keine Angst haben.‹

Als erste Reaktion rutschen mir diese Sätze beinahe jedes Mal heraus, wenn Zwergnase sich panisch an mein Bein klammert. Großer Müll. Das weiß ich, muss es mir aber auch immer wieder bewusst machen. Also atme ich nochmal durch und korrigiere mich.

Natürlich ist gerade ETWAS schlimm. ETWAS ist da, wovor mein Kind Angst hat. Aus Zwergnases Perspektive ist die Angst begründet. Wenn ich einem Spinnenphobiker sage, dass er keine Angst vor Spinnen haben braucht, dann ist ihm damit auch nicht geholfen.

Ängste klein zu reden und zu relativieren hilft nicht. Auch wenn uns, gerade im Umgang mit unseren Kindern, diese Maßnahme oft am sinnvollsten erscheint und beinahe automatisch abgespielt wird. Ein ›Das ist gar nicht schlimm. Du brauchst keine Angst haben‹ mischt zur Angst erstmal nur Scham hinzu. Mehr nicht. Das ist nicht wirklich erstrebenswert.

Stattdessen versuche ich, die Angst  meiner Tochter zu sehen. Ich versuche mir klar zu machen, WAS GENAU der Auslöser für die Angst ist und einen Weg zu finden, diese Angst gemeinsam zu ergründen und zu überwinden.

Ich benenne die (vermutete) Ursache so genau wie möglich und erkläre sie meinem Kind. Immer und immer wieder, wenn nötig. Ich zeige ihr, was das ist, wofür es gut ist, warum es da ist, und was wir damit machen können. Ich mache ihr ihre Angst durch Worte greifbar und damit Schritt für Schritt überwindbar. Gleichzeitig zeige ich ihr, ich bin da, ich nehme deine Angst ernst. Ich sehe, wovor du Angst hast. Ich halte den Körperkontakt mir meiner Tochter, berühre sie, lasse sie fühlen, dass ich anwesend bin.

Ich finde es sehr wichtig, in solchen Momenten nah bei meinem Kind zu sein.

Um Ängste zu überwinden braucht es neben Erfahrung (die unsere Kinder eben noch nicht haben) vor allem Vertrauen und Verständnis. Jemandem der dich wirklich ernst nimmt, dem vertraust du. Dem vertraust du dich an. Und mit dem traust du dich dann irgendwann auch, ins Flugzeug zu steigen oder eine klitzekleine Spinne auf die Hand zu nehmen.

Viele kindliche Ängste lösen sich zudem von alleine auf, sobald die Kinder mehr Verständnis für die Dinge entwickelt haben.

Und bewusst zu machen was der Auslöser der Angst ist und unseren Kindern dann aktiv zu helfen, die Dinge, vor denen sie sich fürchten zu verstehen, sie mit etwas Sicherheitsabstand vertrauensvoll daran heranzuführen (immer im Tempo des Kindes!), bringt mMn mehr, als die Angst belächelnd kleinzureden oder andersrum Angstsituationen vollständig zu meiden, bis das Verständnis von woanders kommt. Natürlich wird dein Kind die Angst vor dem Monster im Schrank auch verlieren, wenn du immer wieder betonst, dass es keine Angst haben braucht, weil es eben gar keine Monster gibt. Dein Kind wird sich dann aber mit der Angst alleine gelassen fühlen. Stattdessen kannst du mit deinem Kind den Schrank leerräumen und schauen, dass dort kein Loch im Holz ist, wo ein Monster durchkriechen könnte. Ihr könntet spekulieren, ob die Monster überhaupt böse sein müssen, oder ob sie nicht auch coole Spielkameraden wären. Und ihr könnte ein Monster Abwehr Spray mischen, für den Fall der Fälle. Vielleicht irrst du dich ja doch.

Kindliche Ängste zu Überwinden ist ein Balanceakt, den wir mit unseren Kindern gemeinsam machen. WIR haben die Verantwortung, dabei das Gleichgewicht zu halten: Ernst nehmen – Da sein – Erklären – Lösungen finden.

Angst Vor Fremden: Offene Türen Und Schützende Hände

Die Angst vor Fremden ist eine der wohl typischsten Ängste unserer Kinder. Lächeln sie anfangs noch (fast) jeden glucksend an, beginnen sie früher oder später zu fremdeln. Schauen schüchtern oder grimmig, und weichen nicht mehr von Mamas und Papas Seite. Der Fremde ist nicht einschätzbar.

Zwergnase ist ein extremes Fremdelkind.

Über viele Monate hat sie bei beinahe jedem Kontakt mit fremden Personen panisch geschrien, ließ sich nicht absetzen und kaum beruhigen. Inzwischen beläuft ihre erste Reaktion sich meist auf einen schüchternen Blick auf den Boden oder ein Festklammern an Mamas oder Papas Bein. Solange sie weitestgehend in Ruhe gelassen und nicht angesprochen wird, verfliegt die Unsicherheit nach ein paar Minuten aber wieder. Ich versuche die Interaktion mit ihr von vorneherein umzulenken, wenn ich sehe, dass es meinem Kind unangenehm wird. Verabredungen teile ich mit, sie behutsam zu behandeln. Schlimmer ist es nämlich, wenn die fremde Person direkten Kontakt sucht. Auch schlimm: Wenn der Fremde ihr in einem geschlossenen Raum begegnet, besonders in den eigenen vier Wänden, dort wo sie sich eigentlich sicher fühlt. Draußen fällt es meiner Tochter deutlich leichter Fremde zu tolerieren und knüpft schneller Kontakt. Kommt jemand Unbekanntes in unsere Wohnung, schreit sie meistens.

Was ich tun kann? Die Angst meines Kindes ernst nehmen, auch wenn sie zugegeben manchmal lästig ist. Ich halte mir immer wieder vor Augen, dass mein Kind sich bedroht fühlt.

Zwergnase kann noch überhaupt nicht einschätzen, wie ihr Fremde Personen gesinnt sind. Zunächst sind alle Fremden instinktiv eine Gefahr. Erst mit der Zeit entwickeln sich Muster, nach denen unsere Kinder Personen klassifizieren. Der ursprüngliche Instinkt ist erstmal überhaupt nicht verkehrt. Es ist nicht in meinem Interesse, ihr ihre Skepsis gegenüber Fremden vollständig auszureden. Nicht heutzutage.

Ich muss mich also zunächst fragen, was MIR eigentlich wichtig ist? Ich wünsche mir, dass sie den Mut findet, sich zu öffnen, wenn sie spürt, dass es okay ist. Dass ihr Gegenüber ihr nichts böses will.

In erster Linie gebe ich meiner Tochter daher erstmal einfach eine Rückmeldung, wenn sie fremdelt. Ich sage ihr, wer die fremde Person ist, oder, wie ich die Person selbst einschätze.

›Du hast  Uroma lange nicht mehr gesehen. Letztes mal saßen wir draußen im Garten. Ist es okay, wenn wir uns auf die Couch setzen? Du kannst auf meinem Schoss beiben.‹ Das Erinnerungsvermögen von Kleinkindern baut sich erst auf. Das Gehirn ist damit beschäftigt Abläufe zu ordnen und den Alltag zu begreifen. Die Uroma, die Zwergnase zwei Mal im Jahr sieht, hat noch keine Priorität. Egal wie vertraut sie mir ist, Zwergnase ist sie fremd. – Wenn die Nachbarin mein Kind albernd dazu ermuntert, näher zu kommen, mein Kind aber nicht will, dann ist das okay. ›Die Nachbarin möchte dir nur Hallo sagen. Schau. Alles gut. Du brauchst nicht hingehen. Ich sehe, dass du Angst hast.‹ Nach Möglichkeit helfe ich meinem Kind sich vor den Fremden abzuschirmen, ohne dabei jedoch einen Keil zwischen sie und den Fremden zu treiben. Ich gehe zum Beispiel zwei Stufen weiter hoch, um Zwergnase vor dem direkten Kontakt zu schützen, rede aber trotzdem in Ruhe mit der Nachbarin im Hausflur weiter. Ich halte den Körperkontakt zu Zwergnase, den sie in diesem Moment braucht, zeige ihr durch meine Interaktion mit den Fremden aber, dass es okay ist. Es ist okay, dass sie fremdelt. Es ist aber genauso okay, dass ich mit der Nachbarin spreche und wir bei Uroma Kaffe trinken. Ich bitte Freunde auch nicht, unsere Wohnung wieder zu verlassen, wenn mein Kind weint. Ich beruhige und begleite Zwergnase, spreche mit ihr, gehe mit ihr wenn nötig vorübergehend in ihr Zimmer, in dem sie zur Ruhe kommen kann und sich beschäftigt, lasse aber die Tür bewusst offen und widme mich sobald wieder möglich meinen Gästen. Es ist okay, dass sie zu Besuch sind. Ich wäre nicht glücklich, würden sie gehen.

Weder provoziere ich den Kontakt mit Fremden, noch vermeide ich ihn. Ich suche den Mittelweg. Was für mich heißt: Ihre Angst Ernst nehmen, Erklären und mein Kind vor Übergriffen schützen, aber ihr die Möglichkeit geben, selber (!) den Kontakt zu knüpfen.

Es ist nicht immer einfach die kindliche Angst und alltägliche Abläufe in Balance zu halten, aber ich finde es wichtig es zu versuchen.  Als Mutter bin ich der ruhige Pol meines Kindes, an dem sie sich orientiert und an dem sie Emotionen und Reaktionen abliest. Verfallen wir in Unsicherheit, steigert sich auch die Angst unserer Kinder. Nehmen wir aber ihre Angst an, ohne sie klein zu machen, und vermitteln trotzdem, dass der Auslöser der Angst FÜR UNS nicht bedrohlich ist, leben wir unseren Kindern damit vor, dass sie ihre Angst ablegen dürfen – anstatt sie nur dazu aufzufordern.

Wie bei der Frustbegleitung, finde ich es auch im Umgang mit der kindlichen Angst Kommunikation im Allgemeinen und die Verbalisierung im Speziellen sehr wichtig. Ein Wort für das zu haben, was uns Angst macht, dadurch eine Bedeutung und Funktion zu begreifen, einen Zusammenhang mit der Welt zu sehen, alles das erleichtert die Angstüberwindung. Da bin ich mir sicher.

Angst Vor lauten Geräuschen: Guck Mal Dort

Meine Tochter hat fürchterliche Angst vor lauten, nicht zuordenbaren Geräuschen.

Das fing schon sehr früh an. Als sie etwa ein halbes Jahr war, entwickelte sie eine Angst vor allen Dingen, die laut knisterten und raschelten. Alufolie. Tüten. Müllbeutel. Zeitungspapier. Wenn wir etwas davon brauchten, achteten wir darauf, dass einer beim Kind sein konnte, um sie zu beruhigen und ihr zu erklären, was passierte. Je mehr Zwergnase die FUNKTION der Dinge verstand, desto weniger wurde ihre Angst. Bald half sie von sich aus, Tüten auszupacken, und spätestens nach ihrem ersten Geburtstag und Weihnachten wusste sie, dass sich unter Geschenkpapier etwas richtig tolles verbirgt. Inzwischen macht Knistern richtig Laune.

Die Angst hat sich allerdings auf ein anderes Geräusch verlagert: Motoren und motorenähnliche Geräusche. Sei es ein Auto, Motorräder, der Rasenmäher, nahe Flugzeuge, der Föhn oder manchmal auch schon der durch die Bäume brausende Wind. Zwergnase findet diese Dinge gleichermaßen interessant und erschreckend. Schaut hin, aber fürchtet sich, schreit und klammert.

Auslöser ist ein TRAUMA.

Meine Tochter stand Anfang des Jahres auf der Wiese vor dem Haus, als ein Motorrad mit heulendem Motor in die Einfahrt gebraust kam. Aus ihrer Perspektive raste es frontal auf sie zu, sie wusste natürlich nicht, dass das Motorrad auf dem Parkplatz halten würde und sie nicht einen Moment in Gefahr war. Zwergnase rannte also panisch auf mich zu, stolperte, fiel hin und schrie. Mit dem lauten Motorengeräusch verbindet sie seitdem Gefahr und Schmerzen. Richtig blöd gelaufen.

Die ersten Monate waren sehr schlimm. Absolut jedes Motoren(ähnliche)Geräusch, selbst wenn es noch so leise war, brachte sie in absolute Aufruhr. Inzwischen hat sich die Lage wieder etwas entspannt, aber Zwergnase erschrickt noch immer und bei außergewöhnlich lauten oder abrupten Motorengeräuschen klammert sie sich immer noch panisch fest.

Alles was ich tun kann, ist ihre Angst anzunehmen, ernst zu nehmen und zu begleiten. Ich benenne ihr die Geräuschquellen, suche mit ihr wenn möglich danach und zeige sie ihr. Zusammen schauen wir dann vom Balkon runter auf die Wiese. ›Da ist der Rasenmäher wieder. Der ist aber ganz schön laut heute. Macht dir das Angst? Sollen wir zuschauen, oder willst du lieber wieder rein gehen?‹ Wenn es Zwergnase gelingt, die Geräuschquelle selber ausfindig zu machen, etwa ein Flugzeug am Himmel oder ein Bus, der um die Ecke sollt, dann zeigt sie inzwischen immer häufiger selber darauf und kommentiert ihren Fund stolz mit einem ›Da‹, statt ängstlich hoch auf den Arm zu wollen und ihr Gesicht an meiner Schulter zu verstecken.

Bei Motorrädern allerdings braucht Zwergnase meistens noch unseren Schutz, was mit ihrem Erlebnis zusammenhängen wird. Das Macht Spaziergänge an stark befahrenen Straßen ziemlich anstrengend. Und einen Spielplatz, der direkt an der Straße liegt, brauche ich eigentlich nicht ansteuern. Es ist okay. Ich lasse ihr Zeit. Sie wird darüber hinweg kommen und ihre Angst nach und nach verlieren. Vermutlich wird sie als erwachsene Frau keiner Motorradgang beitreten. Aber wer weiß das schon.

Ich nehme sie in den Arm und halte sie fest. ›Schau ein Motorrad. Wie schnell es ist. Schon wieder weg. Hast du dich erschrocken?‹ Ich erkläre ihr, dass uns auf dem Gehweg nichts passieren kann und dass die Autos und Motorräder auf der Straße fahren. In diesem Sinne hat ihre Angst vielleicht sogar einen kleinen Nutzen, denn se ist tatsächlich nicht unbegründet. Auch nicht aus Erwachsenen Perspektive. Fahrzeuge können gefährlich sein. Es wäre fatal, ihr diese Angst auszureden.

Angst Vor Wasser: Katzenwäsche, Schaumbad Und Unter Wasser Gesetzte Badezimmer

Eine Angst, die wir erfolgreich besiegen konnten, ist die Angst vor Wasser.

Zwergnase liebte baden anfangs. Seit sie sitzen konnte, badete sie alleine in der großen Wanne, planschte und freute sich schon, sobald das Wasser einlief. Nur Haare waschen mochte sie nie, aber das hatten wir schon auf das Nötigste reduziert. Von einem Tag auf den anderen schlug ihre Freude am Baden jedoch schlagartig in blanke Furcht um. Ich weiß bis heute nicht warum. Die Temperatur und die Abläufe waren wie immer. Trotzdem strampelte sich mein Kind völlig unerwartet aus dem Wasser hoch, beim Versuch sie in die Wanne zu setzen und klammerte sich panisch an mir fest. Nichts half. Sie beruhigte sich erst, als das Wasser ablief und ich sie anzog. Auch Planschen am Waschbecken war plötzlich unmöglich.

Diese Phase fiel mir unheimlich schwer. Ich fühlte mich hilflos. Nicht weil ich mir Sorgen um ihre Körperhygiene machte, das war alles tragbar und lösbar, aber der Spaß, den sie sonst immer beim Baden hatte, fehlte mir. Es tat mir Leid. Ich wusste nicht, was los war und wusste auch nicht, wie ich ihre helfen konnte. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt mehr als jemals zuvor gewünscht, dass sie schon mehr sprechen könnte. Wenigstens ein kleiner Hinweis.

So machtlos ich war, gleichzeitig wusste ich nämlich, dass nur wir ihr helfen konnten, ihre Angst wieder zu verlieren.

Woher auch immer die Angst kam, sie war da und echt. Ich bot meiner Tochter nun völlig zwanglos immer mal wieder ihren mit etwas Wasser und Badespielzeug gefüllten Waschbeckeneinhang an der Wanne an. Blieb sie im Badezimmer, planschte ich ein wenig mit ihr darin, zeigte ihr, wie das Wasser plätschert. Sie schaute zu, machte manchmal sogar wieder mit. In die Badewanne mochte sie aber  immer noch nicht, wenn wir es zu den üblichen Zeiten versuchten. Wir nahmen es hin und machten stattdessen einige wochenlang nur noch Katzenwäsche mit dem feuchten Waschlappen beim abendlichen Wickeln.

Als wir feststellten, dass die spielerischen Versuche zwar immer mehr angenommen wurden, ihr die Angst vorm Wasser -Oder war es die Badewanne?- aber nicht nahmen, sondern sie immer noch panisch schrie und strampelte, bis das Wasser aus der Badewanne wieder ablief, sie inzwischen sogar schon flüchtete, wenn ich ihr das Baden ankündigte, änderten wir die Taktik. Wir ließen es einfach sein. Wir ließen unsere Erwartungen los.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt hörten wir auf mit festen Ritualen und einigermaßen eingependelten Rhythmen zu leben. Auch in anderen Bereichen lösten wir uns nach und nach immer mehr davon. Inzwischen haben wir tatsächlich keine festen Rhythmen und Rituale mehr, und ich bin sehr froh darüber, dieses erzieherische Dogma hinter uns gelassen zu haben. Es geht ohne. Und es ist überhaupt nicht chaotisch.

Baden gehörte nun nicht mehr zweimal die Woche zu unserem Alltag, den wir irgendwie drin behalten wollten. Warum eigentlich? Wir boten ihr das Wasser nun nicht mehr aktiv an, wir hörten einfach auf Zwergnase, ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse.

Wir wuschen sie weiterhin mit dem Waschlappen, wenn nötig. Plantschten gelegentlich am Waschbecken beim Zähneputzen oder in der Spüle mit Bechern, während Mama kochte. Und: Wir fingen an, ihr zu ZEIGEN, dass Baden saucool sein kann, indem wir nun einfach selber badeten. Uns war nämlich aufgefallen, dass wir, seit Zwergnase alleine badete, selber nicht mehr in ihrer Anwesenheit in der Badewanne gesessen hatten. Es war so simpel, und so effektiv: Ich badete. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Zwergnase ins Badezimmer lugte, und schon stand sie neugierig am Wannenrand. So ging es ein paar Wochen. Manchmal wollte sie einen Becher und kippte Wasser in ihr Töpfchen. Schließlich kam der Moment, als sie sich in die Badewanne heben ließ. Die ersten Male stand sie nur mit den Füßen in der Wanne. Mit einem Waschlappen durfte ich sie dabei ein Bisschen abwaschen. Nur so viel, wie sie mochte. Irgendwann setzte sie sich einfach hin, nahm ihre Schildkröte und planschte. Von da an war die Angst besiegt.

Wir haben es beibehalten, nur noch gemeinsam zu baden obwohl Zwergnase sicher auch wieder alleine ihren Spaß hätte. Aber: Zusammen macht viel mehr Spaß. Besonders mit ganz viel Schaum, buntem Badewasser und einem Haufen Bechern. Haare waschen funktioniert übrigens auch immer besser.

Kindliche Ängste können manchmal extrem überraschend auftreten, und manchmal scheinen sie genauso plötzlich wieder vergessen. Diese Sprunghaftigkeit und die Gewissheit, dass kindliche Ängste vergehen, verleitet dazu, kindliche Ängste kleinzureden. Wir dürfen mMn aber nicht vergessen, dass trotzdem echte Gründe dahinter stecken, auch dann, wenn wir die genaue Ursache nicht ergründen oder nicht nachvollziehen können. Dein Kind hat Angst. Es braucht Schutz und Hilfe. Es braucht Dich.

Ich weiß nicht, warum meine Tochter plötzlich Angst vorm Baden hatte, aber zusammen haben wir es geschafft, die Angst zu besiegen. Mit Geduld, Verständnis und Vertrauen. Und dem Mut anerzogene Muster loszulassen. Im Grunde hat die Angst meiner Tochter uns einen riesen Schritt vorwärts gebracht.

Geduld, Verständnis und Das Loslassen Von Erwartungen

Wenn dein Kind Angst hat und ich dir einen Rat geben darf, dann ist es dieser: Nimm dein Kind einfach ernst. Versuche, die Angst mit seinen Augen zu sehen. Und Versuche, Ruhe auszustrahlen. Echte Ruhe.

Wenn du Angst hast, dass dein Kind Angst hat, und wenn du ganz bestimmte Erwartungen an dein Kind hast, dann bist du nicht ruhig. Dann bist du angespannt. Und dann ist dein Kind es auch. Hör auf, darauf zu spekulieren, dass dein Kind keine Angst mehr hat, weil du es jetzt schon drei Mal zu ihm gesagt hast. Lass deine Erwartungen los. Hab Verständnis dafür, dass dein Kind nicht versteht, warum es ›keine Angst haben braucht‹, und hilf ihm stattdessen, es Stück für Stück zu verstehen.

Verstehen ist der Schlüssel, um Ängste zu besiegen.

Und wenn die Angst sich nicht besiegen lässt? Dann akzeptiere die Angst als einen Teil deines Kindes und finde Wege, das Leben mit der Angst erträglich zu machen. Ein Kind, dass die Angst vor der Dunkelheit nicht loswird, das kann auch im Teenageralter noch mit Nachtlicht schlafen.

Ein Problem ist das nur, wenn DU eines daraus machst. Es ist okay. Der Fehler liegt NIEMALS bei demjenigen, der Angst hat. Sondern stets bei denen, die die Angst nicht akzeptieren können. Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

Ein Gedanke zu „Kindliche Ängste Überwinden“

  1. Hallo Fiona,

    wieder einmal ein spannender Artikel.

    Dieses „Du brauchst doch keine Angst haben“ oder noch schlimmer „Stell dich nicht so an“ beruht meines Erachtens immer noch aus Ansprüchen einer Zeit als Kinder funktionieren mussten.
    Ich bin froh, dass das heutzutage nicht mehr so ist.

    Unsere Kinder sind sehr extrovertiert und abenteuerlustig, trotzdem hat uns die Angst oder besser das Unwohlsein beim Baden bei allen vier im 1. Jahr begleitet. Wir haben es ähnlich wie ihr gemacht und einfach darauf verzichtet. Denn nur weil doch alle Kinder das toll finden, muss es bei unseren nicht auch so sein.
    Dieses Loslassen von Konventionen hat uns oftmals unsere Familienleben sehr vereinfacht.

    Viele Grüße
    Mama Maus

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