Von Verboten, Etiketten Und Fehlendem Vertrauen: Eine Spielplatzanekdote


Endlich kommt die Sonne raus. Die Leute haben wieder gute Laune, Sonnenhüte auf dem Kopf und ein Lächeln im Gesicht. Und das Beste: Die Spielplatzsaison ist nun richtig eröffnet. Ich liebe es, mit Zwergnase den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz zu verbringen. Wir picknicken auf der Wiese, schaukeln, rutschen, buddeln und bauen stundenlang im Sand.

Das macht wahnsinnig Spaß und ist mMn eine der schönen Seiten am Mama Sein. Ich habe hier (fast) keine Verpflichtungen und kann selber wieder etwas Kind Sein.

Moratorium Spielplatz

Ein altersgerechter (!) Spielplatz ist der perfekte RAUM, um Kinder selbstständig entdecken, toben und Sozialverhalten testen zu lassen. Das geht am besten ohne Eltern. In Gedanken versunken im Fantasiespiel. Die Spielgeräte werden ein Abenteuerpfad. Dein Kind und seine Spielgefährten zu Superhelden, Bauarbeiter, Trickfilmfiguren und natürlich zu drachenbekämpfende Prinzessinnen.

Wenn wir als Eltern unsere jüngeren Kinder (noch) begleiten, dann können wir uns  ohne schlechtes Gewissen auch ein Stück fallen lassen, und mit unseren Kindern in die Spielplatzblase eintauchen. Nichts ist schlimmer, als Eltern, die versteift auf der Parkbank sitzen und ihren Kleinkindern Anweisungen zubrüllen, statt in ihr Spiel einzustimmen.

Natürlich bin ich  auch auf dem Spielplatz weiterhin in der Verantwortung auf mein Kind zu schauen, versteht mich jetzt nicht falsch. Ich achte natürlich darauf, dass Zwergnase sich nicht verletzt, fremde Spielzeuge nicht unauffindbar verbuddelt und die Rutsche wenn nötig frei macht. Aber ich persönlich empfinde exclusive Spielplatzzeit sehr viel angenehmer als zB. Beschäftigungen zuhause, Restaurantbesuch und Familientreffen. Hier kann ich auch einfach mal ein paar Minuten abschalten, die Sonne genießen und meiner Tochter entspannt zugucken.

Leider erlebe ich immer wieder Eltern, die ihren Kindern den Spielplatzzauber nehmen. Eltern, die ihre Kinder umherscheuchen und ausschimpfen. Eltern, die ihre Kinder in den unmöglichsten Situationen daran erinnern die Jacke zuzumachen und nicht wollen, dass sie die Schuhe ausziehen. Eltern, die ihren Kindern permanent drohen, wenn sie nicht funktionieren, und damit einen wahnsinnigen Druck aufbauen, statt ihnen wenigstens hier Freiraum für sich selbst zu geben. Ich möchte nicht in der Haut dieser Kinder stecken.

Natürlich trifft das unabhängig von der erzieherischen Einstellung nicht auf alle Eltern zu. Auch der strengste Papa der Welt kann ganz cool im Sand sitzen und seinen Sohn machen lassen; einfach weil es ein Spielplatz ist.

Viel zu oft beobachte ich aber leider unnötige Wut, Stigmata, ernsthaft dusselige Verbote und fehlendes Vertrauen. Kinder werden als Raufbolden, Angsthasen und Egoisten hingestellt. Beinahe jeden Spielplatztag, treffe ich auf Eltern, die ihr Kind vorsorglich mit hochgezogener Augenbraue darauf hinweisen, Zwergnase auf keinen Fall weh zu tun, ihr nicht die Schaufel an den Kopf zu hauen, sie nicht zu treten, nicht zu spucken, nicht ihre Förmchen wegzunehmen. Was Floskelhaft über die Lippen geht, sind für Kinder schnell festgesetzte Stigmata. Etiketten, die einfach angenommen werden. Erwartungen, die Eltern ihren Kindern vermitteln, sie damit frustrieren, anstatt ihnen vertrauen zu schenken. Wenn dein Partner dir jeden Vormittag vorm Kochen mitteilt, dass du das Essen nicht scharf würzen sollst, dann fühlst du dich vermutlich nach ein paar Tagen nicht mehr wohl damit. Du empfindest, dass dein Partner ERWARTET, dass du zu scharf würzt und fühlst dich schlecht. Du bist frustriert und nicht mehr kooperativ. Nun stell dir also vor, wie dein Kind sich fühlen muss, wenn du ihm bei jedem Spielplatzbesuch wieder sagst, was es nicht tun soll. Irgendwie nicht sehr cool.

Und dabei soll der Spielplatz doch ein Raum zu Selbstfindung sein. Ich glaube, gerade in den ersten Lebensjahren ist der heimische Spielplatz neben eventueller Betreuungseinrichtungen und natürlich den eigenen vier Wänden der zentralste Ort der ICHWerdung.

Wie Eine Handvoll Sand Eltern An Ihre Grenzen Bringt

Zwergnase quiekt schon, wenn sie den Spielplatz vom Weiten sieht. Wir parken den Buggy, ich schnappe mir den Beutel mit den Sandspielsachen und Zwergnase läuft ein Stück vor, lässt sich in den Sand plumpsen, dort wo sie buddeln möchte. Ich setze mich zu ihr. Sie schippt etwas Sand und schon wandert die Schaufel zum Mund.

Kaum Eltern kommen ums Thema Sand Essen herum. Früher oder Später wandern die meisten sandigen kleinen Hände in den Mund. Ist nicht weiter tragisch, finde ich. Zwergnase kann ohne Einwände die Schaufel ablutschen. Zu meiner eigenen Beruhigung achte ich (schon vorher) darauf, dass der Sand frei von Müll, Zigarettenstummeln und Scherben ist, schaue auf sie und bitte sie, Steine oder Zweige oder was sich sonst in den Sandkasten verirrt hat, wieder auszuspucken.

Ansonsten ist das aber inzwischen echt ok für mich. Ich musste mich auch erst von der Angst lösen, dass Sand irgendwie schädlich für den kleinen Magen sein könnte. Ist er nicht. Zwergnase geht es gut. Und seit ich ihren mit Sandmatsch panierten Keks kosten sollte, kann ich aus eigener Erfahrung versichern, dass Sand bis auf das Knatschen zwischen den Zähen gut bekömmlich ist.

Wenn mein BAUCHGEFÜHL mir aus irgendeinem Grund sagt, dass ich das Sand Essen wirklich gerade nicht weiter tolerieren kann, und ein alternatives Angebot an Essen oder Trinken ihren Appetit auf Sand ebenfalls nicht verringert, äußere ich Zwergnase meine Bedenken, unterbinde ggf. das Sand Essen (indem ich ihre Hand sanft senke, nicht festhalte), lenke sie dabei ab oder begleite ihren Frust. Kommt aber wirklich selten vor. Eher dann, wenn der Sand arg von größeren Steinen durchzogen ist, oder ich gerade nicht einschätzen kann, was dort noch alles zwischen liegt.

Während Zwergnase also genüsslich ihren Sandkuchen verputzt, ich mich zurücklehne und die Sonne auf meiner Haut genieße, höre ich neben mir die erste warnende Elternstimme: ›Sand isst man nicht‹. Der Junge ist etwa in Zwergnases Alter. Es stopft sich eine Handvoll Sand in den Mund, welcher schon im nächsten Moment von der Mutter zwischen zusammengebissenen Zähnchen herausgepult wird. Er wehrt sich und weint kurz auf. Als die Mutter ablässt, greift rbeherzt noch einmal in den Sand, was mit einem barschen ›Nein‹ kommentiert wird. Der Junge grinst beschwichtigend und will den Sand gerade in den Mund nehmen, als die Mutter seinen Arm festhält und den Sand aus den Fingern klopft. So geht das eine ganze Weile.

Ich beobachte Zwergnase, die nach der dritten Schaufel Sand den Appetit daran verloren hat und nun den Sand in ihre Förmchen kippt.

Irgendwann gibt der Junge das Sand Essen für den Moment auf und setzt sich näher zu uns. Ich ermutige ihn (Natürlich mit einem Blick auf die Reaktion meiner Tochter!) mit uns zu spielen. Noch bevor er Zwergnases Sandförmchen nimmt, höre ich die Mutter sagen: ›Aber nicht mit dem Sand werfen. Mit Sand wirft man nicht, das weißt du‹. Ich bezweifle, dass der Junge das weiß. Ich bezweifle auch, dass er den Gedanken jetzt überhaupt schon hatte. Und ich weiß selber nicht genau, warum dieser Glaubenssatz sich auf Spielplätzen so hartnäckig hält. 

Tatsächlich mag ICH es nicht, Sand in die Augen oder in meine Haare zu bekommen, ansonsten ist mir das aber ehrlich gesagt relativ egal, ob jemand Sand in meine Richtung wirft.

Die Mutter setzt sich ebenfalls zu uns und hebt bereits abschirmend die Hand, als ihr Sohn noch vertieft mit dem Förmchen buddelt. Schließlich nimmt er die Schaufel und schüttet sich den Sand erst auf die eigenen Füße, dann mit Schwung in unsere Richtung. Die Mutter schnauft: ›Nicht mit Sand werfen, habe ich gesagt‹. Ich zucke lächelnd mit den Schultern, ›Alles gut‹.

Zwergnase lässt den Sand durch ihre Finger rieseln und wirft jetzt auch damit. Ich lasse sie in Ruhe machen. Erst als sie in Richtung des anderen Kindes werfen will, halte ich meine Hand über ihre, und fange den geworfenen Sand damit ab. ›Der Junge möchte das nicht. Wirf besser hier in den Eimer‹, sage ich und halte ihr den Sandeimer hin. Ich weiß natürlich NICHT sicher, dass der Junge nicht doch freudig in die Sandschlacht einstimmen würde. Da ich aber wahrgenommen habe, dass die Eltern neben uns ihr Kind erziehen, und auf dieses Thema offenbar großen wert dabei legen, nehme ich die gesetzte Grenze an. Im Zusammenleben können wir uns niemals einfach über die Grenzen Dritter hinwegsetzen.

Mich darf Zwergnase weiterhin mit Sand bewerfen, solange ich mich nicht WIRKLICH davon gestört fühle. Solange es nur meine Beine und Arme trifft, ist das voll ok. Zielt sie auf mein Gesicht, schütze ich mich und sage ihr, dass ich das nicht möchte.

Der Junge wirft nun auch nochmal in Zwergnases Richtung. Diesmal trifft der Sand meine Tochter am Bein. Nicht wirklich tragisch. Zwergnase guckt etwas erstaunt, weint aber nicht, sondern sucht nur kurz meinen Blickkontakt. Ich lege den Kopf schief, und will sie gerade fragen, wie es ihr damit geht, aber sie buddelt schon wieder weiter und ich belasse es dabei. Statt die Situation als geklärt anzunehmen, packt die Mutter ihren Sohn am Arm und schnippt plötzlich Sand auf ihn. ›Wie fühlt sich das an? Ich sage doch, du sollst nicht mit Sand werfen!‹, kommentiert sie, als ihr Kind erschrocken anfängt zu weinen.

Ich beiße mir auf die Lippe, um nichts zu sagen. Ich habe nicht das Recht einzugreifen. Es würde auch nichts ändern, das weiß ich. Die Mutter würde mir nicht zuhören.

Und ich bin nicht auf dem Spielplatz, um meine Haltung zu missionieren.

›Hörst du jetzt auf zu bocken?‹, raunt die Mutter sichtlich genervt und trägt ihren Sohn unter Gebrüll vom Spielplatz weg. ›Wenn du nicht lieb bist, gehen wir nach Hause‹. Die geschilderte Situation ist leider kein Einzelfall. Ich erlebe solche und ähnliche Reaktionen häufig. Oft sind es Kleinigkeiten, die enorme Machtausbrüche bei den Eltern auslösen. Wie ich meiner Tochter solche Situationen erkläre, wenn sie älter ist, versteht was dort passiert und nachfragt, weiß ich noch nicht.

Als sie weg sind, gebe ich Zwergnase einen Kuss auf die Stirn. ›Komm, wir spielen weiter. Sollen wir eine Sandburg bauen?‹

Diebe, Raufbolde und Bruchpiloten

Ein etwas älteres Mädchen gesellt sich nun zu uns. Noch bevor sie sich neben Zwergnase in den Sand plumpsen lässt, sagt die Mutter ihr, dass sie ›lieb‹ zu meinem Kind sein soll.

Ich verstehe nicht warum viele Eltern, ihren Kindern per se böswillige Gedanken unterstellen. Das muss etwas damit zu tun haben, was wir typischerweise für Fehlverhalten von unseren Kindern ERWARTEN. Und mit unserer ANGST, was andere von unseren Kindern denken, wenn sie FALSCH handeln. Solange wir diese Erwartungen und Ängste haben, können wir nicht bedingungslos vertrauen. Wir können dann nicht loslassen und unseren Kindern die Kontrolle überlassen, sondern müssen präventiv eingreifen. In manchen Situationen ist diese elterliche Unsicherheit sicher angebracht, oft artet sie aber zu einem Automatismus aus. Dann ist da überhaupt keine echte Angst mehr, du ermahnst dein Kind nur, weil man das eben so macht. Weil die Erwartung da ist.

Meine Tochter fremdelt im ersten Augenblick, was die Mutter nochmal darin bestärkt ihr Kind zu ermahnen, sich Zwergnase nicht grob zu nähern, obwohl überhaupt nichts passiert.

Zwergnase kommt auf meinen Schoß, entspannt sich nach ein paar Minuten und reicht dem Mädchen ihr Sieb. Nach ein paar Minuten Sand Buddeln springt das Mädchen auf. Genauso plötzlich, wie sie sich zu uns gesellt hat, will sie weiter ziehen. Unser Sieb hält sie noch in der Hand. Kaum macht das Mädchen auf dem Absatz kehrt, hält die Mutter sie am Arm fest und nimmt ihr das Sieb grob ab. Mit einem gepressten ›aua‹ reißt das Mädchen sich von der Mutter los, die nochmal mit erhobenem Finger den Kopf schüttelt: ›Das gehört dir nicht. Man nimmt fremde Sachen nicht einfach mit. Das habe ich dir schon tausendmal gesagt‹. Die Aussage hat sicher einen wahren Kern, aber es geht auch weniger grob. Statt das Kind zu ermahnen, kann ich auch versuchen seine Perspektive zu verstehen. Spielzeug mopsende Kinder auf dem Spielplatz sind keine kleinen Diebe, und sie werden mit ziemlicher Sicherheit auch zu keinen. Im Eifer vergessen Kinder schon mal, was sie da gerade in der Hand halten, und können Besitzverhältnisse im Kleinkindalter vorerst auch noch überhaupt nicht richtig einordnen. Es kommt häufig vor, dass ein Kind im Spiel Zwergnases Sachen nimmt. Ich gehe dann hin, wenn ich die Situation nicht anders einschätzen oder mit den Eltern Blickkontakt aufbauen kann, und bitte einfach nach dem gemopsten Teil. Gab noch nie Probleme. Alle Kinder geben die Förmchen wieder her. Eine kurze Absprache zwischen der Mutter und mir hätte in dem Alter unserer Kinder also völlig ausgereicht, um die Situation abzuwägen. Das Mädchen hätte das Sieb ruhig ein Stück mitnehmen können, nicht tragisch, solange die Mutter ein Auge auf den Verbleib wirft und wir es später zurückbekommen; oder mein Kind nicht gerade danach verlangt. ›Entschuldigung‹ sagt die Mutter stattdessen und gibt mir das Sieb zurück.

Zwergnase steht auf und läuft zum Klettergerüst. Ich setze mich einen Meter weiter in den Sand, lasse sie die Seile erkunden und erste Versuche wagen, daran hoch zu kommen. Klappt noch nicht. Sie nimmt den Sonnenhut ab und spielt ohne weiter. Ab und zu schaut sie rüber. Als sie mir die Hände entgegenstreckt, gehe ich zu ihr, sammle den Hut auf und stecke ihn für die nächsten paar Minuten in die Tasche.

Schräg über Zwergnase baumelt ein Junge in den Seilen. Er schwingt sich etwas hin und her. Der Vater, der ihn mit einer Hand absichert, sagt ihm in einem ziemlich harten Tonfall, dass ›Er jetzt nicht auf dumme Ideen kommen soll‹. Ich antworte beschwichtigend mit einem ›Alles Gut‹, worauf ich ein ›Nein Nein. Das muss er lernen. Er ist so ein Raufbold. Nur Unsinn im Kopf‹ zurückbekomme. Ich zucke mit den Schultern.

Was genau soll der Junge in diesem Moment lernen? Rücksicht? Vermutlich. Vor Schuleintrittsalter ist Abstraktion selten im Bereich der möglichen Denkmuster von Kindern. Rücksicht kannst du deinem Kind also erstmal nur vorleben. Es hilft dem Jungen nicht, dass sein Vater ihn vorsorglich ermahnt. Es ist noch nichts passiert. ›Da steht ein Mädchen unter dir, hast du gesehen?‹, hätte ausgereicht um die Aufmerksamkeit des Jungen auf uns zu lenken, falls der Junge tatsächlich zu waghalsigen Sprüngen neigt. Eventuell noch ein ›Vorsicht‹ hinterherschieben. Aber davon auszugehen, dass dein Kind bewusst Dummheiten machen wird und dein Kind damit zum kleinen Teufel machen, ist nicht fair und auch nicht wirklich förderlich. Du ermunterst dein Kind im Endeffekt selbst dazu, dieses dumme Zeug zu machen, wenn du es ihm vorsichtshalber immer wieder vorhältst. Genauso funktioniert das mit der Stigmatisierung: Dein Kind nimmt das Etikett an, das du ihm aufklebst, und sei es aus noch so gut gemeinten Gründen. Vertrau deinem Kind ruhig. Und lass dein Kind ab einem gewissen Alter auch mal Situationen alleine lösen.

Vertrauen ist eine echt schwierige Sache. Vertrauen bedeutet, wie bereits erwähnt, sich von seinen Ängsten zu lösen und Dinge einfach geschehen zu lassen. Zugegeben: Mir fällt das auch nicht immer einfach. Irgendwann sind wunde Punkte erreicht, an denen auch ich eingreifen MUSS. Ich erlebe auf dem Spielplatz aber leider viele Eltern, die wirklich zu viel Angst haben, vor dem, was ihre Kinder anstellen könnten, was ihnen passieren könnte, und was andere Eltern dann denken, und ihnen aufgrund der eigenen Befürchtungen dann nicht mehr die Möglichkeit geben, sich frei auszuprobieren.

Zwergnase stapft weiter zur Rutsche. Ich setze ihr beim Laufen den Sonnenhut wieder auf den Kopf.

Die Kleinkindrutsche ist über eine einfache angeschrägte Leiter mit drei Tritten zu erreichen. Meine Tochter klettert da mittlerweile problemlos alleine hoch. Am Anfang habe ich ihr geholfen, ihren Popo gestützt, sie im Rücken gehalten und ihr gezeigt, wo sie sich festhalten und wo sie auftreten soll.

Zwergnase stellt sich also an und wartet, bis die anderen Kinder oben sind. Zwei Kinder in Zwergnases Alter werden kommentarlos hochgehoben, ein Drittes läuft völlig unbeholfen an den Händen von Papa die Stufen rauf. Ich kann mir ein Stirnrunzeln bei dem Anblick nicht verkneifen und frage mich ernsthaft, wie das Kind die richtige Bewegungsabfolge herausfinden soll. Hinter uns erklärt eine Mutter ihrer kreischend auf die Leiter zeigenden Tochter, dass das ›nichts für sie ist. Du bist noch zu klein. Und du bist immer so wild, da fällst du sowieso nur runter‹. Stattdessen hebt sie ihr Kind direkt vorne auf die Rutsche. Optisch schaut das Mädchen nicht viel jünger aus als Zwergnase und auch motorisch bin ich mir ziemlich sicher, dass sie es mit etwas Hilfe alleine geschafft hätte. Zumindest hätte sie es ausprobieren können.

Wir haben damals minutenlang die Leiter blockiert, bis sie das erste Mal alleine oben stand. Das gehört eben dazu.

Ich würde lügen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich meine Tochter nie auf die Rutsche gesetzt hätte, bevor sie es alleine konnte, aber ich habe ihr immer die Möglichkeit gegeben, es zuerst alleine zu probieren.

Und dann gibt es da noch die Eltern, die ihre Kinder anstacheln und Ängste nicht ernst genug nehmen. Zwergnase krabbelt über die Holzbrücke zur Rutsche. Rechts geht eine Hängebrücke ab, auf der ein Mädchen weinend steht und sich festklammert. Der Vater lacht: ›Stell dich nicht so an, du bist doch schon groß‹. Zwergnase rutscht und rennt weiter, so dass ich das Drama nicht weiter beobachten kann. Aus dem Augenwinkel sehe ich nur noch, dass der Vater seine Tochter irgendwann doch retten geht.

Dreckige Kinder Und Lachende Kinder Sind Glückliche Kinder

Neben dem Sandkasten ist der Wasserspielplatz. Bei sonnigem Wetter DAS Highlight. Ich ziehe Zwergnase die Schuhe aus, sie wandert durch den Wasserlauf und steuert das Matschbecken an.

Du glaubst vermutlich, genau wie ich vor diesem Frühling, dass Eltern, die ihre Kinder ohne matschtaugliche Sachen auf den Spielplatz schicken, längst ausgestorben sind. Ich muss dich leider enttäuschen. Zumindest hier höre ich immer und immer wieder ›Mach dich nicht dreckig‹ aus dem Off. Eltern sitzen auf der Wiese rund um das große Wasser Sand Gematsche herum, rufen ihren Kindern zu, wen sie alles nicht mit welchen Utensilien nass machen, und welche Kleidungsstücke sie an oder ausziehen sollen, und welches Matschbecken sie bitte meiden, weil es dort viel zu dreckig ist.

Ich werfe mich auch nicht für mein Leben gerne ins Getümmel, aber ich vermiese Zwergnase das deswegen nicht. Ich matsche auch mit, wenn sie das möchte. Es sind am Ende nur Wasser und Sand. Es tut nicht weh. Wir matschen also ein bisschen. Zwergnase setzt sich ins Wasserbecken, was mindestens drei Mütter mitleidig belächeln. Sie bekommt, bevor wir gehen, eine neue Windel um, und in den Buggy lege ich ihr Pucktuch. Alles kein Problem. Mitleid ist nicht nötig. Zwergnase füll ihren Eimer mit Wasser und kippt ihn mir über die (ebenfalls nackten) Füße. Sie patscht mit den Händen ins Wasser und freut sich, dass es hochspritzt.

Nach einer Weile, will Zwergnase weiter. Auf ihren Wunsch hin, gibt es nun erstmal einen Keks. Ich kündige ihr dabei bereits an, dass wir bald gehen wollen.

Als nächstes zeigt Zwergnase zur Babyschaukel, die gerade frei ist. Aufmerksames Baby, denke ich und nehme sie hoch. Ich setze sie in die Schaukel, schubse sie an und Zwergnase lacht. Neben uns auf die zweite freie Schaukel klettert ein älteres Mädchen und ruft ihren Papa. Der kommt zwar sofort angelaufen, sagt ihr aber gleich, dass sie ›alleine schaukeln soll‹. Er zeigt ihr ein paar Mal die Beinbewegungen und schubst an. Soweit, so gut. Das Mädchen kriegt es allerdings nicht hin. Ein paar Mal versucht sie es, was ich schon bemerkenswert finde. Sie bittet ihren Papa, sie nochmal anzuschubsen. Der Vater schüttelt den Kopf und verschränkt die Arme: ›Du bist alt genug. Beine vor. Beine zurück. Du gibst dir ja gar keine Mühe‹. Das Mädchen schaut traurig, beteuert, dass sie es versucht, aber nicht kann. Schließlich hebt der Vater sie unter Protest aus der Schaukel, als ein anderes Kind kommt. Das Mädchen tut mir Leid. Ich frage mich, was der Vater davon hat, seine Tochter bloßzustellen.

Zwergnase streckt mir inzwischen ihre Hände entgegen, sie will raus aus der Schaukel. Ich frage sie, wo ihr Buggy steht und ob wir nach Hause können. Dabei sammle ich ihre Sandsachen ein. Wir gehen nochmal rutschen und machen einen Abstecher zum Schaukeltier. Dann erinnere ich sie, dass ICH nach Hause möchte. Zwergnase läuft Richtung Buggy, daran vorbei auf die Wiese und ich nutze die Aufbruchsstimmung, ermuntere sie, Stöcke und Gänseblümchen zu sammeln oder zum nächsten Baum zu laufen. Ein paar Meter von uns entfernt wird ein Kind weinend in den Buggy geschnallt. ›Schaukeln. Einmal‹, protestiert es. Ich frage mich, ob die Mutter nicht vielleicht doch die Zeit gehabt hätte, zurück zur Schaukel zu gehen. Warum fällt es uns so schwer, den Wünschen unserer Kinder nachzugeben? Welche Befürchtung, welche Angst steckt dahinter?  Für ein Kleinkind ist es wahnsinnig schwierig, vorausschauend zu denken, wenn nicht sogar unmöglich. Kleinkinder leben in der Gegenwart. Sie wissen nicht, dass sie zum Spielplatz am nächsten Tag zurückkommen können. Und der nächste Tag ist sowieso noch unendlich weit weg. Der Moment ist verloren. Der Trennungsschmerz echt. Wenn ICH wirklich los WILL, dann nehme ich Zwergnases Frust darüber ernst und begleite ihre Wut und ihre Trauer. Niemals würde ich sie schreiend in den Buggy setzen, und sie mit dem Gesicht von mir abgekehrt weinend nach Hause schieben. Körperkontakt, Blickkontakt und Nähe sind für mich in solchen Momenten wichtig. Nimm dein Kind auf den Arm, sprich mit ihm und hilf ihm die Trauer zu überwinden. Auf lange Sicht wird das euch beiden mehr bringen.

Als wir die Wiese hinter und lassen, frage ich Zwergnase, ob sie in den Buggy möchte. Sie schüttelt den Kopf, sammelt noch einen Stock auf und läuft neben mir her bis zur Straße. Dort werde ich sie nochmal fragen.

Keine Einzelfälle

Ein ganz normaler Tag auf dem heimischen Spielplatz. Es sind leider keine Einzelfälle, ich beobachte solche Situationen ständig. Vermutlich bin ich da auch etwas Feinfühliger, einfach weil ich es nicht als selbstverständlich betrachte, so mit meinem Kind umzugehen. Das mag ich gar nicht bezweifeln.

Im Prinzip ist es für mich ok, wenn du dein Kind so in der Art behandelst, wie die Eltern, die ich erlebe. Es ist ja dein Kind. Nicht meines. Und du bist eine andere Mutter als ich es bin. Es ist DEINE Überzeugung aus der heraus du (hoffentlich) handelst. Ich mag dir jetzt auch gar nicht sagen, dass es irgendwie FALSCH ist, wie du es vielleicht machst. Es ist erstmal nur anders und es macht mich in manchen Momenten traurig. Mehr kann ich nicht beurteilen. Ich kenne ja nicht deine Geschichte, deine Erfahrungen, deine Überzeugungen, und ich weiß auch nicht, ob du nicht einfach nur einen schlechten Tag erwischt hast.

Wozu also dieser Beitrag? Weil meine Beobachtungen sich in den letzten Tagen wieder häufen, und viel zu viele Kinder auf dem Spielplatz traurig sind. Das muss nicht sein, finde ich. Also möchte ich dir einen kleinen Denkanstoß geben, dein Kind wieder Kind sein zu lassen, statt es (unbewusst) zu stigmatisieren und vorzuformen und zu ermahnen. Hab vertrauen, lass deine Ängste los und lass dich mit deinem Kind zusammen ein Stück in die Spielplatzblase fallen. Ich glaube, dass das viel erfüllender sein kann. Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

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