Die Villa Kunterbunt. Oder: Wie Wir Ohne Erziehung Leben Und Glücklich Damit Sind


›Darf sie jetzt einfach alles tun und lassen, was sie will? Hast du gar keine Bedenken, dass sie dir später einmal auf der Nase herumtanzt?‹ So oder so ähnlich begegnen mir Menschen, denen gegenüber ich erwähne, dass ich nicht erziehe. Von Erstaunen und Kopfschütteln, bis hin zu Entsetzen ist so ziemlich die gesamte Palette an möglichen Reaktionen abgedeckt.

Erfahrungsgemäß überwiegen Ablehnung und Augenrollen, also vermeide ich es, darüber zu sprechen. Ich erzähle lieber nur noch davon, wie wir konkrete Situationen meistern, anstatt unsere Lebensweise zu benennen und zu begründen. 

Heute mache ich eine Ausnahme. Damit ihr wisst, worum es mir hier eigentlich geht, und WARUM ich mich für diesen Weg entschieden habe.

Ich frage mich ja oft, wie sich die Leute ein Leben ohne Erziehung eigentlich vorstellen. Mir fallen dann auf Anhieb ein Haufen Vorurteile ein, die du haben könntest. Zugegeben: Unerzogen ist ein unbequemes Wort. Ich mag dieses Wort auch nicht. Es stemmt sich ohne Rückfahrschein gegen alle die Glaubenssätze, mit denen der Großteil von uns aufgewachsen ist, und weckt darüber hinaus Assoziationen von VERzogenen Kindern, obwohl das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat.

Meine Tochter ist nicht dieses freche ›Blag‹, das deinem Kind im Buddelkasten Sand in die Augen wirft, ohne dass Mama hochguckt und etwas dazu sagt. Sie ist auch nicht das ›Arschlochkind‹, das im Supermarkt die Regale ausräumt und dir galant ein Paket Zucker vor die Füße wirft, während Mama mit der Nachbarin einen Plausch hält. Natürlich achte ich auf mein Kind und reagiere auf sie. Immer. Würde ich das nicht tun, dann wäre das, wenn überhaupt antiautoritäre ErziehungUnd das ist tatsächlich etwas VÖLLIG ANDERES, als das, was wir tun.

Mir ist es genauso wichtig wie dir, dass mein Kind im Restaurant weder Kellner noch andere Gäste stört. Nachmittags möchte ich vom Spielplatz zurück nach Hause gehen, und mein Kind wird genauso deswegen weinen, wie deines. Die cremefarbenen Wände im Wohnzimmer mag ich auch genauso wenig lustigbunt mit Filzstift bemalt haben, wie du. Mit dem UNTERSCHIED, dass ich nicht in Schimpftriaden ausbrechen werde, wenn es dann doch passiert. Ich schaue mir das Schlamassel erstmal an und atme. Und dann erkläre ich Zwergnase, was mir gerade nicht gefällt. Finde eine brauchbare Lösung und mache mir dabei einfach mal klar, dass ihre Perspektive eine ganz andere ist.

Nicht zu erziehen, bedeutet NICHT, mein Kind machen zu lassen. Ich nehme mich nicht aus meiner Verantwortung. Nicht im Geringsten.

Nicht Zu Erziehen Ist Harte Arbeit

Es geht um (Selbst-)Reflexion und das fortwährende Hinterfragen von Glaubenssätzen. Es geht um das Erkennen von Bedürfnissen und Finden von Lösungen, die uns glücklich machen, statt uns voneinander zu entfernen.

Es geht darum, sich über die kindliche Kognition bewusst zu werden.

Wie sieht mein Kind die Welt? Was passiert in ihrem Kopf? Was ist ihre Idee, ihre Perspektive? Wie steht es um ihre Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Empathie? Und warum macht es aus Sicht des Spracherwerbs ohnehin keinen großen Sinn dauernd Nein und Nicht-Botschaften zu formulieren?

Es geht um die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren.

Wenn ich etwas nicht möchte, dann sage ich das meiner Tochter. Aber ERSTENS stehe ich dann auch wirklich dahinter. Und ZWEITENS erwarte ich weder, dass sie mich versteht, noch, dass sie es genauso sieht (bloß weil sie es versteht) und anstandslos umsetzt. Von einer Freundin würde ich auch nicht erwarten, dass sie JEDEN meiner Ratschläge annimmt. Ich würde es bis zu einem gewissen Punkt aushalten, wenn sie etwas macht, was ich zwar richtig blöd finde, aber trotzdem verantworten bzw. mit meinen Wertvorstellungen vereinbaren kann. Ich würde aber sofort (meine!) Verantwortung übernehmen und sie aufhalten, wenn ICH WÜSSTE, dass es ihr oder anderen schadet. Und genauso gehe ich eben auch mit meiner Tochter um.

Ich schütze mich und Andere und jegliche Eigentümer. Ich schütze selbstverständlich meine Tochter, in Situationen, die sie nicht einschätzen kann. Ich begleite dann ihren Frust und spreche MIT ihr. Ich entschuldige mich bei ihr, wenn ich ein STOP setze, dass vielleicht nicht gerade lebensnotwendig, aber für mich gerade eben echt wichtig ist. Ist doch logisch, dass sie das nicht toll findet. Ich habe Verständnis für Zwergnase, weil ich mir ständig bewusst mache, dass die Situation aus ihrer Perspektive einfach noch ganz anders ausschaut.

Auf diese Art und Weise mit meinem Kind umzugehen, ist harte Arbeit. Das bedeutet zu hinterfragen und zu überlegen und eben nicht einfach nur zu machen, was ALLE machen würden.

Eine schnöde ›Wenn-Dann Ansage, und wenn das Kind dann immer noch nicht hört, muss es mit der Konsequenz eben leben‹ ist mMn viel einfacher. Ich setze dann einfach um, was ich selbst gelernt habe -unabhängig davon, wie ich das als Kind empfunden habe.

Einfach ist aber nun mal nicht zwangsläufig besser.

Fakt ist, wenn Erziehung bedingungslos funktionieren würde, gäbe es nicht so viele erzogene Kinder, die tatsächlich VERzogene Kinder sind. Kinder, die einfach nicht in die Form hineinpassen, in die ihre Eltern sie versuchen hineinzuerziehen. Kinder, die nicht gehört und nicht gesehen werden. Kinder, die unter Erziehung richtig mies leiden und das als Erwachsene Ausbaden müssen. Ich möchte nicht behaupten, dass jedes erzogene Kind einen schwerwiegenden Schaden davonträgt. Natürlich gibt es Kinder, die damit umgehen lernen. Aber ich denke, wir alle buckeln große und kleine Päckchen auf unseren Schultern.

Unsere Villa Kunterbunt

Wir haben uns für den Verzicht auf Erziehung nicht entschieden, weil es einfacher ist. Auch nicht, weil wir sicher sein könnten, dass unsere Tochter deswegen nun irgendwie zu einem besseren Menschen wird (können wir nicht, aber darum geht es auch überhaupt nicht!). Sondern weil es sich gut anfühlt. Weil es uns GLÜCKLICH macht, unsere Tochter bedingungslos gewaltfrei, respektvoll, verständnisvoll und geliebt aufwachsen zu sehen.

Stell dir unser Zusammenleben ohne Erziehung als ein Haus vor: Ein Fundament, vier Wände und ein kunterbuntes Dach.

Das Fundament: Die Haltung

Im Fundament steht die Haltung. Nicht zu Erziehen ist keine (!) Methode, sondern eine Haltung. Es ist die tiefe Überzeugung, meine Tochter nicht gewaltsam formen zu wollen, sondern sie anzunehmen, wie sie ist. Das ist ungefähr so, wie vegan leben, weil du davon überzeugt bist, Tieren kein Leid antun zu wollen. Du machst das, weil du es fühlst.

Ob es der absolut megageniale richtige Weg ist, oder doch nur ein Weg unter vielen anderen Wegen, ist erstmal irrelevant.

Du brauchst also eigentlich nur auf dein Herz zu hören. So einfach das ist, so schwierig ist das aber mit Herzenssachen oftmals auch. Es bedeutet nämlich, dass du nicht nur ein Bisschen so leben kannst. Entweder die unerzogen Haltung ist da, oder nicht. Entweder du lehnst Erziehung ab, oder nicht. Entweder du bist bereit dein Tun zu hinterfragen, oder eben nicht.

Um eines mal direkt klar zu stellen: Natürlich läuft nicht immer alles wunderbar unerzogen rund. Natürlich mache ich Fehler. Dauernd.

Natürlich kann ich manche Glaubensansätze, die mir da jahrelang anerzogen wurden, nicht von heute auf morgen komplett ablegen. Das ist nicht nur unmöglich, das würde vermutlich auch zur persönlichen emotionalen Katastrophe führen.

Wir sind auf dem Weg. Jeden Tag ein Stück. 

Aber: Die Haltung ist eben da, egal was ich tue. Ich lehne Erziehung zu jedem Zeitpunkt ab. Ich hinterfrage mein Tun immer. Und wenn ich zu dem Schluss komme, dass das jetzt blöderweise eben doch erzieherisch war, dann entschuldige ich mich bei meinem Kind und suche andere Wege.

Warum ich das tue? Weil Erziehung Gewalt ist. Das ist MEINE Einstellung dazu. Erziehung formt. Erziehung lehnt ab oder stärkt Verhaltensweisen, aber hinterfragt sie nicht.

Der Erziehungsbegriff: Der Zögling wird vom ihn Erziehenden in ein genormtes Muster hineinerzogen, dabei werden unerwünschte Verhaltensweisen durch negative Rückmeldungen konsequent ausgesiebt und erwünschte Verhaltensweisen bestärkt, um den Zögling mit den Erwartungshaltungen konform zu machen (Erziehungsziel). Zu diesem Zweck nutzt der Erziehende das Machtgefälle zwischen ihm und dem ihm jederzeit UNTERgeordneten Zögling zu jedem Zeitpunkt aus, und wendet Formen verbaler, psychischer, physischer oder struktureller Gewalt an (Erziehungsmethoden).

Erziehung ohne Gewalt ist faktisch nicht möglich, denn Erziehung beruft sich immer auf die ihr zugrundeliegende Erziehungsgewalt.

Du kannst NATÜRLICH umsichtig sein, wenn du dein Kind erziehst,  auf die richtig krassen Methoden verzichten (was ich dir ans Herz lege) und auf Augenhöhe gehen, aber  spätestens beim  Beharren auf ein nicht notwendiges Verbot oder Gebot, berufst du dich wieder auf die grundlegendste Form erzieherischer Gewalt: Den Machtmissbrauch.

Das klingt hart, ich weiß. Ist es  ja auch.

Entweder lachst du mich jetzt aus oder schüttelst getriggert den Kopf. Verstehe ich. Ehrlich. Ich habe ja selbst vor gut anderthalb Jahren noch gesagt und gedacht, Erziehung muss sein. Bis mir DAS bewusst geworden ist.

Der Verzicht auf Erziehung richtet sich also gegen erzieherische Gewalt. Es ist nämlich verdammt ungerecht, mit einem Kind so umzugehen.

(Anmerkung: Schützende Gewalt behält auch in Abwesenheit von Erziehung ihre Berechtigung. Hier geht es zB. um die Sicherheit und Gesundheit meines Kindes. Wenn Zwergnase auf die Straße rennen will, halte ich sie selbstverständlich fest. Der Unterschied: Ich schimpfe anschließend nicht. Ich setze ein klares STOP und erkläre es ihr.)

So Weit so Gut. Das ist also nun MEINE Haltung.

Wenn du es legitim findest, deinem Kind erzieherisch ENTGEGENzutreten, dann ist das für mich erstmal völlig in Ordnung. Wir können trotzdem Freunde sein. Du bist deswegen jetzt kein gewalttätiger Egoist in meinen Augen, oder irgend so ein Schmarrn. Wenn du die Haltung nicht hast, dann empfindest du Erziehung nun mal nicht als Gewalt. Und das weiß ich auch. Das ist wie Fleisch essen, obwohl ich weiß, dass da Tiere für sterben müssen (Und ich liebe Fleisch). Dann ist ein Leben ohne Erziehung aber eben nichts für dich.

Die vier Wände: Der Konsens

Der Konsens dessen, was ein Verzicht auf Erziehung nun bedeutet, lässt sich auf vier Säulen herunterbrechen: Die Wände unseres Häuschens. Das ist praktisch sowas wie die Verankerung im Hier und Jetzt, die sich aus unserer Haltung für unser familiäres Zusammenleben ergibt.

1. Verzicht auf Bestrafung und Beschimpfung
Stell dir vor, dir rutscht beim Abräumen ein Glas aus der Hand, und dein Partner bäumt sich mit erhobenem Zeigefinger vor dir auf, ›ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, du sollst vorsichtig sein. Du kriegst jetzt keinen Nachtisch mehr. Das hast du nun davon‹. Nicht wirklich freundlich. Auch nicht grad aufbauend oder irgendwie aufschlussreich oder beziehungsfördernd.

Bestrafung ist eine vergleichsweise offensichtliche Form erzieherischer Gewalt. Sei es durch körperliche Ausschreitungen, durch Liebesentzug (zB. Auszeiten) oder eben durch einen strukturellen Machtmissbrauch: ›Es passiert jetzt X, weil ich es sage‹.

Schimpfe ist der kleine Bruder der Bestrafung und ist gegenüber Kindern leider zur Normalität geworden.

Ich habe mein Kind tatsächlich noch nie (!) bestraft oder ausgeschimpft.

Das ist überhaupt nicht notwendig. Wir können über alles reden. Ich sage ihr, wenn ich etwas nicht mag und unterbinde ggf. ihr Verhalten. Ich hole sie auch mal aus einer ganz blöden Situation raus, nehme sie in den Arm und erkläre es ihr nochmal. Aber niemals würde ich ihr das Gefühl vermitteln wollen, dass sie schlecht, ungeliebt und böse ist.

Ich verstehe wirklich nicht, warum das vielen Eltern so unbedacht und leichtfüßig über die Lippen geht.

2. Verzicht auf Belohnung und manipulatives Lob
Wenn ich meine Tochter belohne oder manipulativ lobe, also ein ganz bestimmtes Verhalten positiv bestärke, dann zieht das automatisch die Abwertung des nicht belohnten/gelobten Verhaltens nach sich. Manipulation ist auch schön verpackt eine Form von Gewalt. Tricky.

Versteh mich nicht falsch: Klar bekommt meine Tochter Geschenke. Aber sie bekommt die Geschenke nicht, weil sie etwas Tolles gemacht hat, und ich mich erzieherisch dazu berufen fühle, sie darin bestärken zu müssen, sondern einfach, weil ich sie liebe und unabhängig von ihrem Verhalten beschenken möchte. Ähnlich ist das mit dem Lob. Wenn Zwergnase auf ihr Schaukelpferd klettert, dann freue ich mich natürlich mit ihr: ›Woah du bist alleine aufs Schaukelpferd geklettert, wie genial ist das denn. Ich freue mich.‹ Aber ich vermeide, so gut ich kann, dieses schrecklich gekünstelte ›toll gemacht‹ beim Zähneputzen oder Löffel benutzen, damit sie es am nächsten Tag brav wiederholt.

Zugegeben, manchmal fällt mir das richtig schwer. Ich lobe eigentlich noch ziemlich oft.

Lob klingt auch erstmal echt überhaupt nicht negativ. Ist es auch im Prinzip nicht, finde ich (Und es ist mMn immer noch besser, wenn du deinem Kind halt immer wieder erzählst, wie toll es das macht, damit es sein Essen ordentlich isst, anstatt es mit einer Auszeit zu bestrafen, wenn es das nicht tut!). Für mich kommt es aber eben drauf an, WARUM und MIT WELCHER ABSICHT ich es verwende: Lobe ich DAMIT mein Kind ein Verhalten zeigt, oder lobe ich aus purer Freude und Wertschätzung?

3. Verzicht auf Verhaltensanweisungen und Verbote
Dass meine Tochter nicht uneingeschränkt alles machen kann, was sie will, ist inzwischen hoffentlich deutlich geworden. Ich gehe aber nicht mit einem vorgefertigten Regelkatalog durch den Tag, sondern reagiere AUTHENTISCH auf konkrete Situationen. Ich sage Zwergnase nicht in üblicher Spielplatzmanier schon mal vorsorglich, dass ich es nicht mag, wenn sie mir Sand ins Gesicht wirft. Ich sage es ihr dann, wenn es passiert und es mich WIRKLICH stört. Dann bitte ich sie, in eine andere Richtung oder ihren Eimer zu werfen, oder ich stehe auf, um MICH zu schützen.

Wenn ich ein STOP setze, dann hat das einen echten Grund, statt sich auf einen vorgefertigten erzieherischen Glaubenssatz zu beziehen. Es geht dann um mein Empfinden von Verantwortung , meine Gefühle und meine ECHTEN Überzeugungen.

Und dann kommt es eben auch noch auf das WIE an.

Ich kann meine persönlichen Überzeugungen durchaus abstecken, ohne dabei auf Gewalt zurückzugreifen, indem ich nämlich meinem Kind auf Augenhöhe begegne, mit ihr darüber spreche, Kreativität, Kompromissbereitschaft und Geduld mitbringe. Und ganz wichtig: Indem ich EHRLICH bin. Ich mag kein Sand in den Haaren haben, weil ICH mir nun mal die Haare am Abend deswegen nicht waschen will. Das tut nicht weh. Ich finde es eben einfach nur doof. Und GENAU DAS sage ich ihr dann auch. Klappt trotzdem nicht immer ohne Schweiß und Tränen. Aber im Großen und Ganzen versuche ich auf jegliche über griffige Handlungen und Anweisungen zu verzichten, und stattdessen Lösungen zu finden, mit denen wir alle glücklich sind.

Kompromisse zu finden ist mit einem nicht ganz anderthalbjährigen Kind teilweise echt mühsam, da ich überwiegend natürlich noch alleine Lösungen nach der  Trial-And-Error Methode erproben muss. Später finden wir die Lösungen dann (hoffentlich) gemeinsam. Manche Situation wird das entspannen, andere wird das vermutlich eher noch verkomplizieren.

Wie schon gesagt: Der Verzicht auf Erziehung, ist NICHT der bequemere Weg. Du solltest Lust am Diskutieren mitbringen.

Genauso, wie ich Zwergnase keine vorgefertigten Verbote aufliste, verzichte ich darauf, sie ständig zu erzieherischen Verhaltensfloskeln aufzufordern (Gebote). Klar BITTE ich mein Kind, den runtergeworfenen Keks aufzuheben. Aber Bitten können abgelehnt werden. Natürlich FRAGE ich mein Kind, ob sie sich bedanken möchte. Aber Fragen können verneint werden.

4. Altersgerechter Selbstbestimmung
Die vierte und schönste Wand unseres Häuschens ist kein weiterer Verzicht, sondern eine Bereicherung (Wobei man hier auch vom Verzicht auf Kontrolle sprechen könnte).

Mit ihren 16 Monaten bestimmt meine Tochter über ihren Körper und ihre körperlichen Bedürfnisse selbst. Klingt Komisch? Ist es eigentlich nicht. Ich höre oft, dass so kleine Kinder dieses und jenes und sonstiges ja noch überhaupt nicht entscheiden können. Das trifft auch auf jede Menge Dinge zu. Zwergnase kann nicht über unsere Wohnsituation, unsern nächsten Urlaub und die Finanzen bestimmen. Auch nicht darüber wie viel Freizeit wir zur Verfügung haben und wann Fremdbetreuung notwendig wird. Aber: Sie kann über alles (mit-)bestimmen, das in ihrem erfahrbaren Horizont liegt. Das sind für den Anfang ihre Bedürfnisse.

Im Grunde spricht nur eine einzige Sache dagegen: Unsere ANGST. Selbstbestimmung bedeutet Loslassen und Vertrauen.

Ich sehe das so: Niemand hat das Recht, über meine Tochter und ihren Körper zu bestimmen, außer ihr. Sie gehört sich selbst. Nicht mir. Nicht dem Papa. Nicht Oma und Opa. Nicht der Gesellschaft. Also schläft meine Tochter, wenn sie müde ist. Isst, wenn sie Hunger hat. So viel wie sie eben essen möchte. Und sie kostet auch nur das, was sie mag. Sie bespielt und beschäftigt sich in erster Linie nur mit den Sachen, die sie interessieren. Dazu gehört auf lange Sicht auch selbstbestimmter Medienkonsum. Sie entscheidet, ob sie baden möchte, oder ob wir nur am Waschbecken planschen. Seit Kurzem sucht sie sich ihr Halstuch selber aus. Es werden sicherlich nach und nach weitere Kleidungsstücke folgen. Für die Selbstbestimmung gilt, dass sie immer in einem altersgerechten Rahmen erfolgt. Dazu schaffe ich ein altersgerechtes Angebot an Optionen. Also alles halb so wild.

Ob ich Angst davor habe, dass mein Kind irgendwann nur noch Süßes in sich hineinschaufelt und ausschließlich vor der Glotze hängt? Nein.

Krankhafter übermäßiger Konsum kommt von einem nicht (Er-)Kennen der eigenen Bedürfnisse. Dazu kommt es nicht, wenn ich HINSCHAUE. Selbstbestimmung bedeutet NICHT alleine entscheiden. Natürlich Co-Reguliere ich, wenn ich sehe, dass Zwergnase meine Hilfe braucht. 

Alles andere sind Phasen, die sie, wie jedes andere (erzogene) Kind auch, beizeiten haben wird.

Das Dach: Die Umsetzung

Wir haben nun also ein Fundament und vier Wände, nun fehlt noch das Dach: Die Umsetzung. Wie funktioniert das nun konkret im Alltag, wenn du dein Kind jetzt nicht mehr erziehen willst? Irgendwie willst du ja trotzdem reagieren. Was machst du nun stattdessen, wenn dein Kind sich morgens nicht die Zähne putzen will, das Frühstückstoast amüsiert vom Tisch pfeffert, und nachmittags der Oma das Blumenbeet auseinanderpflückt? Wie viel musst du aushalten, wann musst du eingreifen? Und: WIE?

Ich muss dich enttäuschen.

Hier gibt es kein Patentrezept. Das Dach ist kunterbunt, etwas krumm und aus ganz unterschiedlichen Dachziegeln gebaut. Es kommt niemand und sagt, ›Man Muss, dass unerzogen so und so machen‹. Wäre ja auch wahnsinnig paradox. Dann wäre es ja doch Erziehung.

Die Umsetzung ist individuell. So individuell wie es die Kinder, ihre Mütter und Väter sind. An dieser Stelle musst du deinen eigenen Weg finden. Situationen Hinterfragen, Glaubenssätze reflektieren, Gewalt und Willkür erkennen und kreativ überwinden.

Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse, andere persönliche Grenzen, andere Ängste. Hier musst du also selber aktiv werden, dich selbst und dein Kind kennenlernen.

Das ist auch der Grund, warum ich  hier KEINE allgemeingültigen ›Nicht‹Erziehungstipps  geben kann. Ich kann dir nur von unserem Leben mit der unerzogen Haltung berichten, von unseren Lösungen erzählen und unsere ganz persönlichen Höhen und Tiefen mit dir teilen.  Xx Fiona

Autor: unverbogenkindsein

Literaturstudentin, Mutter und Freigeist <3

5 Kommentare zu „Die Villa Kunterbunt. Oder: Wie Wir Ohne Erziehung Leben Und Glücklich Damit Sind“

  1. Wow, jetzt habe ich mich doch (fast) durch deinen langen Artikel gelesen.
    Ich muss sagen (vielleicht auch weil ich frühkindliche Bildung und ERZIEHUNG studiere) am Anfang konnte ich mit „keiner Erziehung“ nicht wirklich was anfangen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es jetzt, nachdem ich deinen Artikel gelesen habe, als „keine Erziehung“ sehe.
    Aber viele deiner Gedanken kann ich nachvollziehen, sehe ich genauso und setzte sie auch so (Achtung paradox 😉 ) in der Erziehung meiner Tochter um.
    Gerade diese unbegründeten und daher unerklärten Verbot… AAAHH
    Ich glaube, dass es furchtbar schwer ist, Erziehung irgendwie einzugrenzen, weil es eben nicht DIE Erziehung gibt. Jeder versteht vermutlich etwas anderes darunter.
    Auch wenn ich mich also gut mit dem Begriff Erziehung arrangieren kann und du genügend Gründe genannt hast, dich von ihm zu distanzieren, sind wir uns umsetzungstechnisch offensichlich sehr nahe.
    Ich werde bestimmt auch in Zukunft mal wieder gerne reinschauen…
    Liebe Grüße
    Kathrin

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    1. Ich danke dir und freue mich, dass du dich herverirrt hast 🙂
      Erziehung im unerzogen Kontext ist ein klar definierter Handlungsrahmen. Das ist auch der Grund, der zu so vielen Missverständnissen führt und warum ich den Begriff eigentlich ehrlich nicht mag. Dass was du als Erziehung darüberhinaus betrachtest, dass nenne ich Begleitung. Vermutlich sind wir uns also wirklich gar nicht unähnlich. Am Ende ist es doch aber egal, WIE wir es nennen. Hauptsache unsere Kinder wachsen gewaltfrei auf.
      Viele Grüße ❤

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo unverbogenkindsein,
    prinzipiell finde ich die Darstellung eurer Methode des Umgangs mit eurem Kind gut. Du schreibst eigentlich nur deine bisherigen Erfahrungen mit deiner Art, das Kind beim größer werden zu begleiten, auf. Das schonmal vorweg, finde ich gut. Ich möchte dir hier auch einfach mal was schreiben:
    Allen Leuten die sagen, es sei auch eine Art der Erziehung (die es vermutlich wie Sand am Meer gibt) kannst du folgendes sagen: Erziehung ist selbsterklärend – das Kind wird in die richtung „gezogen“, in die es die Eltern haben wollen. Welche Richtung das ist, hängt natürlich von Tausenden Faktoren und Gegebenheiten ab. Generell ist es aber immer ein Ziehen und Schieben, es gibt nur Wenig oder kein Miteinander. Deswegen hier meine Definition:
    Er ziehen – „Er“ zieht das Kind in eine Richtung. (Für die Feministinnen gibt es wahrscheinlich bald das Wort Sieziehung ;))
    Es müsste aber eine „Wirziehung“ sein, in der ALLE Beteiligten eingeschlossen werden. Sowohl das Jüngste Kind, die Schwester, der Bruder, und der Hund.

    Du Sprichst von Fundament, 4 Wänden und einem Dach – ich sehe da eher das komplette Grundstück. Es gibt einen Zaun, ja – aber das Haus ist auch nur ein Teil des Grundstücks. Der sichere Hafen. Der Rückzugsort. Das Warme Gefühl wenn man daran denkt. Allerdings gibt es eben auch noch einen Garten, einen Hof und eine Garage, mit sehr vielen unvorhersehbaren Faktoren – der Fall ist in meinen Augen also komplexer als du ihm beschreibst. Es kann auch sein, dass dein Kind mal im Nachbar-Garten im sitzt. Das ist auch gut so – es muss nur wissen, das die Tür vom Haus immer offen steht, und es mit allen Problemen wieder heim kommen kann – und wenn es dazu erstmal nur im eigenen Garten ein Zelt aufschlägt 🙂
    Ich finde es dennoch unnötig, irgendwelche blöden Namen dafür zu suchen – selbstbestimmt, AP, Unerzogen… Das ist einfach nur wieder eine bescheuerte Modeerscheinung. Wenn es für alle Arten mit einem Kind umzugehen Namen geben würde, müsste jede Familie einen eigenen Erfinden. Man kann immer bloß für seine Familie das beste machen – und es gibt immer welche die genau das verurteilen, was man an seiner Art des Umgangs am besten findet.
    Sorry für den langen Text 🙂

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    1. Hallo Felix
      Das Haus habe ich als Metapher gewählt, einfach weil es den gedanklichen ‚Aufbau‘ unserer Haltung mMn greifbar visualisiert. Natürlich stehen die Türen offen. Mein Kind kann sich frei bewegen und äußere Einflüsse sind nicht ausgeschlossen. – ich danke dir für deine Gedankengänge. Die Definition von Erziehung, die ich verwende ist jene der unerzogen Sichtweise und kann unter anderem bei K.R.Ä.T.Z.A. nochmal nachgelesen werden. Letztendlich ist ‚unerzogen‘ tatsächlich aber auch nur ein Wort, da gebe ich dir Recht. Wichtig ist der gelebte Alltag unserer Kinder. Jeden Tag.
      Grüße, Fiona

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