Selbstbestimmt Schlafen: Warum Das Sandmännchen Sich Bei Uns Nicht An Feste Zeiten Hält

DSC01667_bearbeitet-4Meine Tochter schläft von Geburt an selbstbestimmt. Das heißt, sie hat keine f e s t e n Schlafenszeiten.

Ebenso, wie mein Mann und Ich ins Bett gehen, wenn wir müde (genug) sind, schläft auch Zwergnase dann, wenn sie möchte. Statt einen fremdgesteuerten Zeitpunkt zu setzen, gebe ich meiner Tochter damit die Möglichkeit, ihren eigenen Rhythmus zu finden und ein Gefühl für ihre Körper und ihr Schlafbedürfnis zu entwickeln.

Das macht unsere Abende abwechslungsreich, manchmal zugegeben ein wenig länger, manchmal überraschend kurz; aber vor allem wunderbar zwanglos. Für alle Beteiligten.

Ich fürchte mich nicht schon am Nachmittag vor einem leidig langwährenden Einschlafritual oder fiebere der letzten halben Stunde bis zum Feierabend entgegen. wir müssen nicht pünktlich um Sieben Uhr zuhause sein und kein Schläfchen nach Drei Uhr verhindern, damit die Abendroutine passt. Wir lassen jeden Abend erwartungslos auf uns zukommen. Für UNS funktioniert das. Ich will auf keinen Fall behaupten, dass es nicht an manchen Abenden anstrengend ist. Natürlich ist es das. Aber spätestens, wenn Zwergnase mich an die Hand nimmt, zum Bett geht und innerhalb von wenigen Minuten friedlich einschläft, fühle ich wieder, dass es sich lohnt.

Warum Unsere Kinder Früh Ins Bett Müssen. Oder Nicht?

Die Empörung ist für gewöhnlich erstmal ziemlich groß, wenn ich erzähle, dass Zwergnase selber entscheidet, wann sie schläft. ›Das geht doch nicht. Ein Kind muss früh ins Bett.‹ Im Moment schläft Zwergnase tatsächlich vergleichsweise spät ein. Selbstbestimmt Schlafen bedeutet aber nicht prinzipiell Schlafen nach 22Uhr. Es bedeutet Schlafen, wenn dein Kind müde ist. Das kann auch problemlos regelmäßig vor Acht Uhr sein. Wenngleich ich nicht abstreiten kann, dass vermutlich kein Kind sich ausnahmslos auf frühe Schlafenszeiten beschränken wird.

Muss auch gar nicht sein, finde ich.

Die erste Frage, die wir uns stellen sollten, ist hier also die nach dem Ursprung unserer Glaubenssätze. Warum wollen wir, dass unsere Kinder früh schlafen? Warum haben wir Angst diese Überzeugung loszulassen, und stattdessen unseren Kindern zu vertrauen?

Die meisten von uns sind vermutlich mit festen Schlafenszeiten aufgewachsen. Ich auch.

Es ist ein Muster, das wir kennen, verfolgen und abspielen, ohne für gewöhnlich großartig darüber nachzudenken. Dein Kind selbst bestimmen zu lassen, bedeutet deine erzieherische Kontrolle über die Gewohnheiten deines Kindes (teilweise) abzugeben, es bedeutet, anders zu handeln, als es die meisten Leute von dir erwarten werden, und dein Kind in deine Abendgestaltung flexibel einzuplanen. Es gibt keinen Schnitt, den du setzt.

Besonders interessant finde ich, dass sich die meisten Eltern heute eigentlich darüber einig sind, dass jedes Kind anders ist. Dass kein Kind sich wie das zweite entwickelt. Dass sie unterschiedlich früh sprechen und laufen, unterschiedlich schmerzempfindlich und neugierig sind, und unterschiedliche Essgewohnheiten haben. Aber beim Schlafen – einem der ursprünglichsten menschlichen Empfinden neben Hunger, Durst und Schmerz – sind sich dieselben Eltern dennoch sicher, dass sie einheitlich reglementieren müssen.

Für gewöhnlich werden Kleinkinder im Alter meiner Tochter zwischen Sechs- und Acht Uhr ins Bett gebracht.

Die Befürchtungen sind Vielseitig.

Am häufigsten begegnet mir das Bedenken, dass das Kind sich auf einen späten Rhythmus einpendelt und später Probleme mit dem frühen Schulbeginn (KiTa Beginn) haben wird. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass es nicht so ist oder niemals so sein wird. Ich habe noch kein Schulkind. Ich kann dir nur versichern, dass ich keine Angst davor habe, dass es zu Problemen kommen wird. Selbstbestimmt Schlafen schließt ein Weckerklingeln in der Früh nicht aus, und ich vertraue ganz einfach darauf, dass meine Tochter die Notwendigkeit zeitig schlafen zu gehen um morgens fit zu sein, nach einer Weile einschätzen lernt. Dass sie auf ihr Körpergefühl hört. Denn darum geht es schließlich. Auch wenn du dein Kind an feste Schlafenszeiten gewöhnst, ist damit nicht gesagt, dass es nicht trotzdem anfängt dagegen zu rebellieren, und dass es keine Probleme mit dem Schulrhythmus bekommen wird. Das Risiko besteht durchaus auf beiden Seiten. Aus eigenen Erfahrungen kann ich dir aber mitteilen, dass Abi mit Einser Schnitt auch mit durchschnittlich vier Stunden Nachtschlaf machbar ist. So ungefähr sah mein regelmäßiges Schlafpensum zu Spitzenzeiten nämlich aus (den festen Schlafenszeiten im (Klein-)Kindalter zum Trotz). Falls die Schulzeit also deine einzige Sorge sein sollte, beruhigt dich das vielleicht ein wenig.

Viele Eltern sorgen sich außerdem um ihre Zweisamkeit. Wenn das Kind nun immer nach Acht Uhr wachbleibt, vielleicht regelmäßig bis Mama und Papa selber ins Bett wollen, wann bleibt dann Zeit als Paar? Der wohl Verdienste Eltern Feierabend? Ich persönlich mag diese Art von Priorität Setzung nicht, die aus dem Kind einen Störfaktor macht. Gerade in den ersten Lebensjahren sollten wir mMn die Zeit zu Dritt ganz besonders intensiv nutzen und genießen. Ich kuschele mich gerne mit Zwergnase an ihren großen Teddybären und schaue zu, wie ihr Papa Türmchen für sie baut. Wir toben und lesen Bücher und irgendwann schläft Zwergnase eben ein. Stressig sind eigentlich nur die Abende, in denen ich mir den Stress selber mache, weil ich plötzlich doch wieder irgendwelche Erwartungen an mein Kind habe. Es ist aber natürlich trotzdem legitim, dass Mama und Papa Zeit für sich einfordern, Kraftreserven aufladen müssen: Nehmt Euch, wann immer ihr könnt, die Zeit, die ihr braucht. Das muss überhaupt nicht zwanghaft am Abend sein. Und wenn das für euch doch richtig wichtig ist, dann habt ihr natürlich die Freiheit, eurem Kind das auch mitzuteilen. Sprecht. Trefft Maßnahmen. Findet Lösungen. Gönnt euch zB. regelmäßig einen kindfreien Abend. Oder gleich ein kinderfreies Wochenende. Tun wir auch. Oder lasst euer Kind selbstbestimmt schlafen, und führt eine Zimmerzeit ein, mit der euer Kind einverstanden ist. Wenn ihr abends eine ruhige Atmosphäre braucht, dann dimmt das Licht, einigt euch darauf lärmende Spielsachen auszuschalten und den Fernseher auszulassen. Geht euren Erwachsenendingen nach und erklärt eurem Kind, dass ihr Zeit für die Arbeit, den Haushalt oder einfach für euch alleine braucht. Aber vergesst dabei halt einfach nicht, dass die Verantwortung für euch als Paar nicht bei eurem Kind und seinem Schlafverhalten liegt. Wenn es euch nicht gut geht, dann müsst ihr selber auf eure Bedürfnisse schauen und Räume dafür schaffen. Euer Kind ist nicht in der Rolle desjenigen, der hinschauen und Rücksicht nehmen muss. Kann es noch nicht. Ehrlich nicht. Wird es aber lernen. Ganz sicher. Ihr müsst nur klar bei euch bleiben. Zumal sich auch selbstbestimmte Schlafenszeiten immer wieder einpendeln und so auf lange Sicht abschätzbar bleiben. Schafft euch eure Freiräume also ganz einfach im Alltag. Das nimmt den Stress, und damit auch das Verlangen nach einem routiniert zeitlich festgesetzten Feierabend.

Von diesen beiden Punkten abgesehen gibt es auch eine Wissenschaftliche Seite. Ich will darauf an dieser Stelle nicht ausführlich eingehen. Kinder brauchen so und so viele Stunden Schlaf heißt es, um sich gut zu entwickeln. Kinder sollen nach Liste funktionieren. Ehrlich gesagt, gebe ich darauf nicht viel. Ich vertraue meinem Kind. Niemand kennt ihr Bedürfnis nach Schlaf besser, als sie selbst. Kürzlich habe ich außerdem einen pseudowissenschaftlichen Bericht gelesen, in dem der Zusammenhang zwischen Schlafenszeit und Wachstum hergestellt wurde. Demnach werden Wachstumshormone erst in einer bestimmten Tiefschlafphase ausgeschüttet. Ich bin nicht in der Position, das in irgendeiner Form zu widerlegen. Da wird was Wahres dran sein. Aber um es mal mit simplen Worten auszudrücken: Ich denke nicht, dass die Natur unfähig ist, die Ausschüttung von Wachstumshormonen an das natürliche Schlafbedürfnis des Kindes anzupassen. Wenn ich mein Kind selbstbestimmt schlafen lasse, es also nach seinem natürlichen Körpergefühl schläft, dann wird das mMn keine negativen Auswirkungen auf ihre körperliche oder geistige Entwicklung nehmen. Und wenn doch? Dann habe ich eben ein etwas kleines, aber dafür glückliches und selbstbestimmtes Kind. Ich bin übrigens auch nicht sonderlich groß geraten.

Vertrauen. Ich denke das ist der Schlüssel. Immer. Vertrauen hilft uns, unsere Angst loszulassen, und stattdessen das Positive zu erkennen.

Den Eigenen Bio Rhythmus Kennenlernen

Jeder Mensch hat einen eigenen Biologischen Rhythmus. Manche von uns sind Frühaufsteher mit Leib und Leben. Einer schläft auf dem Zimmer auf Klassenfahrt immer als erstes ein. Der Dritte ist eine Nachteule und wird erst unterm Sternenhimmel richtig produktiv, während der nächste vor dem zweiten Kaffee morgens nicht ansprechbar ist. Die meisten entwickeln ein wirklich gutes Körpergefühl erst im Erwachsenenalter, wenn überhaupt. Davor liegen feste Schlafenszeiten in der Kindheit, das Austesten von Grenzen in der Pubertät und lange Partynächte im Jugendalter. Viele von uns bleiben länger auf, als sie sollten, schlafen dann länger, als sie es bräuchten oder stehen früher auf, als es ihnen nach der langen Wachphase gut tut. Ich bin genauso: Abends lange wach, und morgens komme ich kaum aus dem Bett. Nicht wirklich optimal. Was mir fehlt ist bis heute das Gefühl für meine innere Uhr. Ich kann dir ehrlich nicht sagen, welche Zeiten mir besser täten.

Wenn wir unseren Kindern die Chance geben, von Geburt an selbstbestimmt zu schlafen, dann lernen sie ihr Schlafbedürfnis von Anfang an kennen. Statt Fremdbestimmter Gewohnheiten, entwickeln sie von klein auf ein eigenes Körpergefühl, dass sie zumindest in den ersten Jahren möglichst frei wahrnehmen, entdecken und leben können. Ich glaube, dass diese Erfahrung einen wahnsinnigen Mehrwert für das lebenslange Schlafverhalten hat.

Wenn ein Kind sein Schlafbedürfnis erkennt, dann wird es in den meisten Situationen auch danach handeln. Natürlich kommen trotzdem Phasen, in denen das Kind über den Punkt gehen wird, eigene körperliche Grenzen austestet. Das gehört dazu. Auch bei Kindern mit festen Schlafenszeiten. Aber ein Kind, dass selbstbestimmt schläft braucht nicht kämpfen. Es braucht nicht wach bleiben, um in einen Machtkampf mit den Eltern zu verfallen.

Ich glaube auch, dass es einfacher ist, wenn ein Kind von Geburt an selbstbestimmt schläft und nie wesentlich von außen in seinen Bio Rhythmus eingegriffen wird. Wenn dein Kind seit zwei Jahren um sieben Uhr ins Bett gehen muss, natürlich wird es bis in die Puppen wach bleiben und die neue Freiheit nutzen und austesten. Es wird schließlich befürchten müssen, dass du jederzeit deine Meinung wieder ändern kannst. Also wird es die Selbstbestimmung ausnutzen, bis es verstanden hat, dass es jetzt wirklich so bleibt und dann erst anfangen, seine eigenen Bedürfnisse schrittweise richtig kennenzulernen. Desto später ihr anfangt, desto anstrengender ist der Weg der Selbstbestimmung. Egal ob beim Schlaf, Süßigkeiten- oder Medienkonsum.

Selbstbestimmt Heißt Nicht Alleine

Wenn mein Kind selbstbestimmt schlafen geht, dann heißt das nicht, dass ich sie mit ihrem Bedürfnis und der Verantwortung völlig alleine lasse. Ich bin da und schaue hin.

Ich schaffe einen Rahmen. Gerade die ganz Kleinen brauchen Hilfe, um ihre Bedürfnisse kennenzulernen und einzuordnen. Unter einem Jahr habe ich mein Kind eng in den Schlaf begleitet, sobald  sie ihre typischen Müdigkeitsanzeichen zeigte. Es gab auch relativ feste Rituale vom gedimmten Licht, der Spieluhr bis zur Gute Nacht Geschichte und dem Anziehen des Schlafsacks. Wir haben gestillt/später die Flasche getrunken, dabei gekuschelt und ich habe ihr geholfen in den Schlaf zu finden. Habe sie getragen und geschaukelt. Ganz so wie sie es brauchte eben. Aber: Wenn Zwergnase echt nicht schlafen wollte, dann war das einfach auch okay und sie kam eben doch wieder mit ins Wohnzimmer, bis wir es nochmal versuchen konnten oder sie einfach dort einschlief.

Inzwischen hat sich der Rahmen immer weiter gelockert. Wir haben keine wesentlichen Rituale mehr und mein Kind entscheidet selber, wann es Schlafbereit ist, anstatt dass ich ihre Müdigkeit deute. Eine Zeit lang hat sie mir ihren Schlafsack gebracht. Inzwischen legt sie sich hin und schläft ein, dort wo sie möchte. Ich trage sie dann in ihr Bett.

Das entbindet mich nicht von meiner Verantwortung hin zu schauen.

Merke ich, dass Zwergnase den Punkt alleine nicht findet, dann begleite ich sie immer noch eng in den Schlaf. Erinnere sie daran, dass es schon spät ist. Nehme sie ins Familienbett, lese Bücher, kuschele. Ich zwinge sie zwar nicht mit mir liegen zu bleiben, aber meistens merkt sie dann ziemlich schnell auch selber, dass sie die Ruhe eigentlich braucht.

Bis auf wenige Ausnahmen sind unsere Abende wahnsinnig entspannt. Einfach, weil ich mir keinen Stress mache. Weil ich oft gar nicht auf die Uhr schaue. Zwergnase schläft, man könnte fast sagen, dort wo sie umfällt. Nach dem Abendessen ziehe ich ihr ihre Schlafsachen an, wickele sie wir gehen ins Bad und putzen die Zähne. Dann spielt sie. Oft kommt sie mit Büchern, manchmal baut sie Klötze und an anderen Abenden möchte sie noch TV gucken. Irgendwann will sie von sich aus ins Schlafzimmer oder kuschelt sich auf ihr Kissen im Wohnzimmer. Und hin und wieder überrascht sie uns, stapft aus dem Bad und schläft Minuten später schon auf der Couch ein.

Ja, zurzeit wird es auch mal nach 22Uhr. Das ist meistens an den Tagen, an denen sie einen längeren oder späten Mittagsschlaf macht, den sie eigentlich nicht mehr braucht. Den ich ihr aber genauso wenig abspreche oder aufzwinge, wie ihren Nachtschlaf. An  anderen Tagen schläft sie zwischen Acht- und Neun Uhr ein, manchmal sogar vor Acht. Sogar vor Sieben. Gibt es alles. ganz ohne Stress. Und ganz Selbstbestimmt.

UNS geht es gut mit diesem Weg. Angst habe ich keine. Im Gegenteil.

Ich könnte mir nicht vorstellen stundenlang mein schreiendes Kind in den Schlaf zu zwingen. Die Zeit lässt sich viel sinnvoller nutzen.

Muss Es Das Familienbett Sein?

Nein. Es kann. Es ist schön. Aber es muss nicht. Es gilt wie immer, auf das Bedürfnis des Kindes und auf das eigene Bedürfnis zu schauen.

Zwergnasse hat die ersten Acht Monate im Beistellbett bei uns im Zimmer geschlafen. Als sie zu groß und aktiv wurde, ist sie in ihr Zimmer ins eigene Bett umgezogen und dort schläft sie noch heute mindestens die erste Nachthälfte. Mehr als die Hälfte der Nächte, schläft sie durch. Morgens ruft sie, oder kommt inzwischen auch alleine zu uns rüber und wir kuscheln noch ein paar Minuten im Elternbett. Zum Einschlafen braucht und bekommt sie unsere Nähe, aber dann trage ich sie immer in ihr Bett. Das ist gut so. Wir alle schlafen ruhiger und erholsamer so, zumal Mama und Papa nur ein 1.40m Bett haben und das zu Dritt ziemlich eng wird.

Trotzdem liebe ich auch das Familienbett.

Wenn Zwergnase nachts aufschreit, holen wir sie bedingungslos zu uns und wir familienbetten die zweite Nachthälfte. Ist sie krank, schläft sie prinzipiell bei uns. Manchmal machen wir auch eine Pjyamaparty im Wohnzimmer, holen die Matratzen zur Couch und schlafen dort. Es ist wunderschön morgens neben meinem Kind aufzuwachen, für uns alle. Aber ich genieße auch die Nächte, in denen sie in ihrem Bett durchschläft. In diesen Nächten tanke ich Kraft. Es gibt immer zwei Seiten. Der Mittelweg tut uns gut. Ich würde unsere Schlafsituation nicht ändern wollen.

Im Familienleben sollte mMn immer an erster Stelle gehen, einen Weg zu finden, mit denen es allen gut geht. Findet eine Schlafsituation, mit der ihr glücklich seid. Alle.

Es ist nicht immer einfach den richtigen Weg zu finden. Manchmal hilft wirklich nur ausprobieren, Ängste loslassen und Wege einschlagen, die du vorher für unmöglich gehalten hast: Zum Beispiel dein Kind selbst bestimmen zu lassen, wann es ins Bett mag, anstatt auf Empfehlungen und Ratschläge und dein inneres erzogenes Kind zu hören.

Vertrau deinem Kind. Es wird dir zeigen, was gut für es ist. Und dann finde einen Weg, deine Bedürfnisse mit dem deines Kindes zusammenzubringen. Das geht. Du musst nur den MUT haben, es zu wagen. Xx Fiona

Nicht Erziehen Und Trotzdem ›Nein‹ Sagen. Geht Das?

Zwergnase möchte heute schon vor dem Frühstück auf den Balkon. Zielsicher zieht sie mich an der Hand mit sich und steuert den vordersten großen Blumentopf an, in dem neben drei Blumen auch ihr Windrad steht. Ich warte einen Augenblick und beobachte, was sie vor hat.

Mit einem kurzen Blick zu mir greift nach dem Kies, der auf der Blumenerde liegt. Sie zeigt mir die Steine und setzt an, damit zu werfen. ›Nein‹, sage ich, löse den Kies sanft aus ihren Fingern und gehe dabei neben ihr in die Hocke. ›Ich möchte das nicht.‹

Sie greift noch einmal zu und wirft den Kies nun direkt auf den Boden. Nochmal. Jetzt hat sie auch schon etwas Erde in der Hand. Beim vierten Mal lege ich meine Hand abschirmend über ihre, bevor sie zugreifen kann. ›Das ist Kies. Darunter ist Erde. Das fühlt sich bestimmt ganz toll zwischen den Fingern an, aber ich mag es nicht, wenn du damit spielst. Ich finde das gerade wirklich nicht schön.‹ Ich lege meinen Arm um sie und drehe sie in der Umarmung ein wenig zur Seite vom Blumentopf weg, was sie mit einem protestierenden Kreischen beantwortet. Sie beißt mich, was ich mit einem ›au‹ zur Kenntnis nehme, aber nicht weiter kommentiere. Es ist okay. Sie ist zu Recht wütend. 

Ich lenke ihre Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Seite. Neben der Balkontür steht ein Blumenkasten mit Sand, den wir ihr als Alternative bereit gestellt haben. Darin befindet sich inzwischen auch der heißgeliebte Kies. ›Da‹, zeige ich. ›Damit können wir spielen.‹ Zwergnase überlegt, dann nimmt sie die Schaufel, reicht mir ein Förmchen und wir bauen eine kleine Sandburg.

Nicht immer funktioniert das so harmonisch. Manchmal wütet sie auch, dann begleite ich ihren Frust. Aber ich bleibe bei meinem ›Nein‹ und gebe die Blumentöpfe nicht zum bespielen frei. Das ist voll okay, obwohl ich nicht erziehe. Lass mich dir erklären warum.

Vorurteile Und Falsche Extreme

Immer wieder begegne ich einem hartnäckigen VORURTEIL in Elterngruppen: Der Verzicht auf Erziehung wird mit einer absoluten Regellosigkeit gleichgesetzt, und bringe nichts anderes hervor als kleine Egoisten, die ihren Eltern ›auf der Nase herum tanzen‹. Das ist so nicht richtig. Der Verzicht auf Erziehung bedeutet den Verzicht auf Machtmissbrauch, nicht den Verzicht auf Werte, oder auf sinnvolle (schützende) Einschränkungen, und  es bedeutet auch nicht das Zurückstellen von elterlichen Bedürfnissen.

Meine Bedürfnisse sind genauso wertvoll wie die meines Kindes.

Deinem Kind uneingeschränkt ALLES zu ermöglichen, entspricht genau so wenig der unerzogen Haltung, wie Erziehung bedeutet, deinem Kind ALLES zu verbieten. Du wägst ab. Jeden Tag. Jeden Moment. Du bist in lebhafter Beziehung mit deinem Kind, so wie mit jedem deiner Mitmenschen, und triffst (gemeinsam) Entscheidungen für euer Zusammenleben. Nur eben ohne dabei auf willkürliche, gewaltsame erzieherische Muster zurückzugreifen. Du bleibst bei Euch, bei Dir und deinem Kind und deinem Partner.

Natürlich gibt es immer Extreme. Eltern, die meinen, sie machen alles richtig und es doch völlig falsch machen. So wie es immer noch Eltern gibt, die ihre Kinder unter dem Deckmantel der Erziehung schlagen und richtig böse schikanieren, so gibt es auch Eltern, die den Verzicht auf Erziehung soweit ausdehnen, dass gleichermaßen auch ein Verzicht auf Verantwortung passiert. Eltern, die tatsächlich nichts dazu sagen, wenn ihr Kind, andere Kinder schubst. Eltern die kommentarlos hinnehmen, wenn ihr Kind die dritte Tafel Schokolade in Folge öffnet. Eltern, die ihr Kind das Gemüseregal im Supermarkt mit Schmutzfingern leerräumen lassen, ohne wenigstens dafür gerade zu stehen. Eltern, die nicht Hinsehen und nicht Begleiten.

Das sind aber k e i n e guten Beispiele für die Sache. Das ist nicht das, was ich in meiner Familie lebe.

Reflexion Statt Erziehung

Wenn ich auf Erziehung verzichte, dann lasse ich damit keine Lücke offen.

Statt ERziehung auszuüben, gehe ich in BEziehung: Ich begleite, kommuniziere und finde Lösungen für Konflikte. Ich lasse die Konflikte nicht ungelöst stehen. Ich bin nicht passiv und lasse mein Kind machen. Das wäre völlig verkehrt. Ich schaue hin und wäge ab. Immer vor dem Hintergrund meiner EIGENEN Bedürfnisse, Ängste, Wünsche und Werte (oder jene Dritter), anstelle der typenhaften erzieherischen Muster, die von Eltern erwartet werden.

Statt blind zu machen, was ich als Mutter irgendwie machen muss, nämlich Regeln aufstellen, ihr einhalten verlangen und zu bestrafen, frage und hinterfrage ich:

Ist es für MICH okay, wenn mein Kind beim Frühstück nicht am Tisch sitzt, sondern mit dem Brötchen in der Hand auf die Couch klettert? Und wenn es mich stört, dann frage ich weiter WARUM. Und dann suche ich nach Lösungen, um meine zugrundeliegenden Befürchtungen oder meine Werte und Wünsche mit dem Bedürfnis meines Kindes, gemütlich auf der Couch statt im Hochstuhl zu sitzen, zusammen zu bringen. – Übrigens: Nein, es stört MICH nicht. Wir essen regelmäßig auf der Couch oder dem Boden.

Der Verzicht auf Erziehung fängt für mich dort an, wo der unreflektiert abgespielte Machtmissbrauch aufhört und der Reflexion Platz macht.

Wenn ich nicht mehr erlaube, verbiete und bestrafe, so wie die Gesellschaft und das erzogene Kind in mir es vorgeben und erwarten, sondern bewusst hinterfrage, was ICH, was UNS in der KONKRETEN SITUATION gerade gut tut, dann stelle ich mich nicht mehr erzieherisch über mein Kind, sondern gehe in Beziehung. Dabei geht es nicht darum, es meinem Kind Recht zu machen. Es geht darum, hinzuschauen, was zum Konflikt führt und echte Lösungen zu finden.

Was sind gerade jetzt die Bedürfnisse meines Kindes, meines Mannes, der Großeltern? Welches sind meine eigenen Bedürfnisse? Wovor habe ich Angst, wenn ich ansetze meinem Kind etwas verbieten zu wollen? Ist diese Angst berechtigt? Können wir unsere Bedürfnisse zusammen bringen?

Kann ICH mich mit der Situation abfinden, OHNE dass ich mich damit schlecht fühle? Oder WILL ich gerade eingreifen, um MEINE Integrität zu wahren?

Gibt es einen Kompromiss, der meine Angst aushebelt und mein Kind trotzdem glücklich macht? Gibt es eine Alternative, eine Modifikation, eine coole Lösung anstelle eines Verbotes?

Ich finde es unsagbar wichtig, mich selber und meine Bedürfnisse im Umgang mit meiner Tochter nicht aus dem Auge zu verlieren.

Ich möchte sogar behaupten, dass der Verzicht auf Erziehung überhaupt nur dann funktionieren kann, wenn du lernst, nicht nur auf dein Kind, sondern auch auf dich selber zu schauen. Genauso, wie ich nämlich meinem Kind zugestehe Bitten abzulehnen, und regelmäßig die Kraft aufbringe Situationen anzunehmen, wenn ich mich von meinen anerzogenen Glaubenssätzen löse, kann ich aber auch die dringende Notwendigkeit sehen, ›Nein‹ zu sagen, um meine Bedürfnisse in einer bestimmten Situation zu erfüllen. Das ist okay. Das gehört dazu. Es geht nicht nur ums Kind.

Sonst nämlich leben wir gar nicht ohne Erziehung, sondern drehen bloß das Machtverhältnis um. Dann dominiere zwar nicht mehr ich Zwergnase, aber dafür Zwergnase auf subtile Art und Weise mich. Das ist genauso wenig sinnvoll, wie Erziehung. 

Wenn du unerzogen lebst mit dem bewussten Gedanken, ganz sicher ALLES erlauben zu wollen, was nicht  Leib und Leben gefährdet, dann schaust du wieder nicht richtig hin, sondern agierst wieder nach Mustern und Empfehlungen. Dann erziehst du doch, nur eben nicht mehr streng. Dann hast du ein Ziel und erziehst dein Kind zwar zu einem freien willensstarken Menschen, indem du alles ermöglichst, weil du glaubst, deinem Kind damit Gutes zu tun, aber du vergisst dich und deine Bedürfnisse.

Bedürfnisse Sehen Und Erfüllen

Kommen wir zurück zu den Blumentöpfen auf unserem Balkon.

Zwergnase möchte den Kies umgraben. Sie möchte den Kies in ihren Fingern fühlen, ihn werfen und untersuchen. Ich kann ihr das nicht Übel nehmen. Es ist sicher eine großartige Sache für sie. Es tut auch niemandem weh. Trotzdem: Ich mag das nicht.

Wir waren bereits an dem Punkt, an dem wir sie haben machen lassen, eben weil es nicht wirklich schlimm ist. Tagelang hat sie die Blumentöpfe intensiv bespielt. Und jeden Tag haben wir uns unwohler damit gefühlt und uns deswegen gezofft. Die Stimmung war ziemlich im Eimer.

Mein Mann und ich haben den Balkon seinerzeit hübsch gemacht, um uns eine kleine Oase an Schönwettertagen zu schaffen, um uns wohl zu fühlen. Neben dem finanziellen Aspekt steckt in den Blumentöpfen auch Leben. Wegtun, um die Kindersicherheit zu gewähren, war niemals eine Option. Das mag egoistisch klingen, ich streite gar nicht ab, dass es das ist. In der Wohnung haben wir eine Ja Umgebung geschaffen, Pflanzentöpfe höher gelagert, große Blumenpötte, die nicht zu sichern waren, entsorgt bzw. die Pflanzen umgetopft und anderweitig auf die Wohnzimmer Schränke verteilt. Der Balkon sollte bleiben, wie er war, mitsamt den großen Blumentöpfen auf Bodenhöhe. Mein Mann liebt Pflanzen besonders und konnte noch weniger als ich mitansehen, wie unsere Tochter die Erde regelmäßig zerpflückte. Auch wenn das Schlamassel am Abend mit dem Kehrblech schnell wieder beseitigt war, es tat uns (und vermutlich auch den Pflanzen) nicht gut.

Das begeisterte Spielen unserer Tochter mit der Blumenerde und dem Kies hätten wir also nur hinnehmen können, wenn wir unser Bedürfnis nach einer gepflegten Oase auf dem Balkon dafür übergingen. Das wäre sicherlich machbar, aber nicht zufriedenstellend gewesen und hätte über kurz oder lang zu neuen Konflikten geführt.

Also musste eine Lösung her. Die Frage war dabei aber nicht, ob Erlauben oder Verbieten, sondern wie wir es erreichen konnten, unsere Bedürfnisse zusammenzubringen. Uns wohl zu fühlen, an der frischen Luft die Seele baumeln zu lassen, aber unsere Tochter und ihre Vorstellungen von einem gelungenen frühen Morgen auf dem Balkon dabei nicht aus dem Blick zu verlieren.

Zwergnase konnte nichts für die Situation. Das galt es sich klar zu machen. Wo wir das Bedürfnis nach einem ruhigen, gepflegten Fleckchen Balkon hatten, da wollte sie spielen und erkunden.

Wir entschieden uns dazu, ihr eine Spielecke auf dem Balkon einzurichten, in der sie ihrem Bedürfnis uneingeschränkt nachgehen konnte.

Ein ausrangierter Blumenkasten dient nun als dauerhafter Sandkasten, in den sie gelegentlich auch eine Handvoll von dem begehrten Kies untermischt. Schaufel und Förmchen liegen bereit und auch ein cooler kleiner Wassertisch gehört ebenfalls zur Ausstattung dazu. Für ganz heiße Tage haben wir ein Planschbecken besorgt.

›Nein‹ Habe Ich Gesagt

Mit dem Sand kann sie jederzeit spielen.

Die Blumentöpfe schütze ich, lenke sie behutsam davon ab und verweise sie auf ihren Sandkasten. Manchmal lasse ich sie einen Moment am Blumentopf herumwuseln, und zeige ihr, dass sie eine Schaufel vom Kies ruhig in ihren Wassertisch kippen kann. Es geht nicht darum, ihre Neugier zu unterbinden. Wenn es mir aber zu viel wird, wenn ich oder mein Mann merken, dass wir uns unwohl fühlen, wenn sie die Blumentöpfe wieder ausgiebig erkundet, dann halten wir sie mit einem Klaren ›Nein‹ ab.

Das ist okay.

Wichtig ist, klar bei dir zu sein, wenn du ›Nein‹ sagst. Dein ›Nein‹ ist ein ganz anderes, wenn du es nicht herunterzitierst, ›weil Kinder das nicht dürfen und gehorsam sein müssen‹, sondern reflektiert und überzeugt (!) von dir, deinen Wünschen und deinen Bedürfnissen sprichst. ›Nein, ich möchte das nicht. Ich fühle mich nicht gut damit‹, klingt ganz anders, als ›Nein, das macht man nicht‹. Es kommt auch ganz anders bei deinem Kind an, weil es einfach die Wahrheit ist.

Die Verantwortung für deine Bedürfnisse liegt bei dir. Du kannst nicht erwarten, dass dein Kind deine Bedürfnisse erkennt und erfüllt. Das musst du selber tun. – Wenn du dich also unwohl fühlst, dann gehe der Sache auf den Grund, hinterfrag und finde eine Lösung.

Erwarte nicht, dass dein Kind das gut findet. Braucht es auch gar nicht. Wenn es frustriert von deiner Entscheidung ist, dann ist das völlig in Ordnung. Sei da, begleite seinen Frust oder seine Wut und erkläre ihm deine Gründe. Sei einfach ehrlich. Und wenn dich das Gefühl überkommt, dass das Bedürfnis deines Kindes vielleicht doch überwiegt, dann scheu dich nicht dein ›Nein‹ aufzuheben. Das ist genauso okay. Hauptsache, ihr fühlt euch wohl damit. Xx Fiona

Kindliche Ängste Überwinden

Stell dir vor, um dich herum ist es dunkel und warm. Du hörst ein rhythmisches Pochen und Grummeln, dass dir ein Gefühl von Vertrautheit gibt. Alle anderen Geräusche sind dumpf. Du fühlst keinen Hunger, keinen Durst. Du empfindest keinen Schmerz. Du bist da. Schwerelos. Glücklich.

Plötzlich wird es ungemütlich. Etwas passiert. Du schnapst nach Luft. Es ist hell und laut. Dein Magen knurrt. Dein Körper fühlt sich schwer an. Etwas wird dir über den Kopf gezogen und zwickt auf deiner Haut, aber du weiß nicht, wofür das gut sein soll. Um dich herum Gesichter und Farben und Dinge. Stimmen, die du nicht verstehst. Beängstigend.

So ungefähr geht es wohl unseren Kindern, wenn sie geboren werden.

Auf einmal verändert sich ALLES. Und die Welt, in der dein Kind sich von nun an wiederfindet, wird von Tag zu Tag größer und komplizierter. Immer neue Orte kommen hinzu. Neue Gesichter. Neue Dinge passieren, andere Dinge verschwinden wieder. Und dann sind da auch noch die vielen lauten Geräusche, die sich dauernd verändern und aus tausenden Richtungen zu kommen scheinen. Neue Gerüche. Neue Geschmäcker. Du entdeckst gerade erst, dass diese lästigen Arme und Beine zu dir gehören.

Ein riesen Durcheinander.

Und während alle anderen um dich herum scheinbar ganz genau verstehen, was vor sich geht, bist du einfach nur verschüchtert, verängstigt und fühlst dich unheimlich klein.

Keine Angst Ist Unbegründet

Wir sind Erwachsen. Wir können uns überhaupt nicht mehr vorstellen, wie beängstigend diese Welt einmal für uns gewesen sein muss. Wir vergessen die ersten Jahre unseres Lebens. Wenn wir aber zumindest versuchen, unsere Kinder zu verstehen, die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten, dann ist klar, dass wir ihre Ängste jederzeit Ernst nehmen sollten.

Keine Angst ist lächerlich. Keine Angst besteht grundlos. Keine Angst hat es verdient kleingemacht und belächelt zu werden.

Ängste sind nicht rational und lassen sich oft nicht vernunftgemäß erklären, trotzdem sind sie für denjenigen, der sie spürt reale Empfindungen. Selbst wenn der Betroffene weiß, dass die Angst unnötig ist, lässt das beklemmende Gefühl sich nicht abschalten. Es ist da. Herzklopfen, Unwohlsein und Übelkeit begleiten die Angst. Du fühlst dich schlecht. Egal, ob andere über die Situation lächeln. Du hast Angst. Es geht um Dich. Oder eben um dein Kind.

Auch Erwachsene leiden unter Ängsten und Phobien.

Ich möchte behaupten, dass es keinen Menschen gibt, der nicht irgendeine Angst hat. Und das, obwohl wir uns in dieser Welt zurechtfinden.

Und nun stell dir nochmal vor, wie es deinem Kind gehen muss: Es kann nicht rational abwägen, sich nicht gut zureden, und überhaupt weiß es nicht, wie dieses bunte Treiben eigentlich funktioniert, in das es da hineingeschleudert wurde.

Kein Wunder also, dass unsere Kinder Angst haben.

Mit Den Augen Der Kinder Sehen: Warum Es Doch Schlimm Ist

Kindliche Angst ist eine instinktive Abwehrreaktion, um sich vor möglichen GEFAHREN zu schützen. Die Ängste unserer Kinder resultieren in der Regel aus ihrer Unwissenheit. Ihnen fehlt die ERFAHRUNG, die wir über viele Jahre gesammelt haben, und die uns hilft, Situationen einzuschätzen.

Ein älteres Geschwisterkind wird die Angst deines Kleinkindes vermutlich besser nachvollziehen können als du.

Unsere Erfahrungen helfen uns Ängste zu überwinden oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, insofern keine krankhafte Angststörung oder Phobie zugrunde liegt. Wir können einschätzen, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein Monster aus dem Kleiderschrank klettert, weil wir über Jahre Nacht für Nacht die Erfahrung gemacht haben, dass es nicht passiert. Unseren Kindern fehlt dieser Erfahrungswert. Sie können sich nur auf unser Wort verlassen.

›Das ist gar nicht schlimm. Du brauchst keine Angst haben.‹

Als erste Reaktion rutschen mir diese Sätze beinahe jedes Mal heraus, wenn Zwergnase sich panisch an mein Bein klammert. Großer Müll. Das weiß ich, muss es mir aber auch immer wieder bewusst machen. Also atme ich nochmal durch und korrigiere mich.

Natürlich ist gerade ETWAS schlimm. ETWAS ist da, wovor mein Kind Angst hat. Aus Zwergnases Perspektive ist die Angst begründet. Wenn ich einem Spinnenphobiker sage, dass er keine Angst vor Spinnen haben braucht, dann ist ihm damit auch nicht geholfen.

Ängste klein zu reden und zu relativieren hilft nicht. Auch wenn uns, gerade im Umgang mit unseren Kindern, diese Maßnahme oft am sinnvollsten erscheint und beinahe automatisch abgespielt wird. Ein ›Das ist gar nicht schlimm. Du brauchst keine Angst haben‹ mischt zur Angst erstmal nur Scham hinzu. Mehr nicht. Das ist nicht wirklich erstrebenswert.

Stattdessen versuche ich, die Angst  meiner Tochter zu sehen. Ich versuche mir klar zu machen, WAS GENAU der Auslöser für die Angst ist und einen Weg zu finden, diese Angst gemeinsam zu ergründen und zu überwinden.

Ich benenne die (vermutete) Ursache so genau wie möglich und erkläre sie meinem Kind. Immer und immer wieder, wenn nötig. Ich zeige ihr, was das ist, wofür es gut ist, warum es da ist, und was wir damit machen können. Ich mache ihr ihre Angst durch Worte greifbar und damit Schritt für Schritt überwindbar. Gleichzeitig zeige ich ihr, ich bin da, ich nehme deine Angst ernst. Ich sehe, wovor du Angst hast. Ich halte den Körperkontakt mir meiner Tochter, berühre sie, lasse sie fühlen, dass ich anwesend bin.

Ich finde es sehr wichtig, in solchen Momenten nah bei meinem Kind zu sein.

Um Ängste zu überwinden braucht es neben Erfahrung (die unsere Kinder eben noch nicht haben) vor allem Vertrauen und Verständnis. Jemandem der dich wirklich ernst nimmt, dem vertraust du. Dem vertraust du dich an. Und mit dem traust du dich dann irgendwann auch, ins Flugzeug zu steigen oder eine klitzekleine Spinne auf die Hand zu nehmen.

Viele kindliche Ängste lösen sich zudem von alleine auf, sobald die Kinder mehr Verständnis für die Dinge entwickelt haben.

Und bewusst zu machen was der Auslöser der Angst ist und unseren Kindern dann aktiv zu helfen, die Dinge, vor denen sie sich fürchten zu verstehen, sie mit etwas Sicherheitsabstand vertrauensvoll daran heranzuführen (immer im Tempo des Kindes!), bringt mMn mehr, als die Angst belächelnd kleinzureden oder andersrum Angstsituationen vollständig zu meiden, bis das Verständnis von woanders kommt. Natürlich wird dein Kind die Angst vor dem Monster im Schrank auch verlieren, wenn du immer wieder betonst, dass es keine Angst haben braucht, weil es eben gar keine Monster gibt. Dein Kind wird sich dann aber mit der Angst alleine gelassen fühlen. Stattdessen kannst du mit deinem Kind den Schrank leerräumen und schauen, dass dort kein Loch im Holz ist, wo ein Monster durchkriechen könnte. Ihr könntet spekulieren, ob die Monster überhaupt böse sein müssen, oder ob sie nicht auch coole Spielkameraden wären. Und ihr könnte ein Monster Abwehr Spray mischen, für den Fall der Fälle. Vielleicht irrst du dich ja doch.

Kindliche Ängste zu Überwinden ist ein Balanceakt, den wir mit unseren Kindern gemeinsam machen. WIR haben die Verantwortung, dabei das Gleichgewicht zu halten: Ernst nehmen – Da sein – Erklären – Lösungen finden.

Angst Vor Fremden: Offene Türen Und Schützende Hände

Die Angst vor Fremden ist eine der wohl typischsten Ängste unserer Kinder. Lächeln sie anfangs noch (fast) jeden glucksend an, beginnen sie früher oder später zu fremdeln. Schauen schüchtern oder grimmig, und weichen nicht mehr von Mamas und Papas Seite. Der Fremde ist nicht einschätzbar.

Zwergnase ist ein extremes Fremdelkind.

Über viele Monate hat sie bei beinahe jedem Kontakt mit fremden Personen panisch geschrien, ließ sich nicht absetzen und kaum beruhigen. Inzwischen beläuft ihre erste Reaktion sich meist auf einen schüchternen Blick auf den Boden oder ein Festklammern an Mamas oder Papas Bein. Solange sie weitestgehend in Ruhe gelassen und nicht angesprochen wird, verfliegt die Unsicherheit nach ein paar Minuten aber wieder. Ich versuche die Interaktion mit ihr von vorneherein umzulenken, wenn ich sehe, dass es meinem Kind unangenehm wird. Verabredungen teile ich mit, sie behutsam zu behandeln. Schlimmer ist es nämlich, wenn die fremde Person direkten Kontakt sucht. Auch schlimm: Wenn der Fremde ihr in einem geschlossenen Raum begegnet, besonders in den eigenen vier Wänden, dort wo sie sich eigentlich sicher fühlt. Draußen fällt es meiner Tochter deutlich leichter Fremde zu tolerieren und knüpft schneller Kontakt. Kommt jemand Unbekanntes in unsere Wohnung, schreit sie meistens.

Was ich tun kann? Die Angst meines Kindes ernst nehmen, auch wenn sie zugegeben manchmal lästig ist. Ich halte mir immer wieder vor Augen, dass mein Kind sich bedroht fühlt.

Zwergnase kann noch überhaupt nicht einschätzen, wie ihr Fremde Personen gesinnt sind. Zunächst sind alle Fremden instinktiv eine Gefahr. Erst mit der Zeit entwickeln sich Muster, nach denen unsere Kinder Personen klassifizieren. Der ursprüngliche Instinkt ist erstmal überhaupt nicht verkehrt. Es ist nicht in meinem Interesse, ihr ihre Skepsis gegenüber Fremden vollständig auszureden. Nicht heutzutage.

Ich muss mich also zunächst fragen, was MIR eigentlich wichtig ist? Ich wünsche mir, dass sie den Mut findet, sich zu öffnen, wenn sie spürt, dass es okay ist. Dass ihr Gegenüber ihr nichts böses will.

In erster Linie gebe ich meiner Tochter daher erstmal einfach eine Rückmeldung, wenn sie fremdelt. Ich sage ihr, wer die fremde Person ist, oder, wie ich die Person selbst einschätze.

›Du hast  Uroma lange nicht mehr gesehen. Letztes mal saßen wir draußen im Garten. Ist es okay, wenn wir uns auf die Couch setzen? Du kannst auf meinem Schoss beiben.‹ Das Erinnerungsvermögen von Kleinkindern baut sich erst auf. Das Gehirn ist damit beschäftigt Abläufe zu ordnen und den Alltag zu begreifen. Die Uroma, die Zwergnase zwei Mal im Jahr sieht, hat noch keine Priorität. Egal wie vertraut sie mir ist, Zwergnase ist sie fremd. – Wenn die Nachbarin mein Kind albernd dazu ermuntert, näher zu kommen, mein Kind aber nicht will, dann ist das okay. ›Die Nachbarin möchte dir nur Hallo sagen. Schau. Alles gut. Du brauchst nicht hingehen. Ich sehe, dass du Angst hast.‹ Nach Möglichkeit helfe ich meinem Kind sich vor den Fremden abzuschirmen, ohne dabei jedoch einen Keil zwischen sie und den Fremden zu treiben. Ich gehe zum Beispiel zwei Stufen weiter hoch, um Zwergnase vor dem direkten Kontakt zu schützen, rede aber trotzdem in Ruhe mit der Nachbarin im Hausflur weiter. Ich halte den Körperkontakt zu Zwergnase, den sie in diesem Moment braucht, zeige ihr durch meine Interaktion mit den Fremden aber, dass es okay ist. Es ist okay, dass sie fremdelt. Es ist aber genauso okay, dass ich mit der Nachbarin spreche und wir bei Uroma Kaffe trinken. Ich bitte Freunde auch nicht, unsere Wohnung wieder zu verlassen, wenn mein Kind weint. Ich beruhige und begleite Zwergnase, spreche mit ihr, gehe mit ihr wenn nötig vorübergehend in ihr Zimmer, in dem sie zur Ruhe kommen kann und sich beschäftigt, lasse aber die Tür bewusst offen und widme mich sobald wieder möglich meinen Gästen. Es ist okay, dass sie zu Besuch sind. Ich wäre nicht glücklich, würden sie gehen.

Weder provoziere ich den Kontakt mit Fremden, noch vermeide ich ihn. Ich suche den Mittelweg. Was für mich heißt: Ihre Angst Ernst nehmen, Erklären und mein Kind vor Übergriffen schützen, aber ihr die Möglichkeit geben, selber (!) den Kontakt zu knüpfen.

Es ist nicht immer einfach die kindliche Angst und alltägliche Abläufe in Balance zu halten, aber ich finde es wichtig es zu versuchen.  Als Mutter bin ich der ruhige Pol meines Kindes, an dem sie sich orientiert und an dem sie Emotionen und Reaktionen abliest. Verfallen wir in Unsicherheit, steigert sich auch die Angst unserer Kinder. Nehmen wir aber ihre Angst an, ohne sie klein zu machen, und vermitteln trotzdem, dass der Auslöser der Angst FÜR UNS nicht bedrohlich ist, leben wir unseren Kindern damit vor, dass sie ihre Angst ablegen dürfen – anstatt sie nur dazu aufzufordern.

Wie bei der Frustbegleitung, finde ich es auch im Umgang mit der kindlichen Angst Kommunikation im Allgemeinen und die Verbalisierung im Speziellen sehr wichtig. Ein Wort für das zu haben, was uns Angst macht, dadurch eine Bedeutung und Funktion zu begreifen, einen Zusammenhang mit der Welt zu sehen, alles das erleichtert die Angstüberwindung. Da bin ich mir sicher.

Angst Vor lauten Geräuschen: Guck Mal Dort

Meine Tochter hat fürchterliche Angst vor lauten, nicht zuordenbaren Geräuschen.

Das fing schon sehr früh an. Als sie etwa ein halbes Jahr war, entwickelte sie eine Angst vor allen Dingen, die laut knisterten und raschelten. Alufolie. Tüten. Müllbeutel. Zeitungspapier. Wenn wir etwas davon brauchten, achteten wir darauf, dass einer beim Kind sein konnte, um sie zu beruhigen und ihr zu erklären, was passierte. Je mehr Zwergnase die FUNKTION der Dinge verstand, desto weniger wurde ihre Angst. Bald half sie von sich aus, Tüten auszupacken, und spätestens nach ihrem ersten Geburtstag und Weihnachten wusste sie, dass sich unter Geschenkpapier etwas richtig tolles verbirgt. Inzwischen macht Knistern richtig Laune.

Die Angst hat sich allerdings auf ein anderes Geräusch verlagert: Motoren und motorenähnliche Geräusche. Sei es ein Auto, Motorräder, der Rasenmäher, nahe Flugzeuge, der Föhn oder manchmal auch schon der durch die Bäume brausende Wind. Zwergnase findet diese Dinge gleichermaßen interessant und erschreckend. Schaut hin, aber fürchtet sich, schreit und klammert.

Auslöser ist ein TRAUMA.

Meine Tochter stand Anfang des Jahres auf der Wiese vor dem Haus, als ein Motorrad mit heulendem Motor in die Einfahrt gebraust kam. Aus ihrer Perspektive raste es frontal auf sie zu, sie wusste natürlich nicht, dass das Motorrad auf dem Parkplatz halten würde und sie nicht einen Moment in Gefahr war. Zwergnase rannte also panisch auf mich zu, stolperte, fiel hin und schrie. Mit dem lauten Motorengeräusch verbindet sie seitdem Gefahr und Schmerzen. Richtig blöd gelaufen.

Die ersten Monate waren sehr schlimm. Absolut jedes Motoren(ähnliche)Geräusch, selbst wenn es noch so leise war, brachte sie in absolute Aufruhr. Inzwischen hat sich die Lage wieder etwas entspannt, aber Zwergnase erschrickt noch immer und bei außergewöhnlich lauten oder abrupten Motorengeräuschen klammert sie sich immer noch panisch fest.

Alles was ich tun kann, ist ihre Angst anzunehmen, ernst zu nehmen und zu begleiten. Ich benenne ihr die Geräuschquellen, suche mit ihr wenn möglich danach und zeige sie ihr. Zusammen schauen wir dann vom Balkon runter auf die Wiese. ›Da ist der Rasenmäher wieder. Der ist aber ganz schön laut heute. Macht dir das Angst? Sollen wir zuschauen, oder willst du lieber wieder rein gehen?‹ Wenn es Zwergnase gelingt, die Geräuschquelle selber ausfindig zu machen, etwa ein Flugzeug am Himmel oder ein Bus, der um die Ecke sollt, dann zeigt sie inzwischen immer häufiger selber darauf und kommentiert ihren Fund stolz mit einem ›Da‹, statt ängstlich hoch auf den Arm zu wollen und ihr Gesicht an meiner Schulter zu verstecken.

Bei Motorrädern allerdings braucht Zwergnase meistens noch unseren Schutz, was mit ihrem Erlebnis zusammenhängen wird. Das Macht Spaziergänge an stark befahrenen Straßen ziemlich anstrengend. Und einen Spielplatz, der direkt an der Straße liegt, brauche ich eigentlich nicht ansteuern. Es ist okay. Ich lasse ihr Zeit. Sie wird darüber hinweg kommen und ihre Angst nach und nach verlieren. Vermutlich wird sie als erwachsene Frau keiner Motorradgang beitreten. Aber wer weiß das schon.

Ich nehme sie in den Arm und halte sie fest. ›Schau ein Motorrad. Wie schnell es ist. Schon wieder weg. Hast du dich erschrocken?‹ Ich erkläre ihr, dass uns auf dem Gehweg nichts passieren kann und dass die Autos und Motorräder auf der Straße fahren. In diesem Sinne hat ihre Angst vielleicht sogar einen kleinen Nutzen, denn se ist tatsächlich nicht unbegründet. Auch nicht aus Erwachsenen Perspektive. Fahrzeuge können gefährlich sein. Es wäre fatal, ihr diese Angst auszureden.

Angst Vor Wasser: Katzenwäsche, Schaumbad Und Unter Wasser Gesetzte Badezimmer

Eine Angst, die wir erfolgreich besiegen konnten, ist die Angst vor Wasser.

Zwergnase liebte baden anfangs. Seit sie sitzen konnte, badete sie alleine in der großen Wanne, planschte und freute sich schon, sobald das Wasser einlief. Nur Haare waschen mochte sie nie, aber das hatten wir schon auf das Nötigste reduziert. Von einem Tag auf den anderen schlug ihre Freude am Baden jedoch schlagartig in blanke Furcht um. Ich weiß bis heute nicht warum. Die Temperatur und die Abläufe waren wie immer. Trotzdem strampelte sich mein Kind völlig unerwartet aus dem Wasser hoch, beim Versuch sie in die Wanne zu setzen und klammerte sich panisch an mir fest. Nichts half. Sie beruhigte sich erst, als das Wasser ablief und ich sie anzog. Auch Planschen am Waschbecken war plötzlich unmöglich.

Diese Phase fiel mir unheimlich schwer. Ich fühlte mich hilflos. Nicht weil ich mir Sorgen um ihre Körperhygiene machte, das war alles tragbar und lösbar, aber der Spaß, den sie sonst immer beim Baden hatte, fehlte mir. Es tat mir Leid. Ich wusste nicht, was los war und wusste auch nicht, wie ich ihre helfen konnte. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt mehr als jemals zuvor gewünscht, dass sie schon mehr sprechen könnte. Wenigstens ein kleiner Hinweis.

So machtlos ich war, gleichzeitig wusste ich nämlich, dass nur wir ihr helfen konnten, ihre Angst wieder zu verlieren.

Woher auch immer die Angst kam, sie war da und echt. Ich bot meiner Tochter nun völlig zwanglos immer mal wieder ihren mit etwas Wasser und Badespielzeug gefüllten Waschbeckeneinhang an der Wanne an. Blieb sie im Badezimmer, planschte ich ein wenig mit ihr darin, zeigte ihr, wie das Wasser plätschert. Sie schaute zu, machte manchmal sogar wieder mit. In die Badewanne mochte sie aber  immer noch nicht, wenn wir es zu den üblichen Zeiten versuchten. Wir nahmen es hin und machten stattdessen einige wochenlang nur noch Katzenwäsche mit dem feuchten Waschlappen beim abendlichen Wickeln.

Als wir feststellten, dass die spielerischen Versuche zwar immer mehr angenommen wurden, ihr die Angst vorm Wasser -Oder war es die Badewanne?- aber nicht nahmen, sondern sie immer noch panisch schrie und strampelte, bis das Wasser aus der Badewanne wieder ablief, sie inzwischen sogar schon flüchtete, wenn ich ihr das Baden ankündigte, änderten wir die Taktik. Wir ließen es einfach sein. Wir ließen unsere Erwartungen los.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt hörten wir auf mit festen Ritualen und einigermaßen eingependelten Rhythmen zu leben. Auch in anderen Bereichen lösten wir uns nach und nach immer mehr davon. Inzwischen haben wir tatsächlich keine festen Rhythmen und Rituale mehr, und ich bin sehr froh darüber, dieses erzieherische Dogma hinter uns gelassen zu haben. Es geht ohne. Und es ist überhaupt nicht chaotisch.

Baden gehörte nun nicht mehr zweimal die Woche zu unserem Alltag, den wir irgendwie drin behalten wollten. Warum eigentlich? Wir boten ihr das Wasser nun nicht mehr aktiv an, wir hörten einfach auf Zwergnase, ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse.

Wir wuschen sie weiterhin mit dem Waschlappen, wenn nötig. Plantschten gelegentlich am Waschbecken beim Zähneputzen oder in der Spüle mit Bechern, während Mama kochte. Und: Wir fingen an, ihr zu ZEIGEN, dass Baden saucool sein kann, indem wir nun einfach selber badeten. Uns war nämlich aufgefallen, dass wir, seit Zwergnase alleine badete, selber nicht mehr in ihrer Anwesenheit in der Badewanne gesessen hatten. Es war so simpel, und so effektiv: Ich badete. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Zwergnase ins Badezimmer lugte, und schon stand sie neugierig am Wannenrand. So ging es ein paar Wochen. Manchmal wollte sie einen Becher und kippte Wasser in ihr Töpfchen. Schließlich kam der Moment, als sie sich in die Badewanne heben ließ. Die ersten Male stand sie nur mit den Füßen in der Wanne. Mit einem Waschlappen durfte ich sie dabei ein Bisschen abwaschen. Nur so viel, wie sie mochte. Irgendwann setzte sie sich einfach hin, nahm ihre Schildkröte und planschte. Von da an war die Angst besiegt.

Wir haben es beibehalten, nur noch gemeinsam zu baden obwohl Zwergnase sicher auch wieder alleine ihren Spaß hätte. Aber: Zusammen macht viel mehr Spaß. Besonders mit ganz viel Schaum, buntem Badewasser und einem Haufen Bechern. Haare waschen funktioniert übrigens auch immer besser.

Kindliche Ängste können manchmal extrem überraschend auftreten, und manchmal scheinen sie genauso plötzlich wieder vergessen. Diese Sprunghaftigkeit und die Gewissheit, dass kindliche Ängste vergehen, verleitet dazu, kindliche Ängste kleinzureden. Wir dürfen mMn aber nicht vergessen, dass trotzdem echte Gründe dahinter stecken, auch dann, wenn wir die genaue Ursache nicht ergründen oder nicht nachvollziehen können. Dein Kind hat Angst. Es braucht Schutz und Hilfe. Es braucht Dich.

Ich weiß nicht, warum meine Tochter plötzlich Angst vorm Baden hatte, aber zusammen haben wir es geschafft, die Angst zu besiegen. Mit Geduld, Verständnis und Vertrauen. Und dem Mut anerzogene Muster loszulassen. Im Grunde hat die Angst meiner Tochter uns einen riesen Schritt vorwärts gebracht.

Geduld, Verständnis und Das Loslassen Von Erwartungen

Wenn dein Kind Angst hat und ich dir einen Rat geben darf, dann ist es dieser: Nimm dein Kind einfach ernst. Versuche, die Angst mit seinen Augen zu sehen. Und Versuche, Ruhe auszustrahlen. Echte Ruhe.

Wenn du Angst hast, dass dein Kind Angst hat, und wenn du ganz bestimmte Erwartungen an dein Kind hast, dann bist du nicht ruhig. Dann bist du angespannt. Und dann ist dein Kind es auch. Hör auf, darauf zu spekulieren, dass dein Kind keine Angst mehr hat, weil du es jetzt schon drei Mal zu ihm gesagt hast. Lass deine Erwartungen los. Hab Verständnis dafür, dass dein Kind nicht versteht, warum es ›keine Angst haben braucht‹, und hilf ihm stattdessen, es Stück für Stück zu verstehen.

Verstehen ist der Schlüssel, um Ängste zu besiegen.

Und wenn die Angst sich nicht besiegen lässt? Dann akzeptiere die Angst als einen Teil deines Kindes und finde Wege, das Leben mit der Angst erträglich zu machen. Ein Kind, dass die Angst vor der Dunkelheit nicht loswird, das kann auch im Teenageralter noch mit Nachtlicht schlafen.

Ein Problem ist das nur, wenn DU eines daraus machst. Es ist okay. Der Fehler liegt NIEMALS bei demjenigen, der Angst hat. Sondern stets bei denen, die die Angst nicht akzeptieren können. Xx Fiona

Von Verboten, Etiketten Und Fehlendem Vertrauen: Eine Spielplatzanekdote

Endlich kommt die Sonne raus. Die Leute haben wieder gute Laune, Sonnenhüte auf dem Kopf und ein Lächeln im Gesicht. Und das Beste: Die Spielplatzsaison ist nun richtig eröffnet. Ich liebe es, mit Zwergnase den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz zu verbringen. Wir picknicken auf der Wiese, schaukeln, rutschen, buddeln und bauen stundenlang im Sand.

Das macht wahnsinnig Spaß und ist mMn eine der schönen Seiten am Mama Sein. Ich habe hier (fast) keine Verpflichtungen und kann selber wieder etwas Kind Sein.

Moratorium Spielplatz

Ein altersgerechter (!) Spielplatz ist der perfekte RAUM, um Kinder selbstständig entdecken, toben und Sozialverhalten testen zu lassen. Das geht am besten ohne Eltern. In Gedanken versunken im Fantasiespiel. Die Spielgeräte werden ein Abenteuerpfad. Dein Kind und seine Spielgefährten zu Superhelden, Bauarbeiter, Trickfilmfiguren und natürlich zu drachenbekämpfende Prinzessinnen.

Wenn wir als Eltern unsere jüngeren Kinder (noch) begleiten, dann können wir uns  ohne schlechtes Gewissen auch ein Stück fallen lassen, und mit unseren Kindern in die Spielplatzblase eintauchen. Nichts ist schlimmer, als Eltern, die versteift auf der Parkbank sitzen und ihren Kleinkindern Anweisungen zubrüllen, statt in ihr Spiel einzustimmen.

Natürlich bin ich  auch auf dem Spielplatz weiterhin in der Verantwortung auf mein Kind zu schauen, versteht mich jetzt nicht falsch. Ich achte natürlich darauf, dass Zwergnase sich nicht verletzt, fremde Spielzeuge nicht unauffindbar verbuddelt und die Rutsche wenn nötig frei macht. Aber ich persönlich empfinde exclusive Spielplatzzeit sehr viel angenehmer als zB. Beschäftigungen zuhause, Restaurantbesuch und Familientreffen. Hier kann ich auch einfach mal ein paar Minuten abschalten, die Sonne genießen und meiner Tochter entspannt zugucken.

Leider erlebe ich immer wieder Eltern, die ihren Kindern den Spielplatzzauber nehmen. Eltern, die ihre Kinder umherscheuchen und ausschimpfen. Eltern, die ihre Kinder in den unmöglichsten Situationen daran erinnern die Jacke zuzumachen und nicht wollen, dass sie die Schuhe ausziehen. Eltern, die ihren Kindern permanent drohen, wenn sie nicht funktionieren, und damit einen wahnsinnigen Druck aufbauen, statt ihnen wenigstens hier Freiraum für sich selbst zu geben. Ich möchte nicht in der Haut dieser Kinder stecken.

Natürlich trifft das unabhängig von der erzieherischen Einstellung nicht auf alle Eltern zu. Auch der strengste Papa der Welt kann ganz cool im Sand sitzen und seinen Sohn machen lassen; einfach weil es ein Spielplatz ist.

Viel zu oft beobachte ich aber leider unnötige Wut, Stigmata, ernsthaft dusselige Verbote und fehlendes Vertrauen. Kinder werden als Raufbolden, Angsthasen und Egoisten hingestellt. Beinahe jeden Spielplatztag, treffe ich auf Eltern, die ihr Kind vorsorglich mit hochgezogener Augenbraue darauf hinweisen, Zwergnase auf keinen Fall weh zu tun, ihr nicht die Schaufel an den Kopf zu hauen, sie nicht zu treten, nicht zu spucken, nicht ihre Förmchen wegzunehmen. Was Floskelhaft über die Lippen geht, sind für Kinder schnell festgesetzte Stigmata. Etiketten, die einfach angenommen werden. Erwartungen, die Eltern ihren Kindern vermitteln, sie damit frustrieren, anstatt ihnen vertrauen zu schenken. Wenn dein Partner dir jeden Vormittag vorm Kochen mitteilt, dass du das Essen nicht scharf würzen sollst, dann fühlst du dich vermutlich nach ein paar Tagen nicht mehr wohl damit. Du empfindest, dass dein Partner ERWARTET, dass du zu scharf würzt und fühlst dich schlecht. Du bist frustriert und nicht mehr kooperativ. Nun stell dir also vor, wie dein Kind sich fühlen muss, wenn du ihm bei jedem Spielplatzbesuch wieder sagst, was es nicht tun soll. Irgendwie nicht sehr cool.

Und dabei soll der Spielplatz doch ein Raum zu Selbstfindung sein. Ich glaube, gerade in den ersten Lebensjahren ist der heimische Spielplatz neben eventueller Betreuungseinrichtungen und natürlich den eigenen vier Wänden der zentralste Ort der ICHWerdung.

Wie Eine Handvoll Sand Eltern An Ihre Grenzen Bringt

Zwergnase quiekt schon, wenn sie den Spielplatz vom Weiten sieht. Wir parken den Buggy, ich schnappe mir den Beutel mit den Sandspielsachen und Zwergnase läuft ein Stück vor, lässt sich in den Sand plumpsen, dort wo sie buddeln möchte. Ich setze mich zu ihr. Sie schippt etwas Sand und schon wandert die Schaufel zum Mund.

Kaum Eltern kommen ums Thema Sand Essen herum. Früher oder Später wandern die meisten sandigen kleinen Hände in den Mund. Ist nicht weiter tragisch, finde ich. Zwergnase kann ohne Einwände die Schaufel ablutschen. Zu meiner eigenen Beruhigung achte ich (schon vorher) darauf, dass der Sand frei von Müll, Zigarettenstummeln und Scherben ist, schaue auf sie und bitte sie, Steine oder Zweige oder was sich sonst in den Sandkasten verirrt hat, wieder auszuspucken.

Ansonsten ist das aber inzwischen echt ok für mich. Ich musste mich auch erst von der Angst lösen, dass Sand irgendwie schädlich für den kleinen Magen sein könnte. Ist er nicht. Zwergnase geht es gut. Und seit ich ihren mit Sandmatsch panierten Keks kosten sollte, kann ich aus eigener Erfahrung versichern, dass Sand bis auf das Knatschen zwischen den Zähen gut bekömmlich ist.

Wenn mein BAUCHGEFÜHL mir aus irgendeinem Grund sagt, dass ich das Sand Essen wirklich gerade nicht weiter tolerieren kann, und ein alternatives Angebot an Essen oder Trinken ihren Appetit auf Sand ebenfalls nicht verringert, äußere ich Zwergnase meine Bedenken, unterbinde ggf. das Sand Essen (indem ich ihre Hand sanft senke, nicht festhalte), lenke sie dabei ab oder begleite ihren Frust. Kommt aber wirklich selten vor. Eher dann, wenn der Sand arg von größeren Steinen durchzogen ist, oder ich gerade nicht einschätzen kann, was dort noch alles zwischen liegt.

Während Zwergnase also genüsslich ihren Sandkuchen verputzt, ich mich zurücklehne und die Sonne auf meiner Haut genieße, höre ich neben mir die erste warnende Elternstimme: ›Sand isst man nicht‹. Der Junge ist etwa in Zwergnases Alter. Es stopft sich eine Handvoll Sand in den Mund, welcher schon im nächsten Moment von der Mutter zwischen zusammengebissenen Zähnchen herausgepult wird. Er wehrt sich und weint kurz auf. Als die Mutter ablässt, greift rbeherzt noch einmal in den Sand, was mit einem barschen ›Nein‹ kommentiert wird. Der Junge grinst beschwichtigend und will den Sand gerade in den Mund nehmen, als die Mutter seinen Arm festhält und den Sand aus den Fingern klopft. So geht das eine ganze Weile.

Ich beobachte Zwergnase, die nach der dritten Schaufel Sand den Appetit daran verloren hat und nun den Sand in ihre Förmchen kippt.

Irgendwann gibt der Junge das Sand Essen für den Moment auf und setzt sich näher zu uns. Ich ermutige ihn (Natürlich mit einem Blick auf die Reaktion meiner Tochter!) mit uns zu spielen. Noch bevor er Zwergnases Sandförmchen nimmt, höre ich die Mutter sagen: ›Aber nicht mit dem Sand werfen. Mit Sand wirft man nicht, das weißt du‹. Ich bezweifle, dass der Junge das weiß. Ich bezweifle auch, dass er den Gedanken jetzt überhaupt schon hatte. Und ich weiß selber nicht genau, warum dieser Glaubenssatz sich auf Spielplätzen so hartnäckig hält. 

Tatsächlich mag ICH es nicht, Sand in die Augen oder in meine Haare zu bekommen, ansonsten ist mir das aber ehrlich gesagt relativ egal, ob jemand Sand in meine Richtung wirft.

Die Mutter setzt sich ebenfalls zu uns und hebt bereits abschirmend die Hand, als ihr Sohn noch vertieft mit dem Förmchen buddelt. Schließlich nimmt er die Schaufel und schüttet sich den Sand erst auf die eigenen Füße, dann mit Schwung in unsere Richtung. Die Mutter schnauft: ›Nicht mit Sand werfen, habe ich gesagt‹. Ich zucke lächelnd mit den Schultern, ›Alles gut‹.

Zwergnase lässt den Sand durch ihre Finger rieseln und wirft jetzt auch damit. Ich lasse sie in Ruhe machen. Erst als sie in Richtung des anderen Kindes werfen will, halte ich meine Hand über ihre, und fange den geworfenen Sand damit ab. ›Der Junge möchte das nicht. Wirf besser hier in den Eimer‹, sage ich und halte ihr den Sandeimer hin. Ich weiß natürlich NICHT sicher, dass der Junge nicht doch freudig in die Sandschlacht einstimmen würde. Da ich aber wahrgenommen habe, dass die Eltern neben uns ihr Kind erziehen, und auf dieses Thema offenbar großen wert dabei legen, nehme ich die gesetzte Grenze an. Im Zusammenleben können wir uns niemals einfach über die Grenzen Dritter hinwegsetzen.

Mich darf Zwergnase weiterhin mit Sand bewerfen, solange ich mich nicht WIRKLICH davon gestört fühle. Solange es nur meine Beine und Arme trifft, ist das voll ok. Zielt sie auf mein Gesicht, schütze ich mich und sage ihr, dass ich das nicht möchte.

Der Junge wirft nun auch nochmal in Zwergnases Richtung. Diesmal trifft der Sand meine Tochter am Bein. Nicht wirklich tragisch. Zwergnase guckt etwas erstaunt, weint aber nicht, sondern sucht nur kurz meinen Blickkontakt. Ich lege den Kopf schief, und will sie gerade fragen, wie es ihr damit geht, aber sie buddelt schon wieder weiter und ich belasse es dabei. Statt die Situation als geklärt anzunehmen, packt die Mutter ihren Sohn am Arm und schnippt plötzlich Sand auf ihn. ›Wie fühlt sich das an? Ich sage doch, du sollst nicht mit Sand werfen!‹, kommentiert sie, als ihr Kind erschrocken anfängt zu weinen.

Ich beiße mir auf die Lippe, um nichts zu sagen. Ich habe nicht das Recht einzugreifen. Es würde auch nichts ändern, das weiß ich. Die Mutter würde mir nicht zuhören.

Und ich bin nicht auf dem Spielplatz, um meine Haltung zu missionieren.

›Hörst du jetzt auf zu bocken?‹, raunt die Mutter sichtlich genervt und trägt ihren Sohn unter Gebrüll vom Spielplatz weg. ›Wenn du nicht lieb bist, gehen wir nach Hause‹. Die geschilderte Situation ist leider kein Einzelfall. Ich erlebe solche und ähnliche Reaktionen häufig. Oft sind es Kleinigkeiten, die enorme Machtausbrüche bei den Eltern auslösen. Wie ich meiner Tochter solche Situationen erkläre, wenn sie älter ist, versteht was dort passiert und nachfragt, weiß ich noch nicht.

Als sie weg sind, gebe ich Zwergnase einen Kuss auf die Stirn. ›Komm, wir spielen weiter. Sollen wir eine Sandburg bauen?‹

Diebe, Raufbolde und Bruchpiloten

Ein etwas älteres Mädchen gesellt sich nun zu uns. Noch bevor sie sich neben Zwergnase in den Sand plumpsen lässt, sagt die Mutter ihr, dass sie ›lieb‹ zu meinem Kind sein soll.

Ich verstehe nicht warum viele Eltern, ihren Kindern per se böswillige Gedanken unterstellen. Das muss etwas damit zu tun haben, was wir typischerweise für Fehlverhalten von unseren Kindern ERWARTEN. Und mit unserer ANGST, was andere von unseren Kindern denken, wenn sie FALSCH handeln. Solange wir diese Erwartungen und Ängste haben, können wir nicht bedingungslos vertrauen. Wir können dann nicht loslassen und unseren Kindern die Kontrolle überlassen, sondern müssen präventiv eingreifen. In manchen Situationen ist diese elterliche Unsicherheit sicher angebracht, oft artet sie aber zu einem Automatismus aus. Dann ist da überhaupt keine echte Angst mehr, du ermahnst dein Kind nur, weil man das eben so macht. Weil die Erwartung da ist.

Meine Tochter fremdelt im ersten Augenblick, was die Mutter nochmal darin bestärkt ihr Kind zu ermahnen, sich Zwergnase nicht grob zu nähern, obwohl überhaupt nichts passiert.

Zwergnase kommt auf meinen Schoß, entspannt sich nach ein paar Minuten und reicht dem Mädchen ihr Sieb. Nach ein paar Minuten Sand Buddeln springt das Mädchen auf. Genauso plötzlich, wie sie sich zu uns gesellt hat, will sie weiter ziehen. Unser Sieb hält sie noch in der Hand. Kaum macht das Mädchen auf dem Absatz kehrt, hält die Mutter sie am Arm fest und nimmt ihr das Sieb grob ab. Mit einem gepressten ›aua‹ reißt das Mädchen sich von der Mutter los, die nochmal mit erhobenem Finger den Kopf schüttelt: ›Das gehört dir nicht. Man nimmt fremde Sachen nicht einfach mit. Das habe ich dir schon tausendmal gesagt‹. Die Aussage hat sicher einen wahren Kern, aber es geht auch weniger grob. Statt das Kind zu ermahnen, kann ich auch versuchen seine Perspektive zu verstehen. Spielzeug mopsende Kinder auf dem Spielplatz sind keine kleinen Diebe, und sie werden mit ziemlicher Sicherheit auch zu keinen. Im Eifer vergessen Kinder schon mal, was sie da gerade in der Hand halten, und können Besitzverhältnisse im Kleinkindalter vorerst auch noch überhaupt nicht richtig einordnen. Es kommt häufig vor, dass ein Kind im Spiel Zwergnases Sachen nimmt. Ich gehe dann hin, wenn ich die Situation nicht anders einschätzen oder mit den Eltern Blickkontakt aufbauen kann, und bitte einfach nach dem gemopsten Teil. Gab noch nie Probleme. Alle Kinder geben die Förmchen wieder her. Eine kurze Absprache zwischen der Mutter und mir hätte in dem Alter unserer Kinder also völlig ausgereicht, um die Situation abzuwägen. Das Mädchen hätte das Sieb ruhig ein Stück mitnehmen können, nicht tragisch, solange die Mutter ein Auge auf den Verbleib wirft und wir es später zurückbekommen; oder mein Kind nicht gerade danach verlangt. ›Entschuldigung‹ sagt die Mutter stattdessen und gibt mir das Sieb zurück.

Zwergnase steht auf und läuft zum Klettergerüst. Ich setze mich einen Meter weiter in den Sand, lasse sie die Seile erkunden und erste Versuche wagen, daran hoch zu kommen. Klappt noch nicht. Sie nimmt den Sonnenhut ab und spielt ohne weiter. Ab und zu schaut sie rüber. Als sie mir die Hände entgegenstreckt, gehe ich zu ihr, sammle den Hut auf und stecke ihn für die nächsten paar Minuten in die Tasche.

Schräg über Zwergnase baumelt ein Junge in den Seilen. Er schwingt sich etwas hin und her. Der Vater, der ihn mit einer Hand absichert, sagt ihm in einem ziemlich harten Tonfall, dass ›Er jetzt nicht auf dumme Ideen kommen soll‹. Ich antworte beschwichtigend mit einem ›Alles Gut‹, worauf ich ein ›Nein Nein. Das muss er lernen. Er ist so ein Raufbold. Nur Unsinn im Kopf‹ zurückbekomme. Ich zucke mit den Schultern.

Was genau soll der Junge in diesem Moment lernen? Rücksicht? Vermutlich. Vor Schuleintrittsalter ist Abstraktion selten im Bereich der möglichen Denkmuster von Kindern. Rücksicht kannst du deinem Kind also erstmal nur vorleben. Es hilft dem Jungen nicht, dass sein Vater ihn vorsorglich ermahnt. Es ist noch nichts passiert. ›Da steht ein Mädchen unter dir, hast du gesehen?‹, hätte ausgereicht um die Aufmerksamkeit des Jungen auf uns zu lenken, falls der Junge tatsächlich zu waghalsigen Sprüngen neigt. Eventuell noch ein ›Vorsicht‹ hinterherschieben. Aber davon auszugehen, dass dein Kind bewusst Dummheiten machen wird und dein Kind damit zum kleinen Teufel machen, ist nicht fair und auch nicht wirklich förderlich. Du ermunterst dein Kind im Endeffekt selbst dazu, dieses dumme Zeug zu machen, wenn du es ihm vorsichtshalber immer wieder vorhältst. Genauso funktioniert das mit der Stigmatisierung: Dein Kind nimmt das Etikett an, das du ihm aufklebst, und sei es aus noch so gut gemeinten Gründen. Vertrau deinem Kind ruhig. Und lass dein Kind ab einem gewissen Alter auch mal Situationen alleine lösen.

Vertrauen ist eine echt schwierige Sache. Vertrauen bedeutet, wie bereits erwähnt, sich von seinen Ängsten zu lösen und Dinge einfach geschehen zu lassen. Zugegeben: Mir fällt das auch nicht immer einfach. Irgendwann sind wunde Punkte erreicht, an denen auch ich eingreifen MUSS. Ich erlebe auf dem Spielplatz aber leider viele Eltern, die wirklich zu viel Angst haben, vor dem, was ihre Kinder anstellen könnten, was ihnen passieren könnte, und was andere Eltern dann denken, und ihnen aufgrund der eigenen Befürchtungen dann nicht mehr die Möglichkeit geben, sich frei auszuprobieren.

Zwergnase stapft weiter zur Rutsche. Ich setze ihr beim Laufen den Sonnenhut wieder auf den Kopf.

Die Kleinkindrutsche ist über eine einfache angeschrägte Leiter mit drei Tritten zu erreichen. Meine Tochter klettert da mittlerweile problemlos alleine hoch. Am Anfang habe ich ihr geholfen, ihren Popo gestützt, sie im Rücken gehalten und ihr gezeigt, wo sie sich festhalten und wo sie auftreten soll.

Zwergnase stellt sich also an und wartet, bis die anderen Kinder oben sind. Zwei Kinder in Zwergnases Alter werden kommentarlos hochgehoben, ein Drittes läuft völlig unbeholfen an den Händen von Papa die Stufen rauf. Ich kann mir ein Stirnrunzeln bei dem Anblick nicht verkneifen und frage mich ernsthaft, wie das Kind die richtige Bewegungsabfolge herausfinden soll. Hinter uns erklärt eine Mutter ihrer kreischend auf die Leiter zeigenden Tochter, dass das ›nichts für sie ist. Du bist noch zu klein. Und du bist immer so wild, da fällst du sowieso nur runter‹. Stattdessen hebt sie ihr Kind direkt vorne auf die Rutsche. Optisch schaut das Mädchen nicht viel jünger aus als Zwergnase und auch motorisch bin ich mir ziemlich sicher, dass sie es mit etwas Hilfe alleine geschafft hätte. Zumindest hätte sie es ausprobieren können.

Wir haben damals minutenlang die Leiter blockiert, bis sie das erste Mal alleine oben stand. Das gehört eben dazu.

Ich würde lügen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich meine Tochter nie auf die Rutsche gesetzt hätte, bevor sie es alleine konnte, aber ich habe ihr immer die Möglichkeit gegeben, es zuerst alleine zu probieren.

Und dann gibt es da noch die Eltern, die ihre Kinder anstacheln und Ängste nicht ernst genug nehmen. Zwergnase krabbelt über die Holzbrücke zur Rutsche. Rechts geht eine Hängebrücke ab, auf der ein Mädchen weinend steht und sich festklammert. Der Vater lacht: ›Stell dich nicht so an, du bist doch schon groß‹. Zwergnase rutscht und rennt weiter, so dass ich das Drama nicht weiter beobachten kann. Aus dem Augenwinkel sehe ich nur noch, dass der Vater seine Tochter irgendwann doch retten geht.

Dreckige Kinder Und Lachende Kinder Sind Glückliche Kinder

Neben dem Sandkasten ist der Wasserspielplatz. Bei sonnigem Wetter DAS Highlight. Ich ziehe Zwergnase die Schuhe aus, sie wandert durch den Wasserlauf und steuert das Matschbecken an.

Du glaubst vermutlich, genau wie ich vor diesem Frühling, dass Eltern, die ihre Kinder ohne matschtaugliche Sachen auf den Spielplatz schicken, längst ausgestorben sind. Ich muss dich leider enttäuschen. Zumindest hier höre ich immer und immer wieder ›Mach dich nicht dreckig‹ aus dem Off. Eltern sitzen auf der Wiese rund um das große Wasser Sand Gematsche herum, rufen ihren Kindern zu, wen sie alles nicht mit welchen Utensilien nass machen, und welche Kleidungsstücke sie an oder ausziehen sollen, und welches Matschbecken sie bitte meiden, weil es dort viel zu dreckig ist.

Ich werfe mich auch nicht für mein Leben gerne ins Getümmel, aber ich vermiese Zwergnase das deswegen nicht. Ich matsche auch mit, wenn sie das möchte. Es sind am Ende nur Wasser und Sand. Es tut nicht weh. Wir matschen also ein bisschen. Zwergnase setzt sich ins Wasserbecken, was mindestens drei Mütter mitleidig belächeln. Sie bekommt, bevor wir gehen, eine neue Windel um, und in den Buggy lege ich ihr Pucktuch. Alles kein Problem. Mitleid ist nicht nötig. Zwergnase füll ihren Eimer mit Wasser und kippt ihn mir über die (ebenfalls nackten) Füße. Sie patscht mit den Händen ins Wasser und freut sich, dass es hochspritzt.

Nach einer Weile, will Zwergnase weiter. Auf ihren Wunsch hin, gibt es nun erstmal einen Keks. Ich kündige ihr dabei bereits an, dass wir bald gehen wollen.

Als nächstes zeigt Zwergnase zur Babyschaukel, die gerade frei ist. Aufmerksames Baby, denke ich und nehme sie hoch. Ich setze sie in die Schaukel, schubse sie an und Zwergnase lacht. Neben uns auf die zweite freie Schaukel klettert ein älteres Mädchen und ruft ihren Papa. Der kommt zwar sofort angelaufen, sagt ihr aber gleich, dass sie ›alleine schaukeln soll‹. Er zeigt ihr ein paar Mal die Beinbewegungen und schubst an. Soweit, so gut. Das Mädchen kriegt es allerdings nicht hin. Ein paar Mal versucht sie es, was ich schon bemerkenswert finde. Sie bittet ihren Papa, sie nochmal anzuschubsen. Der Vater schüttelt den Kopf und verschränkt die Arme: ›Du bist alt genug. Beine vor. Beine zurück. Du gibst dir ja gar keine Mühe‹. Das Mädchen schaut traurig, beteuert, dass sie es versucht, aber nicht kann. Schließlich hebt der Vater sie unter Protest aus der Schaukel, als ein anderes Kind kommt. Das Mädchen tut mir Leid. Ich frage mich, was der Vater davon hat, seine Tochter bloßzustellen.

Zwergnase streckt mir inzwischen ihre Hände entgegen, sie will raus aus der Schaukel. Ich frage sie, wo ihr Buggy steht und ob wir nach Hause können. Dabei sammle ich ihre Sandsachen ein. Wir gehen nochmal rutschen und machen einen Abstecher zum Schaukeltier. Dann erinnere ich sie, dass ICH nach Hause möchte. Zwergnase läuft Richtung Buggy, daran vorbei auf die Wiese und ich nutze die Aufbruchsstimmung, ermuntere sie, Stöcke und Gänseblümchen zu sammeln oder zum nächsten Baum zu laufen. Ein paar Meter von uns entfernt wird ein Kind weinend in den Buggy geschnallt. ›Schaukeln. Einmal‹, protestiert es. Ich frage mich, ob die Mutter nicht vielleicht doch die Zeit gehabt hätte, zurück zur Schaukel zu gehen. Warum fällt es uns so schwer, den Wünschen unserer Kinder nachzugeben? Welche Befürchtung, welche Angst steckt dahinter?  Für ein Kleinkind ist es wahnsinnig schwierig, vorausschauend zu denken, wenn nicht sogar unmöglich. Kleinkinder leben in der Gegenwart. Sie wissen nicht, dass sie zum Spielplatz am nächsten Tag zurückkommen können. Und der nächste Tag ist sowieso noch unendlich weit weg. Der Moment ist verloren. Der Trennungsschmerz echt. Wenn ICH wirklich los WILL, dann nehme ich Zwergnases Frust darüber ernst und begleite ihre Wut und ihre Trauer. Niemals würde ich sie schreiend in den Buggy setzen, und sie mit dem Gesicht von mir abgekehrt weinend nach Hause schieben. Körperkontakt, Blickkontakt und Nähe sind für mich in solchen Momenten wichtig. Nimm dein Kind auf den Arm, sprich mit ihm und hilf ihm die Trauer zu überwinden. Auf lange Sicht wird das euch beiden mehr bringen.

Als wir die Wiese hinter und lassen, frage ich Zwergnase, ob sie in den Buggy möchte. Sie schüttelt den Kopf, sammelt noch einen Stock auf und läuft neben mir her bis zur Straße. Dort werde ich sie nochmal fragen.

Keine Einzelfälle

Ein ganz normaler Tag auf dem heimischen Spielplatz. Es sind leider keine Einzelfälle, ich beobachte solche Situationen ständig. Vermutlich bin ich da auch etwas Feinfühliger, einfach weil ich es nicht als selbstverständlich betrachte, so mit meinem Kind umzugehen. Das mag ich gar nicht bezweifeln.

Im Prinzip ist es für mich ok, wenn du dein Kind so in der Art behandelst, wie die Eltern, die ich erlebe. Es ist ja dein Kind. Nicht meines. Und du bist eine andere Mutter als ich es bin. Es ist DEINE Überzeugung aus der heraus du (hoffentlich) handelst. Ich mag dir jetzt auch gar nicht sagen, dass es irgendwie FALSCH ist, wie du es vielleicht machst. Es ist erstmal nur anders und es macht mich in manchen Momenten traurig. Mehr kann ich nicht beurteilen. Ich kenne ja nicht deine Geschichte, deine Erfahrungen, deine Überzeugungen, und ich weiß auch nicht, ob du nicht einfach nur einen schlechten Tag erwischt hast.

Wozu also dieser Beitrag? Weil meine Beobachtungen sich in den letzten Tagen wieder häufen, und viel zu viele Kinder auf dem Spielplatz traurig sind. Das muss nicht sein, finde ich. Also möchte ich dir einen kleinen Denkanstoß geben, dein Kind wieder Kind sein zu lassen, statt es (unbewusst) zu stigmatisieren und vorzuformen und zu ermahnen. Hab vertrauen, lass deine Ängste los und lass dich mit deinem Kind zusammen ein Stück in die Spielplatzblase fallen. Ich glaube, dass das viel erfüllender sein kann. Xx Fiona

Wutfrei Windeln Wechseln

DSC01600_bearbeitet-2Vor der Geburt deines ersten Kindes hast du dir vermutlich tausend Gedanken darüber gemacht, ob du es wohl schaffen wirst, deinem Neugeborenen die Windel in unter zehn Minuten zu wechseln. Du hast tatsächlich geglaubt, es wäre DIE Herausforderung des Elternseins, die frische Windel im richtigen Winkel unter den zarten Popo zu schieben, die zerbrechlichen Beinchen korrekt anzuheben, und die Klebestreifen akkurat gleichmäßig unter dem Bauchnabel festzumachen. Habe ich auch. Aber inzwischen kann ich darüber nur noch müde Schmunzeln.

Wickeln ist einfach, wenn die Handgriffe einmal sitzen. Routiniert abputzen, eincremen und windeln, dabei das Bäuchlein kitzeln und einen Bussi auf die Stirn drücken. Ein Bisschen Babymassage und ein Liedchen summen. Richtig schön kann das sein.

Wirklich herausfordernd wird der Windelwechsel eigentlich erst, wenn dein Baby älter wird. Das bleibt nämlich gar nicht immer zuckersüß auf dem Rücken liegen, brabbelt vor sich hin und bewundert geduldig das Mobile über dem Wickeltisch. Irgendwann fängt dein Baby an zu meckern. Machste also ein paar lustige Grimassen, das funktioniert am Anfang immer. Dann dreht dein Baby sich immer häufiger mitten im Prozedere auf den Bauch. Auch erstmal kein Problem. Drehste wieder zurück und machst noch ein paar Grimassen mehr. Spätestens wenn dein Baby dann aber so richtig mobil wird, funktioniert das nicht mehr so einfach. Plötzlich sind Robben, Krabbeln und Laufen nämlich sehr viel spannender, als Liegen. Jetzt wird sich gewehrt und gestrampelt und aktiv geflüchtet. Verständlich. Ist ja auch der Körper deines Kindes, und nicht deiner. Jetzt musst du also schauen, wie es weitergeht mit dir, deinem Kind und dem beiderseits ungeliebten Windelwechsel.

Muss Wickeln Sein? Zwischen Übergriff Und Verantwortung

Im Prinzip MUSS Wickeln tatsächlich nicht sein. Du könntest Windelfrei praktizieren, was aber sicherlich seine eigenen Vorteile und Nachteile mit sich bringt. Ich weiß nicht, ob es auf Dauer stressfreier ist, das Kind fürs Abhalten oder den Töpfchengang zu begeistern. Vermutlich nicht.

Für uns gehören Windeln zum Baby und Kleinkindalltag, wie für die meisten Eltern, einfach dazu.

›Das Kind kann nicht in der vollen Windel bleiben‹, wirst du nun sagen.

Natürlich nicht. Zwergnases Widerwille ändert nicht wirklich viel an der Notwendigkeit des Windelwechsels; oder zumindest an der Notwendigkeit eine VOLLE Windel zeitnah auszuziehen und zu entsorgen. So blöd meine Tochter das phasenweise findet, und so sehr ich das auch nachvollziehen kann, der Windelwechsel liegt im Bereich MEINER Verantwortung.

Wir sprechen hier nicht von ReinlichkeitsERZIEHUNG. Trocken werden ist ganz ihre Sache. Ihr Körper. Ihre Entscheidung. Ihr Tempo.

Aber der Windelwechsel, solange sie noch nicht trocken ist, fällt in meinen Aufgabenbereich als Mutter. Hier muss ICH begleitend regulieren, solange mein Kind die Situation nicht ausreichend abschätzen kann. Was Wickeln zu einem dieser wenigen für uns beide unangenehmen Dinge (neben zB. Anziehen und Gesicht Waschen) macht, über die meine Tochter (noch) nicht selbstbestimmt Entscheiden kann, obwohl es um ihren eigenen Körper geht.

Zwergnase kann mit ihren knapp anderthalb Jahren noch überhaupt nicht abschätzen, dass eine volle Windel ihrer Haut nichts gutes tut; dass sie davon wund werden kann, was auf Dauer zu Schmerzen führen würde. Vermeidbare Schmerzen. Die Verantwortung hier an mein Kind abzugeben, wäre  schlichtweg fahrlässig. 

Aber warum wehren unsere Kinder sich oft vehement gegen das Wickeln? Sie müssten doch eigentlich verstehen, dass wir sie damit nicht ärgern wollen und die frische Windel viel angenehmer am Popo ist? Wissen sie vermutlich. Aber darum geht es überhaupt nicht. Es ist langweilig, so auf dem Rücken zu liegen, wenn dein Kind gerade die Welt entdecken will. Es ist unangenehm, ungefragt angefasst zu werden. Außerdem fehlt ihnen das logische Verständnis und der WEITBLICK.

Meine Tochter kann noch nicht abschätzen, welche natürlichen Konsequenzen das Tragen der vollen Windel haben kann. Sie weiß nicht, dass so eine Windel nur begrenzt dich hält, und welcher Zusammenhang zwischen überquellender Windel, seufzender Mama und der einlaufenden Badewanne besteht. Darüber hinaus besitzt sie auch (noch) kein Ekelempfinden, im selben Umfang wie wir: Aus der Perspektive eines Kleinkindes gehören ihre Ausscheidungen ganz selbstverständlich zu ihr und ihrem Körper dazu. Es kommt zwar vor, dass meiner Tochter der Windelinhalt selber stört, aber das ist nicht die Regel und entwickelt sich erst allmählich. Den Wunsch nach einer neuen Windel äußert sie von sich aus bisher nur selten.

Spätestens, wenn es unangenehm riecht, möchte ICH die volle Windel aber loswerden, und damit auch MEINEM Bedürfnis nach Hygiene und Wohlbefinden nachkommen. Das ist mMn durchaus auch ein wichtiger Punkt. Ich möchte meinem Kind die Windel wechseln, weil ICH mich damit besser fühle. Wenn ich mir hierin klar bin, dann kann ich meinem Kind das auch vermitteln: ›Dich stört die Windel gerade nicht, das ist ok, aber mich stört es. Ich möchte dich wickeln. Mir geht es damit besser.‹

Den Windelwechsel mache ich also in ihrem und in meinem Sinne so regelmäßig wie möglich. Insbesondere in vier Situationen: Morgens nach dem Aufstehen und Abends vorm Schlafen (da Zwergnase idR. durchschläft), nach Stuhlgang und, wenn eine weitere Wickelmöglichkeit (unterwegs) vorerst nicht absehbar ist. In anderen Situationen, wenn ich etwa aus Routine eine neue Windel anbiete, nehme ich auch ihr Nein an. Ich finde es wichtig, ihr zumindest einen Spielraum an Entscheidungsgewalt einzuräumen.

Das Dilemma ist nämlich Folgendes:

Windelwechseln ist ein richtig krasser Übergriff, wenn dein Kind nicht mag. Du fasst den kleinen Körper an und durchbrichst damit eine körperliche Grenze, die du bei anderen Menschen niemals übertreten würdest. Mach dir das bitte kurz bewusst. Wenn dein Kind lieber nicht angefasst werden will, du es aber trotzdem tun musst, dann spielst du deine MACHT deinem Kind gegenüber brutal aus. Das ist gemein, egal wie selbstverständlich uns das an manchen Tagen von der Hand geht. Ich mache mir das immer wieder, wenn es zu so einem krassen Moment kommt, selber klar. Und: Ich sage ihr das auch. ›Ich weiß, dass du das jetzt nicht magst. Das ist blöd von mir. Es tut mir Leid.‹ Ich tue das echt nicht gerne, das kann meine Tochter ruhig wissen. Ich sehe es auch nicht nach der Manier, dass meine Tochter da ›nun mal durch müsse und sich nicht so anstellen soll‹.

Im Gegenteil: Ihre Wut darüber nehme ich absolut ernst. Zwergnase soll auf keinen Fall annehmen, dass es okay sei, wenn jemand gegen ihren Willen ihren Körper anfasst. Sie SOLL das schlimm finden, schreien und zubeißen, wenn da mit ihrem Körper etwas gegen ihren Willen passiert.

Nun ist Wut beim Wickeln aber nicht unbedingt das, was ich für unsere Alltagsroutine anstrebe. Lieber ist es mir, wenn mein Kind kooperiert.

Grundsätzlich vermeide ich jede Form von körperliche Gewalt. Ich wickle nicht unter schreien und halte mein Kind niemals dabei fest. Was mir bleibt: Das Wickeln so angenehm wie möglich gestalten, damit Zwergnase freiwillig mitmacht. Die Faustregel: Ich passe mich meinem Kind an. Nicht mein Kind mir. Kooperation bedeutet nämlich Geben und Nehmen: Du kannst nicht erwarten, dass dein Kind mitmacht, wenn du nicht auch auf dein Kind eingehst. Wenn du also schon entscheidest, dass DU regelmäßig wickeln willst, egal was es darüber denkt, dann sollte dein Kind die Möglichkeit bekommen darüber MITzubestimmen: Den genauen Zeitpunkt, den Ort, die Position, und das Spielzeug, mit dem es sich eventuell ablenkt. Leuchtet ein, oder?

Vom Wickeln Im Stehen Und Digitalen Geheimwaffen

Ein Erfahrungsbericht.

Mit neun Monaten ist Zwergnase vom Wickeltisch auf den Boden umgezogen. Zu diesem Zeitpunkt fing sie an zu robben und sich hinzusetzen. Der Umzug auf den Boden hatte einen enormen Vorteil: Wir liefen nicht mehr Gefahr, dass sie herunterfällt. Der Nachteil: Sie erkannte relativ schnell, dass sie nun jederzeit flüchten konnte.

Eine Zeit lang ließ meine Tochter sich allerdings noch ziemlich gut ablenken.

Sobald der Windelwechsel nötig wurde, konnte ich ihr etwas Spannendes in die Hand drücken (zB. den Haustürschlüssel, ein paar Feuchttücher oder die verschlossene Cremetube), sie hinlegen und wickeln. Wenn Zwergnase unruhig wurde, sich wehrte oder meckerte, unterbrach ich das Wickeln. Stattdessen gab es erstmal ein Küsschen. Ein bisschen kitzeln und Quatsch machen. Nach ein Bisschen Bespaßung, war sie oft für  die letzten Wickelhandgriffe wieder offen.

Einige Wochen waren unsere absoluten Geheimwaffen Bücher. Zwergnase konnte darin schon früh ohne Hilfe blättern. Ich erzählte ihr ihre Lieblingsgeschichten auswendig, während sie die Bilder anguckte. Für die Länge einer Geschichte konnte ich so in Ruhe wickeln. Unterwegs half uns das ebenfalls eine Zeit lang: Auch ohne Buch in der Hand, hielt sie das Erzählen der Geschichten von Häschen, Teddy und Ente ein paar Minuten bei Laune.

Manchmal erzähle ich ihr die Geschichten heute noch. Es funktioniert, aber es gehört nicht mehr zu ihrer und meiner Wickelroutine dazu: Wenn wir echte Lösungen suchen und in Beziehung zueinander bleiben wollen, statt starre Muster abzuspielen, müssen wir uns immer etwas neues einfallen lassen, sobald Bedürfnisse sich ändern.

Zwergnase fing an mit Hochziehen und richtig schnellem Krabbeln. Die ersten Schritte kamen dazu. Die Welt wurde spannend. Auf dem Rücken liegen uncool. Sie fing nun bereits an zu weinen, sobald ich sie hinlegen wollte. Ablenkung alleine half nicht mehr, es war die Gesamtsituation, die sie unglücklich machte.

Also hörte ich auf, sie zu einem von MIR WILLKÜRLICH festgelegten Zeitpunkt zu wickeln. Ich fing an, meiner Tochter bewusst anzukündigen, dass ich sie wickeln wollte und erstmal ihre Reaktion abzuwarten. Heute schüttelt sie oft einfach den Kopf oder sie stapft voran und bringt sich in Position. Solche Reaktionen darfst du natürlich nicht von Anfang an erwarten. Das kommt mit der Zeit. Anfangs habe ich die Windel geholt, sie ihr gezeigt und alles bereit gelegt, damit sie sich einfach erstmal darauf einstellen konnte.

Nach Möglichkeit vermied ich es, Zwergnase aus ihrem Spiel herauszureißen. Babys und Kleinkindern fällt es schwierig, sich aus einer Situation plötzlich heraus zu lösen und in eine Neue hineinzukommen. Der Übergang gelingt ihnen kognitiv noch nicht reibungslos. Die Folge: Verwirrung und Frust. Dein Kind weiß nicht, dass es nach dem Wickeln weiterspielen kann. Für dein Kind ist der Moment einfach verloren. Nun, da Zwergnase sich immer intensiver mit ihrer Umwelt beschäftigte, achtete ich also darauf, WANN ich sie mit MEINEM Wunsch, sie zu wickeln, konfrontierte. Wenn ich den richtigen Moment abwartete, durfte ich sie in der Regel ohne Gegenwehr nehmen, konnte sie hinlegen und sie mit alt bewährter Methode (Ablenkung) wickeln.

In den letzten Zügen krabbelte oder stolperte meine Tochter meistens davon. Ich lernte schnell, die Windel beim Krabbeln zu schließen. Mit etwas Übung funktioniert das. Ist außerdem immer noch deutlich entspannter, als ein schreiendes Kind unter Protest zurück auf die Wickelunterlage zu ziehen. Davon hat niemand etwas. Mal ehrlich: Ein Kind MUSS nicht lernen, dass es ok ist, gewaltsam hingelegt zu werden. Wir sollten hier also echt nach besseren Lösungen suchen. Im Krabbeln zu Ende Wickeln ist so eine Lösung.

Zu diesem Zeitpunkt gaben wir uns auch das Kinderzimmer als festen Wickelort auf. Wenn Zwergnase gerade im Wohnzimmer spielte, legte ich die Wickelunterlage eben dort bereit. Oder ich verzichtete ganz auf die Wickelunterlage und ließ meine Tochter den Ort frei bestimmen.

Das war aber noch nicht das Ende. Irgendwann kam liegend Wickeln für meine Tochter überhaupt nicht mehr in Frage. Selbst wenn sie sich selber hinlegte, blieb sie nicht lang genug geduldig. Wir waren wieder an einem Punkt, an dem das Wickeln uns beide stresste. Das war ungefähr zu der Zeit, als sie endgültig frei lief und das Krabbeln als Fortbewegungsmittel vollständig aufgegeben hatte. Kurz nach ihrem ersten Geburtstag,

Ich entschied, sie von nun an im Stehen zu wickeln.

Ist gar nicht so kompliziert, wie es klingt. Jedenfalls nicht komplizierter, als du es dir vor der Geburt vorgestellt hast, dein zartzerbrechliches Neugeborenes zu wickeln. Wenn du es ausprobieren willst, lege ich dir Höschenwindeln ans Herz. Mit herkömmlichen Windeln geht es auch, braucht aber einige Handgriffe mehr. 

Ich wickele meine Tochter mittlerweile fast nur noch im Stehen, außer, sie legt sich freiwillig hin. Das hat unsere Wickelroutine unglaublich entspannt. Sie braucht nicht mehr liegen, ich kann wieder ohne Eile die Windel wechseln. Zwei Bedürfnisse perfekt geundet. Ein weiterer Vorteil: Wir brauchen unterwegs keine Wickelräume mehr aufsuchen. Eine einigermaßen saubere öffentliche Toilette oder bei schönem Wetter ein hübscher Baum zum festhalten, tun es nun auch.

Mittlerweile läuft der (unbeliebte) Windelwechsel hier also so ab: Ich kündige Zwergnase in einem günstigen Moment an, dass ich sie wickeln will, zeige ihr ggf. die neue Windel, und frage sie, wo ich sie wickeln darf bzw. bitte sie sich ein Spielzeug zu nehmen oder sich einen Platz auszusuchen. Sie rennt dann meist erst noch eine Weile hin und her, geht schließlich in ihr Zimmer, ans Buchregal oder den Spieletisch, oder in einen anderen Raum. Manchmal stellt sie ich an die Couch. Manchmal an die Badewanne. Wo auch immer sie einkehrt, wechsele ich ihr fix die Windel. Überwiegend im Stehen, ab und an auch wieder freiwillig im Liegen oder auch mal ganz kreativ im Sitzen beim Bücher gucken. Sie hält still, hebt die Füße an und beschäftigt sich. Sie wartet, bis ich die Knöpfe ihres Bodys wieder zu gemacht habe, die ich ihr wie einen Countdown vorzähle. Mehr Kooperation geht überhaupt nicht. Das ist für ihr Alter schon unglaublich viel Mithilfe und Akzeptanz.

Kein Wunder also, dass sie manchmal trotzdem nicht mag.

Sie kann diese Disziplin einfach nicht unter allen Umständen vier oder fünf mal am Tag reibungslos abrufen. Schon gar nicht, wenn ein anderes Bedürfnis gerade überwiegt.

Wenn ich mir das bewusst mache, dann ist es eben voll ok, wenn sie den Windelwechsel doch mal ablehnt oder ungeduldig mitten im Prozedere losflitzt. Dann flitze ich ihr halt hinterher und wir machen ein Spiel daraus. Ich kann damit besser umgehen, seit ich mir klar mache, dass sie oft genug kooperiert. Dass sie mich nicht ärgern will, sondern einfach nicht anders kann.

Apropos Kooperation: Bei Oma, Opa und Papa legt Zwergnase sich mittlerweile übrigens FAST IMMER freiwillig zum Wickeln hin. Ob mich das stört? Ob ich das Gefühl habe, etwas falsch gemacht zu haben? War ich zu ›inkonsequent‹? NEIN ÜBERHAUPT NICHT.

Im Gegenteil: Ich freue mich darüber sogar. Das zeigt mir wieder, wie toll mein Kind in dieser Sache kooperieren kann, und offenbar sogar schon ein Verständnis für die unterschiedlichen Vorgehensweisen entwickelt hat. Sie weiß, dass ICH kein Problem damit habe, sie im Stehen zu wickeln. Oma, Opa und Papa wechseln ihr die Windel deutlich seltener, und finden Wickeln im Liegen auch einfach sehr viel cooler. Zwergnase kommt ihnen also im wahrsten Sinne des Wortes entgegen, breitet manchmal sogar selbst ihre Wickelunterlage aus und legt sich darauf. Wahnsinn! Und für mich nochmals verständlicher, dass sie unsere Wickelroutine genießt, bei der sie ihren Bewegungsdrang nicht ganz so sehr unterbinden braucht. Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass sie inzwischen durchaus bereit wäre, sich auch auf meine Bitte hin wieder dauerhaft zum Wickeln hinzulegen, lasse ich ihr weiterhin den FREIRAUM, darüber selber zu entscheiden. Es ist für uns beide schöner so.

Aber was, wenn der Windelwechsel wirklich JETZT SOFORT sein muss?

Manchmal kommt das vor. Sei es aus Termindruck, weil wir ehrlich loswollen und die Windel unbedingt vorher gewechselt werden soll, unterwegs, oder bloß aus einem persönlichen Empfinden heraus. Es gibt Momente, da habe ich die Geduld ganz einfach nicht. Ich würde Lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde.

Dann sage ich das Zwergnase erstmal auch genauso. ›Ich will dich jetzt wirklich wickeln‹.

Statt zu warten, mache ich ihr dann AKTIV ein Angebot an diversem Spielzeug zur Ablenkung und suche einen Ort aus. Unterwegs gebe ich ihr mein Handy mit einer Kleinkind App (Geheimwaffe: Funktioniert im Notfall immer). Zuhause sind es in der Regel ihre Bücher oder Steckpuzzle, die ich ihr auf die Couch lege. Wenn ihr das Angebotene nicht gefällt, gibt es sicher auch noch eine Alternative, und klar, suchen wir trotzdem am liebsten den optimalen Ort, aber wenn es mir jetzt dringend ist, bleibe ich nun auch dabei und wickel sie JETZT. Es ist mMn wichtig in solchen Momenten KLARHEIT auszustrahlen. Keine Wut, keinen Vorwurf oder für das Kind unerfüllbare Erwartungen, sondern Klarheit über die Situation und meine eigenen Bedürfnisse. ›Du findest das blöd. Verstehe ich. Mir ist das aber wichtig, dass wir die Windel jetzt nochmal wechseln. Ich fühle mich nicht gut, wenn wir mit der vollen Windel losgehen,‹ Ich mache dann schnell und spreche ruhig mit ihr. Oft akzeptiert sie die Situation.

Wenn sie doch meckert (was selten, aber durchaus ab und an vorkommt), begleite ich ihren Frust und mache möglichst zügig weiter. Wenn sie loslaufen will, halte ich sie natürlich nicht gewaltsam fest, aber ich komme ihr hinterher und wickel sie im nächsten günstigen Moment zu Ende. Wenn es sein muss, zieh ich die Windel auch einfach beim Laufen hoch, was dann meist zu einem SPIEL ausartet und mit viel Lachen beantwortet wird.

Schon mal dein Baby mit einer Windel quer durch die Wohnung gejagt, euch in die Kuschelecke fallen lassen und nach einer wilden Kitzelattacke Schwupps die Windel über den Nackidei Popo gezogen? Echt nicht? Macht irre viel Spaß. Und Spaß ist in Stresssituationen sowieso das ideale Ventil für Mama, Papa und Kind. Probiere es doch gleich mal aus. 🙂

So kann es funktionieren. Wie ist das bei dir? Welchen Weg hast du gefunden, deinem Kind die Wut beim Windelwechsel zu nehmen? Hast du einen kooperativen Zwerg, oder musst du dir immer wieder eine neue Strategie einfallen lassen? Oder praktizierst du Windelfrei? Wie sind deine Erfahrungen? Xx Fiona 

Wenn Tränen Kullern: Wie Wir Frust Begleiten und Gefühle Annehmen Können

Frustration: Das beklemmende Gefühl, wenn wir Versagen, wenn wir enttäuscht werden, wenn wir uns benachteiligt fühlen und (unseren eigenen oder anderer) Erwartungen nicht gerecht werden können.

Frustration ist ein gewaltiges und sehr subjektives Empfinden.

Jeder Mensch hat eine anders stark ausgeprägte Frustrationstoleranz. Frustration kann sich sowohl in Aggressionen, als auch in Trauer oder in Unmut äußern. Egal wie alt wir sind: Bist du nicht gerade ein absoluter Glückspilz, dann gehört Frustration zum Leben dazu.

Das Blöde: Frust potenziert sich in Situationen, die wir nicht richtig verstehen. Was bei Kindern deutlich häufig der Fall ist, als es bei uns Erwachsenen der Fall sein sollte. Unsere Welt ist wahnsinnig kompliziert, und unsere Kinder stehen gerade erst am Anfang, sie zu entdecken und zu begreifen.

Helfen Den Frust Zu Ertragen

Oft hat meine Tochter eine ganz exakte Vorstellung von Etwas.

Wenn sie zB. mit Bauklötzen Türme baut, dann soll der runde Klotz oben auf der Spitze des dreieckigen Klotzes stehen. Das funktioniert natürlich nicht. Der runde Klotz fällt jedes Mal herunter. Zwergnase ist da erstmal bemerkenswert geduldig, irgendwann ist ihre Frustrationstoleranz aber einfach ausgereizt. Dann meckert und kreischt und schreit sie in den höchsten Tönen. Manchmal reicht das nicht aus, um ihren Frust abzubauen. Sie kommt aus dieser unglaublichen Enttäuschung dann alleine einfach nicht wieder heraus.

Sie meckert also lauthals und zeigt dabei auf den blöden runden Klotz.

Ich hocke mich neben sie, und sie führt mir das Dilemma sogar nochmal vor. Spätestens jetzt ist sie richtig frustriert. Es kommt vor, dass sie in solchen Momenten nach mir haut oder meine Hand nimmt und mich beißt, was ich je nach Empfinden entweder ohne großen Kommentar hinnehme oder mit einem ›aua‹ beantworte. Reicht für den Moment. Stattdessen SPRECHE ich mit ihr über die Situation und verbalisiere ihre Emotionen.

›Funktioniert das nicht? Macht dich das wütend?‹ Ich erwarte natürlich keine Antwort. Auf lange Sich helfe ich ihr auf diese Weise, Worte zu finden. Etwas das wir Benennen können, ist viel greifbarer für unser Verstehen.

›Wirf einen Klotz ans Kissen, vielleicht geht die Wut dann weg.‹ Ich halte ihr den runden Klotz hin, warte kurz und werfe ihn dann selbst Richtung Kissen. Ich zeige ihr einen Weg, ihren Frust anders abzubauen, als durch schreien und wahlloses hauen. Manchmal guckt und lacht sie, wenn ich das tue, weil es wohl urkomisch aussehen muss, wenn Mama Klötze oder Bälle oder Stofftiere wirft. Zwergnase nimmt solche Alternativen ansonsten aber noch nicht wirklich an. Einen Versuch ist es trotzdem wert. Vielleicht findet sie die Idee irgendwann ja ganz cool.

Manchmal meckert sie noch eine ganze Weile weiter, grummelt vor sich hin oder weint vor Wut. Das ist ok. Das ist ihre Art mit dem Frust umzugehen. Ich nehme sie in den Arm, wenn sie das möchte, oder bleibe einfach neben ihr sitzen, bis sie sich beruhigt. Hauptsache nicht alleine. 

›Sollen wir einen neuen Turm bauen?‹ Zusammen mit Bauklötzen spielen, macht sowieso viel mehr Spaß.

Anderes Szenario. Wenn der Joghurtbecher, den sie fleißig nach dem Mittag löffelt, leer ist, dann habe ich darauf keinen großen Einfluss. Falls ich nicht gerade noch mehr davon im Kühlschrank stehen habe, kann ich nichts anderes tun, als ihr das mitzuteilen. Ich kann ihr natürlich eine Alternative anbieten, aber wenn es halt gerade genau dieser Joghurt sein soll, dann wird sie das nicht wirklich zufrieden stellen. Sie wird schreien. Kreischen. Tränen werden kullern. Es ist ihr Ventil, mit dem sie Luft und den Frust ablassen kann.

Ich nehme sie hoch auf den Arm, wenn sie mag, oder gehe zu ihr in die Hocke. ›Du bist traurig, weil der Joghurt leer ist. Mhmm. Ist ja auch echt blöd. Der ist lecker. Ich verstehe dich total.‹ Ich flüstere meistens, wenn ich in solchen Situationen mit meiner Tochter spreche.

Das Flüstern hat sich bei uns so eingeschlichen. Bei UNS funktioniert das. Es erreicht sie irgendwie besser. Ich kann dir gar nicht genau erklären, woran das liegt. Ich vermute, dass der Tonfall ihre Aufmerksamkeit schneller (zurück-)gewinnt, als normales Sprechen. Ich weiß  aber nicht, ob das in ein paar Monaten auch noch funktionieren wird. Vermutlich nicht. Eine Zeitlang habe ich ihr Kinderbuchverse ins Ohr geflüstert, wenn sie sich zB. weh getan hat. Das bringt inzwischen aber auch nicht mehr viel.

Eine andere häufige Szene: Die Babyschaukel auf dem Spielplatz ist gerade besetzt. Ist sie eigentlich immer. Zwergnase liebt aber schaukeln, und wenn sie sich entscheidet, schaukeln zu wollen, dann will sie das JETZT. Geht aber nicht. Natürlich nehme ICH Rücksicht auf die anderen Kinder (mir bleibt auch gar nichts anderes übrig). In der Regel läuft das so ab: Ich halte sie fest, wenn sie in die schaukelnden Kinder hineinlaufen will. Hocke mich dabei so hinter sie, dass ich sie praktisch umarme. So bleiben wir im Sand vor der Schaukel hocken und ich flüstere ihr ins Ohr: ›Guck, die Schaukel ist besetzt. Macht dich das traurig? Du willst auch schaukeln, habe ich Recht? Wir warten hier, bis die Schaukel frei wird.‹ Ich fange dann oft an, mit einer Hand im Sand zu buddeln. Zwergnase stimmt da, wenn sie in Stimmung ist, meistens schnell mit ein. Verkürzt die Wartezeit. Wenn die Schaukel endlich frei wird, SAGE ich ihr das auch. Ich setze sie nicht kommentarlos darauf.

Ihr merkt schon, ich finde es wahnsinnig wichtig, mit meinem Kind zu sprechen. Ist vielleicht ein Sprachwissenschaftler Tick.

Oft sind es nun aber gar nicht ihre Spielsachen oder konkrete, für mich beobachtbare (!) Situation, die sie frustrieren. Dann kommt es zu diesen unangenehmen Momenten, in denen sie mitten im Raum steht und aus scheinbar heiterem Himmel schreit, nach mir haut oder mir in die Hand beißt, wenn ich zu ihr komme.

Und ich Depp weiß überhaupt nicht warum. Sie kann es mir ja (noch) nicht sagen.

Ich bitte Zwergnase dann, mir zu zeigen, was passiert ist oder was sie haben möchte. Wenn sie noch nicht zu sehr von ihren Gefühlen überrollt wurde, klappt das sogar schon ziemlich zuverlässig. Sie stapft irgendwohin, zeigt auf etwas ganz Bestimmtes und ich kann ihr Problem lösen.

Manchmal funktioniert das aber nicht. Oder ich verstehe sie trotzdem nicht. Dann kann ich nichts anderes tun, als mich nur zu ihr zu setzen oder sie hochzunehmen und ihr zu versichern, dass es total ok von ihr ist; dass ich ihr auch gerne helfen würde, aber eben gerade wirklich nicht weiß wie. So blöd das auch klingt, es ist einfach die WAHRHEIT.

Wir stehen das zusammen durch. Ich lasse sie nicht alleine, auch wenn sie zukneift. Noch sind Schreien und Hauen und Beißen und Co eben ihre einzigen funktionierenden Kommunikationsmittel.

Ich höre ihr also zu. Einer Freundin würde ich auch die Schulter zum Ausweinen anbieten.

Gefühle Ernst Nehmen

Wenn Zwergnase frustriert ist, und mein Mann oder ich nicht gerade die optimale Lösung parat haben, dann sind wir TATSÄCHLICH machtlos. Wir können überhaupt nichts anderes tun, als den Frust anzunehmen und zu begleiten.

Hier mal ein wenig Laien Input.

In einem sind wir uns vermutlich einig: Kinder haben noch nicht annähernd dieselbe Frustrationstoleranz, wie Erwachsene (und auch viele Erwachsene sind schnell frustriert!). Ein zerbrochener Keks kann für ein Kind ein echtes Drama sein. Das ist einfach so. Das Kind hat einen Plan und der Plan zerplatzt. Und auch wenn der Plan bloß war, einen GANZEN Keks zu essen. Ein ZERBROCHENER Keks ist nun mal NICHT dasselbe. Die Folge: Frust.

Kleinkinder können solche Emotionen nicht kontrollieren und umlenken, geschweige denn reflektieren, wie es ein Erwachsener kann.

Das sind wahnsinnig komplexe kognitive Prozesse, die  da stattfinden müssen. Niemand erwartet von einer Einjährigen, im Zahlenraum bis Hundert rechnen zu können, aber Emotionen zu kontrollieren und reflektieren (was sehr viel komplexer ist), wird von unserer Gesellschaft einfach so als eine soziale Selbstverständlichkeit angenommen. Emotionen überschwemmen Kleinkinder im wahrsten Sinne des Wortes und legen den Präfrontalen Cortex, unser zentrales Steuerungssystem im Gehirn, in welchem das logische Denken, Handlungsplanung und Emotionskontrolle stattfinden, und der außerdem mit dem Sprachzentrum benachbart ist, einfach mal komplett lahm.

Da passiert ein Kurzschluss im Gehirn. Und das passiert auch oft genug Erwachsenen noch, die dem Partner eine Ohrfeige geben oder verbal zuschlagen, ohne VORHER darüber nachzudenken.

Unsere Kinder KÖNNEN das noch überhaupt nicht steuern. Sie schreien, wüten und schlagen um sich.

Oft verstehen sie in solchen Momenten auch unser Worte nicht mehr (da ja auch das angrenzende Sprachzentrum nicht mehr einwandfrei arbeiten kann). Mimik, Berührung und Tonlage sind für sie sehr viel einfacher zu Encodieren. Das kommt deutlich schneller an. Ich spreche trotzdem ganz viel mit meinem Kind in diesen Momenten. Einfach weil es MIR hilft mit der Situation umzugehen. Und wenn sie  den Punkt gefunden hat, an dem sie wieder aufnahmefähig für Sprache ist, will ich außerdem nicht Schweigen.

Die Fähigkeit Emotionen und emotional impulsive Ausbrüche (zumindest theoretisch) zu kontrollieren braucht mehrere Jahre (!), um auszureifen, und wird mit der Zeit immer mehr Raum für reflektiertes Nachdenken über Situationen hergeben. Bis dahin ist es aber für ein Kleinkind noch ein unheimlich steiniger Weg. Bis dahin muss es noch etliche tränenreiche Erfahrungen sammeln, Frust aushalten und nach und nach alternative Wege kennenlernen, mit seinen Gefühlen umzugehen.

Es ist mMn enorm wichtig uns in Situationen, in denen unsere Kinder frustriert sind, bewusst zu machen, dass sie gar nicht anders können. Sie durchleben echte Emotionen, die sie  mitreißen und überfordern und nicht mehr loslassen. Der zerbrochene Keks und der leere Joghurt sind Liebeskummer. Der zusammenfallende Klötzchenturm ist eine nicht bestandene Abschlussprüfung. Es ist wirklich ein Drama für meine Tochter. Sie tut nicht nur so.

Die Falsche Perspektive

Wenn ich mir also vor Augen führe, dass mein Kind, gar nicht anders kann und mich auch nicht ärgern will, egal wie banal oder ärgerlich die Situation auch auf mich wirken mag, dann kommt Erziehung hier sowieso NICHT weiter. Gefühle aberziehen? Umerziehen? Macht das Sinn? Nicht wirklich.

Erziehung stemmt sich gegen den Frust des Kindes. Gar nicht, WEIL das Kind frustriert ist (darauf schaut Erziehung erstmal gar nicht), sondern, weil es den Frust nicht in einer gesellschaftskonformen Art und Weise ausdrücken KANN. Das Kind soll sich also mal nicht so anstellen, es muss jetzt halt lernen und begreifen, dass es nicht immer nach seiner Nase geht. Es ›trotzt‹ und ›will doch nur seinen Willen durchsetzen‹. Die Konsequenz: Wenn es jetzt nicht aufhört zu schreien und zu hauen, dann räumen wir die Bauklötze eben weg. Und noch einen Joghurt gibt es bei dem Verhalten sowieso nicht.

Diese Vorstellung vom Kind als Wutzwerg ist einfach nicht richtig.

Die unterstellte Absicht entspringt einer erwachsenen Perspektive auf die kindliche Welt, die völlig vergisst den Blickwinkel des Kindes einzubeziehen. Schau hin: Dein Kind ist wirklich wütend oder traurig, und mit diesem Gefühl überfordert. Es braucht deine Hilfe.

Die erzieherische Antwort auf das ›trotzende oder bockende Kind‹ ist häufig Schimpfe oder Ignoranz. Ich lese in Foren oft, dass Kinder dann ignoriert werden. Das empfinde ich als wahnsinnig grausam.

Im Ernst: Wenn du dein Kind dazu anhältst, seinen Frust zu unterbinden und wieder brav mitzuspielen, dann vermittelst du deinem Kind zwangsläufig, dass es FALSCH ist, Gefühle zu haben und zu zeigen. Dein Kind durchblickt nicht, dass es dir eigentlich ›nur‹ um die irgendwie unpassende Ausdrucksform geht. Dein Kind denkt, es ist jetzt weniger liebenswürdig, weil es diese Gefühle hat (die es selbst nicht mal versteht) und versucht sie dir mitzuteilen und loszuwerden. DAS kommt beim Kind an! Eine ganz einfache Message: Ich liebe dich SO nicht genauso sehr, wie ohne diese Gefühle.

Zu allem Überfluss ist das ein riesen Teufelskreis, denn das macht ja umso trauriger. Noch mehr Gefühle. Noch mehr Hilflosigkeit. Noch mehr Frust und Tränen. Jetzt wirft dein Kind sich eventuell auf den Boden.

Irgendwann ebben Emotionen ab. Niemand ist dauerhaft frustriert. Unser Gehirn ist im Prinzip ziemlich gut darin, Dinge mit anderen Dingen zu überblenden, wenn sie unsere Aufmerksamkeit erstmal bekommen haben. Bei Kindern passiert das oft genauso plötzlich, wie auch der Frust aufgekommen ist. Die Tränen trocken. Erziehung klopft sich löblich auf die Schulter. Aber hat dein Kind verstanden, was da gerade mit ihm passiert ist?

Hat dein Kind sich gesehen gefühlt? Oder hat es einfach aufgegeben (dir zur Liebe!) und hingenommen, dass sein Gefühl FALSCH war?

Je nach Veranlagung deines Kindes, wird es auf lange Sicht den Schluss ziehen, dass es mit seinen Gefühlen nicht zu dir (und vielleicht auch nicht woandershin) kommen braucht. Solche Menschen neigen dazu, ihre Probleme in sich hineinzufressen. Muss nicht sein. KANN ABER.

Ich möchte, dass meine Tochter sich jederzeit gesehen und verstanden fühlt.

Ich lasse sie mit ihrem Frust nicht allein und halte sie nicht dazu an, ihr Verhalten zu unterbinden, sondern bleibe in BEZIEHUNG zu ihr.

Dazu versetze ich mich in ihre Perspektive und mache mir bewusst, wie sie sich gerade fühlt. Anders als Zwergnase bin ich nämlich dazu in der Lage.

Was Ich Tun Kann: Frust Begleiten In 7Schritten

Ich schaue also auf mein Kind, begleite sie und helfe ihr eigene Strategien zu entwickeln, ihren Frust abzubauen.

  • Zunächst mal immer auf Augenhöhe gehen. Blickkontakt auf derselben Höhe vermittelt Nähe und Verbundenheit. Ich bin da. Ich sehe dich.
  • Immer gut: Eine Lösung finden. Was ist gerade ihr Bedürfnis? Was möchte sie eigentlich ausdrücken? Worüber ist sie wütend oder traurig? Kann ich das ändern? Vielleicht steht ja doch noch ein Joghurt im Kühlschrank. Und vielleicht tut es auch ein Keks. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, dass der runde Klotz auf dem Dreieckigen steht, vielleicht mag sie einfach nicht mehr alleine weiterbauen. Hinsehen. Erkennen. Lösen. Wahnsinnig schönes Gefühl, wenn mein Kind wieder lacht.
  • Manchmal gibt es keine Lösung. Und ja, die Welt wird sich weiterdrehen. Aber das ist kein Grund Zwergnases Gefühle klein zu machen. Ich nehme meine Tochter immer ernst. Das zeige ich ihr, verbalisiere die Situation und ihre Gefühle. Wenn der Klötzchen Turm zusammenfällt, dann ist das für sie so richtig schlimm. Darf es auch. Und das sage ich ihr auch. Kein Seminarvortrag. Einfache Worte. Dabei bleibe ich außerdem erstmal möglichst auf einer emotional empathischen Ebene. ›Du bist wütend. Ist ok. Ist ja auch wirklich blöd.‹ (Logische Erklärungen können folgen, wenn mein Kind wieder aufnahmefähig ist.)  Das hilft MIR die Situation aus ihrer Perspektive zu greifen. IHR hilft es auf lange Sicht Worte für ihre Gefühle zu finden, was ich mir wahnsinnig erleichternd vorstelle. Unvorstellbar was für ein Chaos in ihrem Kleinkindkopf herrschen muss, ohne Worte für die Gedanken und Gefühle zu haben, die sie da überkommen.
  • Flüstern (Ist sowieso viel cooler, als laut und ekelig zu werden). Uns hilft das. Du könntest es auch mit einem Kinderlied probieren. Erstmal einfach nur eine bekannte Melodie summen, Aufmerksamkeit zurückgewinnen. Präsent sein. Hauptsache dein Kind merkt: Mama ist da. Erklären und reden kannst du danach immer noch.
  • Alternative Strategien anbieten, um den Frust abzubauen. Ich versuche, wann immer es sich anbietet, situationsabhängig Vorschläge zu machen: zB. Klötze oä. in sicherer Umgebung werfen, ein Kissen hauen, den Frust feste wegpusten oder mit dem Fuß aufstampfen (geht eigentlich immer). Wichtig: Es ist nur ein Angebot. Erwarte nicht, dass dein Kind das direkt umsetzt. Aus dem Angebot wählt dein Kind beizeiten selber, wenn es kognitiv dazu bereit ist.
  • Wenn es ganz schlimm ist: Aus der Situation herausnehmen. Die Klötze erstmal beherzt zur Seite schieben, meine Tochter, sobald sie es zulässt, hochnehmen und zB zum Fenster gehen. Oder vom Sandkasten weg auf die Wiese schlendern. Oder im Supermarkt zwei Gänge weiter spazieren. Keine Hektik. Ist ja in Ordnung (und wichtig!), dass dein Kind weint und wütet. Ein Tapetenwechsel ist aber manchmal einfach gar nicht verkehrt. Was schönes zeigen. Ablenken. Heraushelfen.
  • Ganz Wichtig: Hinschauen. Ich habe meine Tochter im Auge, sehe ihre Reaktionen. Möchte sie gerade überhaupt meine Unterstützung, oder zieht sie sich zurück, wehrt Berührung ab und will gerade lieber erstmal ganz alleine wüten? Auch das ist ok.  Dann bleibe ich einfach bei ihr sitzen, sage ein zwei Worte und warte.

Du kannst die Liste beliebig erweitern. Was hilft Euch?

Es ist in Ordnung Gefühle zu zeigen. Genaugenommen ist das sogar total wichtig. Einer guten Freundin würde ich niemals untersagen, sich bei mir auszuweinen und abzulästern. Bei meinem Kind sehe ich das ganz genauso. Das heißt nicht, dass ich ihren Willen immer erfüllen kann oder immer die optimale Lösung parat habe. Das heißt nur, dass ich sie annehme und begleite, und ihr helfe mit dem Frust verantwortungsvoll umzugehen. Nicht mehr und nicht weniger als das. Xx Fiona

Die Villa Kunterbunt. Oder: Wie Wir Ohne Erziehung Leben Und Glücklich Damit Sind

›Darf sie jetzt einfach alles tun und lassen, was sie will? Hast du gar keine Bedenken, dass sie dir später einmal auf der Nase herumtanzt?‹

So oder so ähnlich begegnen mir Menschen, denen gegenüber ich erwähne, dass ich nicht erziehe. Von Erstaunen und Kopfschütteln, bis hin zu Entsetzen ist so ziemlich die gesamte Palette an möglichen Reaktionen abgedeckt. Erfahrungsgemäß überwiegen allerdings Ablehnung und Augenrollen, also vermeide ich es, darüber zu sprechen. Ich erzähle lieber nur noch davon, wie wir konkrete Situationen meistern, anstatt unsere Lebensweise zu benennen und zu begründen. 

Heute mache ich eine Ausnahme. Damit ihr wisst, worum es mir hier eigentlich geht, und WARUM ich mich für diesen Weg entschieden habe.

Ich frage mich ja oft, wie sich die Leute ein Leben ohne Erziehung eigentlich vorstellen. Mir fallen dann auf Anhieb ein Haufen Vorurteile ein, die du haben könntest. Zugegeben: Unerzogen ist ein unbequemes Wort. Ich mag dieses Wort auch nicht. Es stemmt sich ohne Rückfahrschein gegen alle die Glaubenssätze, mit denen der Großteil von uns aufgewachsen ist, und weckt darüber hinaus Assoziationen von VERzogenen Kindern, obwohl das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat.

Meine Tochter ist nicht dieses freche ›Blag‹, das deinem Kind im Buddelkasten Sand in die Augen wirft, ohne dass Mama hochguckt und etwas dazu sagt. Sie ist auch nicht das ›Arschlochkind‹, das im Supermarkt die Regale ausräumt und dir galant ein Paket Zucker vor die Füße wirft, während Mama mit der Nachbarin einen Plausch hält. Natürlich achte ich auf mein Kind und reagiere auf sie. Immer. Würde ich das nicht tun, dann wäre das, wenn überhaupt antiautoritäre ErziehungUnd das ist tatsächlich etwas VÖLLIG ANDERES, als das, was wir tun.

Mir ist es genauso wichtig wie dir, dass mein Kind im Restaurant weder Kellner noch andere Gäste stört. Nachmittags möchte ich vom Spielplatz zurück nach Hause gehen, und mein Kind wird genauso deswegen weinen, wie deines. Die cremefarbenen Wände im Wohnzimmer mag ich auch genauso wenig lustigbunt mit Filzstift bemalt haben, wie du. Mit dem UNTERSCHIED, dass ich nicht in Schimpftriaden ausbrechen werde, wenn es dann doch passiert. Ich schaue mir das Schlamassel erstmal an und atme. Und dann erkläre ich Zwergnase, was mir gerade nicht gefällt. Finde eine brauchbare Lösung und mache mir dabei einfach mal klar, dass ihre Perspektive eine ganz andere ist.

Nicht zu erziehen, bedeutet NICHT, mein Kind machen zu lassen. Ich nehme mich nicht aus meiner Verantwortung. Nicht im Geringsten.

Nicht Zu Erziehen Ist Harte Arbeit

Es geht um (Selbst-)Reflexion und das fortwährende Hinterfragen von Glaubenssätzen. Es geht um das Erkennen von Bedürfnissen und Finden von Lösungen, die uns glücklich machen, statt uns voneinander zu entfernen.

Es geht darum, sich über die kindliche Kognition bewusst zu werden.

Wie sieht mein Kind die Welt? Was passiert in ihrem Kopf? Was ist ihre Idee, ihre Perspektive? Wie steht es um ihre Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Empathie? Und warum macht es aus Sicht des Spracherwerbs ohnehin keinen großen Sinn dauernd Nein und Nicht-Botschaften zu formulieren?

Es geht um die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren.

Wenn ich etwas nicht möchte, dann sage ich das meiner Tochter. Aber ERSTENS stehe ich dann auch wirklich dahinter. Und ZWEITENS erwarte ich weder, dass sie mich versteht, noch, dass sie es genauso sieht (bloß weil sie es versteht) und anstandslos umsetzt. Von einer Freundin würde ich auch nicht erwarten, dass sie JEDEN meiner Ratschläge annimmt. Ich würde es bis zu einem gewissen Punkt aushalten, wenn sie etwas macht, was ich zwar richtig blöd finde, aber trotzdem verantworten bzw. mit meinen Wertvorstellungen vereinbaren kann. Ich würde aber sofort (meine!) Verantwortung übernehmen und sie aufhalten, wenn ICH WÜSSTE, dass es ihr oder anderen schadet. Und genauso gehe ich eben auch mit meiner Tochter um.

Ich schütze mich und Andere und jegliche Eigentümer. Ich schütze selbstverständlich meine Tochter, in Situationen, die sie nicht einschätzen kann. Ich begleite dann ihren Frust und spreche MIT ihr. Ich entschuldige mich bei ihr, wenn ich ein STOP setze, dass vielleicht nicht gerade lebensnotwendig, aber für mich gerade eben echt wichtig ist. Ist doch logisch, dass sie das nicht toll findet. Ich habe Verständnis für Zwergnase, weil ich mir ständig bewusst mache, dass die Situation aus ihrer Perspektive einfach noch ganz anders ausschaut.

Auf diese Art und Weise mit meinem Kind umzugehen, ist harte Arbeit. Das bedeutet zu hinterfragen und zu überlegen und eben nicht einfach nur zu machen, was ALLE machen würden.

Eine schnöde ›Wenn-Dann Ansage, und wenn das Kind dann immer noch nicht hört, muss es mit der Konsequenz eben leben‹ ist mMn viel einfacher. Ich setze dann einfach um, was ich selbst gelernt habe -unabhängig davon, wie ich das als Kind empfunden habe.

Einfach ist aber nun mal nicht zwangsläufig besser.

Fakt ist, wenn Erziehung bedingungslos funktionieren würde, gäbe es nicht so viele erzogene Kinder, die tatsächlich VERzogene Kinder sind. Kinder, die einfach nicht in die Form hineinpassen, in die ihre Eltern sie versuchen hineinzuerziehen. Kinder, die nicht gehört und nicht gesehen werden. Kinder, die unter Erziehung richtig mies leiden und das als Erwachsene Ausbaden müssen. Ich möchte nicht behaupten, dass jedes erzogene Kind einen schwerwiegenden Schaden davonträgt. Natürlich gibt es Kinder, die damit umgehen lernen. Aber ich denke, wir alle buckeln große und kleine Päckchen auf unseren Schultern.

Unsere Villa Kunterbunt

Wir haben uns für den Verzicht auf Erziehung nicht entschieden, weil es einfacher ist. Auch nicht, weil wir sicher sein könnten, dass unsere Tochter deswegen nun irgendwie zu einem besseren Menschen wird (können wir nicht, aber darum geht es auch überhaupt nicht!). Sondern weil es sich gut anfühlt. Weil es uns GLÜCKLICH macht, unsere Tochter bedingungslos gewaltfrei, respektvoll, verständnisvoll und geliebt aufwachsen zu sehen.

Stell dir unser Zusammenleben ohne Erziehung als ein Haus vor: Ein Fundament, vier Wände und ein kunterbuntes Dach.

Das Fundament: Die Haltung

Im Fundament steht die Haltung. Nicht zu Erziehen ist keine (!) Methode, sondern eine Haltung. Es ist die tiefe Überzeugung, meine Tochter nicht gewaltsam formen zu wollen, sondern sie anzunehmen, wie sie ist. Das ist ungefähr so, wie vegan leben, weil du davon überzeugt bist, Tieren kein Leid antun zu wollen. Du machst das, weil du es fühlst.

Ob es der absolut megageniale richtige Weg ist, oder doch nur ein Weg unter vielen anderen Wegen, ist erstmal irrelevant.

Du brauchst also eigentlich nur auf dein Herz zu hören. So einfach das ist, so schwierig ist das aber mit Herzenssachen oftmals auch. Es bedeutet nämlich, dass du nicht nur ein Bisschen so leben kannst. Entweder die unerzogen Haltung ist da, oder nicht. Entweder du lehnst Erziehung ab, oder nicht. Entweder du bist bereit dein Tun zu hinterfragen, oder eben nicht.

Um eines mal direkt klar zu stellen: Natürlich läuft nicht immer alles wunderbar unerzogen rund. Natürlich mache ich Fehler. Dauernd.

Natürlich kann ich manche Glaubensansätze, die mir da jahrelang anerzogen wurden, nicht von heute auf morgen komplett ablegen. Das ist nicht nur unmöglich, das würde vermutlich auch zur persönlichen emotionalen Katastrophe führen.

Wir sind auf dem Weg. Jeden Tag ein Stück. 

Aber: Die Haltung ist eben da, egal was ich tue. Ich lehne Erziehung zu jedem Zeitpunkt ab. Ich hinterfrage mein Tun immer. Und wenn ich zu dem Schluss komme, dass das jetzt blöderweise eben doch erzieherisch war, dann entschuldige ich mich bei meinem Kind und suche andere Wege.

Warum ich das tue? Weil Erziehung Gewalt ist. Das ist MEINE Einstellung dazu. Erziehung formt. Erziehung lehnt ab oder stärkt Verhaltensweisen, aber hinterfragt sie nicht.

Der Erziehungsbegriff: Der Zögling wird vom ihn Erziehenden in ein genormtes Muster hineinerzogen, dabei werden unerwünschte Verhaltensweisen durch negative Rückmeldungen konsequent ausgesiebt und erwünschte Verhaltensweisen bestärkt, um den Zögling mit den Erwartungshaltungen konform zu machen (Erziehungsziel). Zu diesem Zweck nutzt der Erziehende das Machtgefälle zwischen ihm und dem ihm jederzeit UNTERgeordneten Zögling zu jedem Zeitpunkt aus, und wendet Formen verbaler, psychischer, physischer oder struktureller Gewalt an (Erziehungsmethoden).

Erziehung ohne Gewalt ist faktisch nicht möglich, denn Erziehung beruft sich immer auf die ihr zugrundeliegende Erziehungsgewalt.

Du kannst NATÜRLICH umsichtig sein, wenn du dein Kind erziehst,  auf die richtig krassen Methoden verzichten (was ich dir ans Herz lege) und auf Augenhöhe gehen, aber  spätestens beim  Beharren auf ein nicht notwendiges Verbot oder Gebot, berufst du dich wieder auf die grundlegendste Form erzieherischer Gewalt: Den Machtmissbrauch.

Das klingt hart, ich weiß. Ist es  ja auch.

Entweder lachst du mich jetzt aus oder schüttelst getriggert den Kopf. Verstehe ich. Ehrlich. Ich habe ja selbst vor gut anderthalb Jahren noch gesagt und gedacht, Erziehung muss sein. Bis mir DAS bewusst geworden ist.

Der Verzicht auf Erziehung richtet sich also gegen erzieherische Gewalt. Es ist nämlich verdammt ungerecht, mit einem Kind so umzugehen.

(Anmerkung: Schützende Gewalt behält auch in Abwesenheit von Erziehung ihre Berechtigung. Hier geht es zB. um die Sicherheit und Gesundheit meines Kindes. Wenn Zwergnase auf die Straße rennen will, halte ich sie selbstverständlich fest. Der Unterschied: Ich schimpfe anschließend nicht. Ich setze ein klares STOP und erkläre es ihr.)

So Weit so Gut. Das ist also nun MEINE Haltung.

Wenn du es legitim findest, deinem Kind erzieherisch ENTGEGENzutreten, dann ist das für mich erstmal völlig in Ordnung. Wir können trotzdem Freunde sein. Du bist deswegen jetzt kein gewalttätiger Egoist in meinen Augen, oder irgend so ein Schmarrn. Wenn du die Haltung nicht hast, dann empfindest du Erziehung nun mal nicht als Gewalt. Und das weiß ich auch. Das ist wie Fleisch essen, obwohl ich weiß, dass da Tiere für sterben müssen (Und ich liebe Fleisch). Dann ist ein Leben ohne Erziehung aber eben nichts für dich.

Die vier Wände: Der Konsens

Der Konsens dessen, was ein Verzicht auf Erziehung nun bedeutet, lässt sich auf vier Säulen herunterbrechen: Die Wände unseres Häuschens. Das ist praktisch sowas wie die Verankerung im Hier und Jetzt, die sich aus unserer Haltung für unser familiäres Zusammenleben ergibt.

1. Verzicht auf Bestrafung und Beschimpfung
Stell dir vor, dir rutscht beim Abräumen ein Glas aus der Hand, und dein Partner bäumt sich mit erhobenem Zeigefinger vor dir auf, ›ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, du sollst vorsichtig sein. Du kriegst jetzt keinen Nachtisch mehr. Das hast du nun davon‹. Nicht wirklich freundlich. Auch nicht grad aufbauend oder irgendwie aufschlussreich oder beziehungsfördernd.

Bestrafung ist eine vergleichsweise offensichtliche Form erzieherischer Gewalt. Sei es durch körperliche Ausschreitungen, durch Liebesentzug (zB. Auszeiten) oder eben durch einen strukturellen Machtmissbrauch: ›Es passiert jetzt X, weil ich es sage‹.

Schimpfe ist der kleine Bruder der Bestrafung und ist gegenüber Kindern leider zur Normalität geworden.

Ich habe mein Kind tatsächlich noch nie (!) bestraft oder ausgeschimpft.

Das ist überhaupt nicht notwendig. Wir können über alles reden. Ich sage ihr, wenn ich etwas nicht mag und unterbinde ggf. ihr Verhalten. Ich hole sie auch mal aus einer ganz blöden Situation raus, nehme sie in den Arm und erkläre es ihr nochmal. Aber niemals würde ich ihr das Gefühl vermitteln wollen, dass sie schlecht, ungeliebt und böse ist.

Ich verstehe wirklich nicht, warum das vielen Eltern so unbedacht und leichtfüßig über die Lippen geht.

2. Verzicht auf Belohnung und manipulatives Lob
Wenn ich meine Tochter belohne oder manipulativ lobe, also ein ganz bestimmtes Verhalten positiv bestärke, dann zieht das automatisch die Abwertung des nicht belohnten/gelobten Verhaltens nach sich. Manipulation ist auch schön verpackt eine Form von Gewalt. Tricky.

Versteh mich nicht falsch: Klar bekommt meine Tochter Geschenke. Aber sie bekommt die Geschenke nicht, weil sie etwas Tolles gemacht hat, und ich mich erzieherisch dazu berufen fühle, sie darin bestärken zu müssen, sondern einfach, weil ich sie liebe und unabhängig von ihrem Verhalten beschenken möchte. Ähnlich ist das mit dem Lob. Wenn Zwergnase auf ihr Schaukelpferd klettert, dann freue ich mich natürlich mit ihr: ›Woah du bist alleine aufs Schaukelpferd geklettert, wie genial ist das denn. Ich freue mich.‹ Aber ich vermeide, so gut ich kann, dieses schrecklich gekünstelte ›toll gemacht‹ beim Zähneputzen oder Löffel benutzen, damit sie es am nächsten Tag brav wiederholt.

Zugegeben, manchmal fällt mir das richtig schwer. Ich lobe eigentlich noch ziemlich oft.

Lob klingt auch erstmal echt überhaupt nicht negativ. Ist es auch im Prinzip nicht, finde ich (Und es ist mMn immer noch besser, wenn du deinem Kind halt immer wieder erzählst, wie toll es das macht, damit es sein Essen ordentlich isst, anstatt es mit einer Auszeit zu bestrafen, wenn es das nicht tut!). Für mich kommt es aber eben drauf an, WARUM und MIT WELCHER ABSICHT ich es verwende: Lobe ich DAMIT mein Kind ein Verhalten zeigt, oder lobe ich aus purer Freude und Wertschätzung?

3. Verzicht auf Verhaltensanweisungen und Verbote
Dass meine Tochter nicht uneingeschränkt alles machen kann, was sie will, ist inzwischen hoffentlich deutlich geworden. Ich gehe aber nicht mit einem vorgefertigten Regelkatalog durch den Tag, sondern reagiere AUTHENTISCH auf konkrete Situationen. Ich sage Zwergnase nicht in üblicher Spielplatzmanier schon mal vorsorglich, dass ich es nicht mag, wenn sie mir Sand ins Gesicht wirft. Ich sage es ihr dann, wenn es passiert und es mich WIRKLICH stört. Dann bitte ich sie, in eine andere Richtung oder ihren Eimer zu werfen, oder ich stehe auf, um MICH zu schützen.

Wenn ich ein STOP setze, dann hat das einen echten Grund, statt sich auf einen vorgefertigten erzieherischen Glaubenssatz zu beziehen. Es geht dann um mein Empfinden von Verantwortung , meine Gefühle und meine ECHTEN Überzeugungen.

Und dann kommt es eben auch noch auf das WIE an.

Ich kann meine persönlichen Überzeugungen durchaus abstecken, ohne dabei auf Gewalt zurückzugreifen, indem ich nämlich meinem Kind auf Augenhöhe begegne, mit ihr darüber spreche, Kreativität, Kompromissbereitschaft und Geduld mitbringe. Und ganz wichtig: Indem ich EHRLICH bin. Ich mag kein Sand in den Haaren haben, weil ICH mir nun mal die Haare am Abend deswegen nicht waschen will. Das tut nicht weh. Ich finde es eben einfach nur doof. Und GENAU DAS sage ich ihr dann auch. Klappt trotzdem nicht immer ohne Schweiß und Tränen. Aber im Großen und Ganzen versuche ich auf jegliche über griffige Handlungen und Anweisungen zu verzichten, und stattdessen Lösungen zu finden, mit denen wir alle glücklich sind.

Kompromisse zu finden ist mit einem nicht ganz anderthalbjährigen Kind teilweise echt mühsam, da ich überwiegend natürlich noch alleine Lösungen nach der  Trial-And-Error Methode erproben muss. Später finden wir die Lösungen dann (hoffentlich) gemeinsam. Manche Situation wird das entspannen, andere wird das vermutlich eher noch verkomplizieren.

Wie schon gesagt: Der Verzicht auf Erziehung, ist NICHT der bequemere Weg. Du solltest Lust am Diskutieren mitbringen.

Genauso, wie ich Zwergnase keine vorgefertigten Verbote aufliste, verzichte ich darauf, sie ständig zu erzieherischen Verhaltensfloskeln aufzufordern (Gebote). Klar BITTE ich mein Kind, den runtergeworfenen Keks aufzuheben. Aber Bitten können abgelehnt werden. Natürlich FRAGE ich mein Kind, ob sie sich bedanken möchte. Aber Fragen können verneint werden.

4. Altersgerechter Selbstbestimmung
Die vierte und schönste Wand unseres Häuschens ist kein weiterer Verzicht, sondern eine Bereicherung (Wobei man hier auch vom Verzicht auf Kontrolle sprechen könnte).

Mit ihren 16 Monaten bestimmt meine Tochter über ihren Körper und ihre körperlichen Bedürfnisse selbst. Klingt Komisch? Ist es eigentlich nicht. Ich höre oft, dass so kleine Kinder dieses und jenes und sonstiges ja noch überhaupt nicht entscheiden können. Das trifft auch auf jede Menge Dinge zu. Zwergnase kann nicht über unsere Wohnsituation, unsern nächsten Urlaub und die Finanzen bestimmen. Auch nicht darüber wie viel Freizeit wir zur Verfügung haben und wann Fremdbetreuung notwendig wird. Aber: Sie kann über alles (mit-)bestimmen, das in ihrem erfahrbaren Horizont liegt. Das sind für den Anfang ihre Bedürfnisse.

Im Grunde spricht nur eine einzige Sache dagegen: Unsere ANGST. Selbstbestimmung bedeutet Loslassen und Vertrauen.

Ich sehe das so: Niemand hat das Recht, über meine Tochter und ihren Körper zu bestimmen, außer ihr. Sie gehört sich selbst. Nicht mir. Nicht dem Papa. Nicht Oma und Opa. Nicht der Gesellschaft. Also schläft meine Tochter, wenn sie müde ist. Isst, wenn sie Hunger hat. So viel wie sie eben essen möchte. Und sie kostet auch nur das, was sie mag. Sie bespielt und beschäftigt sich in erster Linie nur mit den Sachen, die sie interessieren. Dazu gehört auf lange Sicht auch selbstbestimmter Medienkonsum. Sie entscheidet, ob sie baden möchte, oder ob wir nur am Waschbecken planschen. Seit Kurzem sucht sie sich ihr Halstuch selber aus. Es werden sicherlich nach und nach weitere Kleidungsstücke folgen. Für die Selbstbestimmung gilt, dass sie immer in einem altersgerechten Rahmen erfolgt. Dazu schaffe ich ein altersgerechtes Angebot an Optionen. Also alles halb so wild.

Ob ich Angst davor habe, dass mein Kind irgendwann nur noch Süßes in sich hineinschaufelt und ausschließlich vor der Glotze hängt? Nein.

Krankhafter übermäßiger Konsum kommt von einem nicht (Er-)Kennen der eigenen Bedürfnisse. Dazu kommt es nicht, wenn ich HINSCHAUE. Selbstbestimmung bedeutet NICHT alleine entscheiden. Natürlich Co-Reguliere ich, wenn ich sehe, dass Zwergnase meine Hilfe braucht. 

Alles andere sind Phasen, die sie, wie jedes andere (erzogene) Kind auch, beizeiten haben wird.

Das Dach: Die Umsetzung

Wir haben nun also ein Fundament und vier Wände, nun fehlt noch das Dach: Die Umsetzung. Wie funktioniert das nun konkret im Alltag, wenn du dein Kind jetzt nicht mehr erziehen willst? Irgendwie willst du ja trotzdem reagieren. Was machst du nun stattdessen, wenn dein Kind sich morgens nicht die Zähne putzen will, das Frühstückstoast amüsiert vom Tisch pfeffert, und nachmittags der Oma das Blumenbeet auseinanderpflückt? Wie viel musst du aushalten, wann musst du eingreifen? Und: WIE?

Ich muss dich enttäuschen.

Hier gibt es kein Patentrezept. Das Dach ist kunterbunt, etwas krumm und aus ganz unterschiedlichen Dachziegeln gebaut. Es kommt niemand und sagt, ›Man Muss, dass unerzogen so und so machen‹. Wäre ja auch wahnsinnig paradox. Dann wäre es ja doch Erziehung.

Die Umsetzung ist individuell. So individuell wie es die Kinder, ihre Mütter und Väter sind. An dieser Stelle musst du deinen eigenen Weg finden. Situationen Hinterfragen, Glaubenssätze reflektieren, Gewalt und Willkür erkennen und kreativ überwinden.

Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse, andere persönliche Grenzen, andere Ängste. Hier musst du also selber aktiv werden, dich selbst und dein Kind kennenlernen.

Das ist auch der Grund, warum ich  hier KEINE allgemeingültigen ›Nicht‹Erziehungstipps  geben kann. Ich kann dir nur von unserem Leben mit der unerzogen Haltung berichten, von unseren Lösungen erzählen und unsere ganz persönlichen Höhen und Tiefen mit dir teilen.  Xx Fiona